Die Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

The Father

Anthony Hopkins in "The Father"

(Foto: Tobis Film)

In "The Father" kann man sehen, wofür Anthony Hopkins im Frühjahr den Oscar gewonnen hat. Und Trashfilm-Nazis reiten jetzt auf Haien.

Von den SZ-Kritikern

Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip

Josef Grübl: Der Belgier Ben Stassen produzierte früher Kurzfilme für Imax-Kinos, seit einigen Jahren inszeniert er Animationsfilme für Familien. Das sieht man auch der Fortsetzung seines 2017 erschienenen Außenseiterabenteuers "Bigfoot Junior" an, das recht flott und farbenprächtig daherkommt, mit einer Vorliebe für Verfolgungsjagden und Landschaftsaufnahmen. Neben der Story über eine Familienzusammenführung in Alaska gibt es eine starke Ökobotschaft, es geht um Greenwashing und die Machenschaften von Mineralölkonzernen sowie um die Freundschaft von Schneehasen und Polarwölfen.

Candyman

Sofia Glasl: Wer ihn fünfmal in einen Spiegel hinein anruft, beschwört den Candyman herauf. Bienen sind seine Vorboten, eine Hakenhand seine Waffe, mit der er die Opfer von hinten aufschlitzt. "Sagt meinen Namen", fleht er beinahe, denn sein monströses Aussehen und der Serienmörder-Mythos sind Ergebnis des kollektiven Traumas, dem Afroamerikaner in den USA ausgesetzt sind. Regisseurin Nia DaCosta und Produzent Jordan Peele deuten den Horrorklassiker zur Tragödie um und hinterfragen in einem klugen Spagat zwischen Körperhorror und Psychodrama die Rolle, die das Geschichtenerzählen sowohl für gesellschaftliche Stigmatisierung als auch Emanzipation spielt.

Coup

Doris Kuhn: Eine wahre Hamburger Geschichte ist es angeblich, eine neue Form von Thriller auf jeden Fall: wie es geht, zweieinhalb Millionen D-Mark unbemerkt verschwinden zu lassen, erklärt der Täter selbst. Der war 1987 Bankangestellter bei Tag und Motorradrocker nach Feierabend, beides war hilfreich. Allein dieser Raub macht Sven O. Hills Film schon großartig, dazu kommt die Art, wie der Räuber davon erzählt - so erfrischend beiläufig, dass Banken wie Gangstern jedes Pathos genommen wird.

The Father

Juliane Liebert: Der Demenz ist in den Künsten ja kaum noch zu entkommen. Ist das Kino, das mit dem Zerfall der Wirklichkeit in einzelne Szenen beginnt, etwa ein besonderes Medium dafür? Da wird es kompliziert. Der französische Autor Florian Zeller hat sein Erfolgstheaterstück "Le Père" verfilmt. In Stil und Besetzung sehr gediegen, mit Anthony Hopkins als zunehmend die Orientierung verlierendem Anthony. Prompt gab's einen Oscar als bester Hauptdarsteller. Verdient, aber Hopkins hatte auch leichtes Spiel. So wie der gesamte Film.

Der Hochzeitsschneider von Athen

Fritz Göttler: Die Zeiten haben sich geändert... und dieser traurig-sanfte Film von Sonia Liza Kenterman erzählt davon, wie man damit zurechtkommen kann. Der Herrenschneider Nikos muss raus aus seinem dunklen Laden (der eh bald von der Bank zwangsgeräumt werden wird), die Männer brauchen keine Maßschneiderei mehr, also zieht er auf den Markt, wo es farbig ist und voller Frauen, die Hochzeitsgewänder bei ihm bestellen für die Töchter. Nikos ist ihnen zu Diensten, wider besseres Wissen und ohne sein Stoneface zu verziehen, liefert weite Kleider und eine schreckliche Menge Rüschen. Ein Aufbruch zwischen Singer und Suzuki. Die Zeiten haben sich geändert, das haben Zeiten so an sich.

Killer's Bodyguard 2

Juliane Liebert: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es diesen Film nicht gäbe.

Land

Helena Zacher: Anhand von Produktionsstätten der Landwirtschaft, beliebten Tourismuszielen und den obligatorischen Volksfesten erzählt Timo Großpietschs Filmessay vom Arbeiten und Leben in der Provinz. In langen, dokumentarischen Einstellungen sieht der Zuschauer, wie aus Eiern Küken schlüpfen, Setzlinge zu Bäumen heranwachsen und Tiere geschlachtet werden. Gesprochen wird in "Land" nicht - das ist aber auch gar nicht notwendig. Denn so langwierig die Szenen sind, beeindruckend sind sie auch.

Martin Eden

Susan Vahabzadeh: Martin Eden ist zur ewigen Einsamkeit verdammt - er stammt aus einfachen Verhältnissen und will unbedingt Schriftsteller werden. Zur Arbeiterklasse gehört er da nicht mehr dazu - und die Familie von Elena, die er liebt, verachtet ihn, solange er keinen Erfolg hat. Als sich seine Bücher dann endlich verkaufen, kann er mit Zuneigung von Leuten, die ihn erfolglos nicht mochten, nichts mehr anfangen. Pietro Marcello hat Jack Londons Roman nach Neapel verlegt, in eine Traumzeit irgendwann im 20. Jahrhundert, und Luca Marinelli spielt den Mann zwischen zwei Klassen und Welten mit großen, traurigen Augen so wunderbar, dass er dafür bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde.

Now

Anke Sterneborg: So wie Jim Rakete ein Leben lang Künstler aus den verschiedensten Bereichen mit der Fotokamera porträtiert hat, tut er es jetzt mit den jungen Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten vor der Filmkamera, ganz nah und unmittelbar. Mit siebzig Jahren, scherzt er, habe er noch einen Propagandafilm gedreht. Ganz entscheidend, statt das Drama der Klimakatastrophe zu beschwören, sammelt er vor allem Perspektiven für die Rettung der Erde und verbreitet mit der Wut, der mitreißenden Energie und dem Esprit der Anstifter unter anderem von "Fridays for Future", Plant-for-the-Planet, "Ende Gelände" und "Extinction Rebellion" die Zuversicht, dass es mit radikalem Umdenken - jetzt noch - zu schaffen ist.

Die Rote Kapelle

Juliane Liebert: Die Rote Kapelle war eine Widerstandsorganisation gegen die Nazis, die immer noch nicht bekannt genug ist. Immerhin gibt es jetzt neben "Harro und Libertas", dem Buch von Norman Ohler, diesen Film von Carl-Ludwig Rettinger, der eine Mischung aus Dokumentation und Spielfilmausschnitten ist. Er erzählt nicht nur von den Hauptakteuren der Kapelle, sondern schafft auch Aufmerksamkeit für die über hundert anderen Mitstreiter, die heute nahezu vergessen sind.

Reminiscence

Tobias Kniebe: Der Klimawandel hat halb Miami unter Wasser gesetzt, die Reichen sind reicher und die Armen sind wütender geworden, aber in Sachen Hypnose gibt es Fortschritte: Menschen in Trance kann man jetzt an einen Simulator anschließen, der einen Trip in die Erinnerung bietet, und der Hypnotiseur kann über eine Art Hologramm dabei zuschauen. Hugh Jackman ist der Reiseleiter in die Vergangenheit, aber eine Femme-fatale-Kundin (Rebecca Ferguson) stiehlt erst sein Herz und verschwindet dann. Danach wird er selbst süchtig nach seinem Apparat. Unnützes Wissen für alle, die dieses clever-dystopische Mindfuck-Kino an Christopher Nolan erinnert: Lisa Joy ("Westworld"), die hier ihr selbstgeschriebenes Spielfilmdebüt vorlegt, ist mit Nolans Bruder Jonathan zusammen.

Sky Sharks

Sofia Glasl: "Sharknado" trifft auf "Iron Sky": Genmanipulierte Nazizombies, die auf fliegenden Haien reiten, versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Klingt wie eine Luftnummer, doch ist die per Crowdfunding finanzierte Horrorkomödie von Marc Fehse, so mutwillig und augenzwinkernd mit Klischees, B-Movie-Zitaten und selbstironischen Gastauftritten überladen, dass der offensichtliche Spaß aller Beteiligten an dieser johlenden Genre-Polonaise ansteckend wirkt.

Son Of The South

Philipp Stadelmaier: Barry Alexander Brown erzählt die (wahre) Geschichte von Bob Zellner (Lucas Till), der sich im Alabama Anfang der Sechzigerjahre als einer der ersten Weißen an die Seite der Bürgerrechtsbewegung stellt. Der von Spike Lee produzierte Film zeigt, wie man als naiver, privilegierter Weißer zum Antirassisten wird - pädagogisch wertvoll und visuell plakativ erschöpft er sich in der Ergänzung der Geschichtsbücher um eine nicht unwichtige Figur.

Tides

Fritz Göttler: Ein Heimkehrfilm, das ist ein eigenes Genre, vor allem im amerikanischen Kino. Die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) kommt auf die Erde zurück, die katastrophal verwüstet ist, nur ein paar Menschen haben sich auf die Weltraumstation Kepler gerettet. Die aber sind plötzlich nicht mehr zeugungsfähig, die Menschheit droht auszusterben. Blake landet in einem Wattenmeer, einer Welt von Nebel, Regen, Schlamm. Aber: Es gibt Anzeichen für Fruchtbarkeit bei den Morastbewohnern dort, den Muds. Zehn Jahre nach seinem Erfolgsfilm "Hell" legt Tim Fehlbaum einen neuen atmosphärisch dichten Science-Fiction-Film aus einer unwirtlichen Zukunft vor, koproduziert von Roland Emmerich. Natürlich hat sich nichts geändert in der wiedergefundenen Welt, immer noch die fiesen alten, totalitären Machtgelüste und -strukturen.

Die Unbeugsamen

Anna Steinbauer: Die politische Macht der Bonner Republik teilten sich hauptsächlich weiße alte Männer. Torsten Körners Film rückt in grandiosen Archivaufnahmen und aktuellen Interviews die Frauen dieser Zeit in den Fokus, die als politische Pionierinnen von ihren Kollegen oftmals wenig ernst genommen wurden und gegen sexuelle Diskriminierung kämpfen mussten. Der aufrüttelnde und erstaunliche Einblicke liefernde Dokumentarfilm zeigt bewegende Momente feministischer Errungenschaften und entlarvt die jahrzehntelange Misogynie auf der politischen Bühne.

The Virtuoso

Anke Sterneborg: Wie in den schönsten Filmen über die Einsamkeit des Auftragskillers wird dessen Schicksal auch hier besiegelt, sobald sein reibungsloses Funktionieren durch Gefühle von Schuld und Reue aus dem Tritt gerät. Leider machen Nick Stagliano als Co-Autor und Regisseur und Anson Mount als Darsteller mit Marlboro-Man-Attitüde aus dem klassischen Loner eine Off-Kommentar-Quasselstrippe. Die Rolle des titelgebenden Virtuosen hätte eher Anthony Hopkins gebührt, doch der agiert nur als Schattenmann im Hintergrund und darf einer Kriegsanekdote Gravitas verleihen, wie überhaupt die interessante Besetzung, unter anderem mit Peter Morse, Abbie Cornish und Eddie Marsan, an einen Film verschwendet ist, dem sein Neo-Noir-Stil wichtiger ist als Story und Charaktere.

© SZ vom 26.08.2021
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