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Die Fernsehkritik:"Warum ist Homosexualität so out in dieser Saison?"

Borat ist schon wieder da: In "Ali G. - In Da USA", Sacha Baron Cohens neuer TV-Show. Doch der wahre Star der Spaßreportagen ist Bruno, schwuler Trendreporter aus Österreich.

Christian Kortmann

Der englische Komiker Sacha Baron Cohen ist der Meister der zwischenmenschlichen Herausforderung: Mit wie viel Anderssein kann man einen Menschen konfrontieren, ehe dieser die Contenace verliert? Um das herauszufinden, schlüpft der 36-Jährige in wechselnde Minderheiten-Rollen und dokumentiert die Begegnungen mit seinen oftmals vorurteilsbeladenen Mitmenschen.

Nach seinem Mega-Kinofilm-Erfolg als kasachischer Reporter Borat, der in den USA die amerikanische Nationalhymne gerne mal mit kasachischem Text singt oder begeistert von der Schamhaar-Ernte in seiner Heimat erzählt, widmet er sich jetzt wieder der Figur, mit der seine Karriere begann: Ali G., der Hip-Hopper ungewisser ethnischer Herkunft, der Mütze, Bling-bling-Halskette und eine große Brille trägt.

Ali G. ist "In Da USA", also in Amerika unterwegs, und da ihn dort noch niemand kennt, überfällt er wie zuvor Borat seine ahnungslosen Gesprächspartner als scheinbar reale Figur. Er schildert etwa dem ehemaligen Polizeipräsidenten von Los Angeles seine Probleme beim Drogenschmuggel.

Doch das Bürger-Erschrecken, das durch den Kontrast des weite Trainingsanzüge bevorzugenden Rappers und den biederen Repräsentanten der Law-and-Order-Politik komisch wirken soll, hat seinen Überraschungseffekt verloren. Das liegt wohl auch daran, dass nach Cohens Vorbild - in bizarre Rollen zu schlüpfen und somit den Gesprächspartner immanent vor eine Dauer-Frage zu stellen - hierzulande schon Erkan & Stefan für eine gewisse "Voll krass"-Übersättigung gesorgt haben.

Auch die Borat-Clips, die in "Ali G. - In Da USA" gezeigt werden, überzeugen nicht: Borats stereotyper Charakter wirkt verbraucht. Ja, man erkennt im Zusammenschnitt von Borat und Ali G. sogar Baron Cohens schauspielerische Beschränkung: Die Unbeholfenheit beider Figuren spielt er mit den gleichen Gesten.

Homophobie und Humor

Aber trotz dieser Mängel gibt es einen Grund, keine Folge von "Ali G. - In Da USA" zu verpassen - nämlich Baron Cohens neueste Figuren-Schöpfung: Bruno, der schwule österreichische Trendreporter.

"funkyzeit mit Bruno" heißt dessen fiktive Show, für die er die USA auf der Suche nach den heißesten Moden bereist. Mit blondiertem Agentur-Iro und ärmellosem Shirt sitzt er auf der Couch von Pastor Quinn, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Schwule zur Heterosexualität zu bekehren. "Warum ist Homosexualität so out in dieser Saison?", wird er von Bruno gefragt, und: "Wie viele Jahre sind Sie schon hetero?"

Sacha Baron Cohen hat für die Bruno-Figur eine eigene Sprache erfunden, deren schwuler Tonfall zwar übertrieben, aber nicht unrealistisch ist. Gut, dass MTV nicht synchronisiert, sondern untertitelt: Denn wirklich fantastisch sind die Dialogpassagen, in denen der Österreicher Bruno mangels englischen Vokabulars deutsche Wörter wie "abspritzen" oder "Schwanz" benutzt.

Bruno bricht die gesellschaftlichen Tabus auf subtilere Weise als Borat oder Ali G. Er entlarvt, dass Homophobie oftmals nur aus Unsicherheit mit der eigenen sexuellen Identität resultiert. So zeigt Sacha Baron Cohen in einer ihm konzeptionell unwürdigen Sendereihe, dass er ein großer Komiker ist.

MTV, dienstags 21.30 Uhr, mehrfache Wiederholungen während der Woche.

© sueddeutsche.de
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