bedeckt München 10°

Die Dylan-Exegese Bendedikts XVI.:Das Sein und der Rausch

Windhauch, ist das alles Windhauch? Der Prophet Bob Dylan sang im September 1997 für Papst Johannes Paul II. und lieferte eine große Show ab - gegen den Widerstand von Joseph Ratzinger.

Alexander Kissler

Es war ein Treffen der Giganten. "Karol und Bob" lauteten die Schlagzeilen der verblüfften Weltpresse nach genau 20 denkwürdigen Minuten: Am Samstag, dem 27. September 1997, sang Bob Dylan mit Cowboy-Hut und Smoking vor 300000 Jugendlichen und einem 77-jährigen Mann namens Karol Wojtyla.

bob dylan papst
(Foto: Foto: dpa)

Der Papst lauschte mit geschlossenen Augen, begrüßte danach herzlich den Song-Poeten und predigte über dessen berühmte Verse, denen zufolge die Antwort, mein Freund, vom Wind verweht werde. Fast aber wäre es zu dieser außerordentlichen Begegnung nicht gekommen.

Der engste Mitarbeiter des damaligen Papstes, Joseph Ratzinger, hatte ganz grundsätzliche Bedenken: "Ich war skeptisch und bin es in gewisser Weise noch immer, ob es wirklich richtig war, diese Art von ,Prophet' auftreten zu lassen." So steht es in einem diese Woche in Italien erscheinenden Erinnerungsbrevier aus der Feder Benedikts XVI.

Singe dem Herrn ein Lied

Das Büchlein mit dem Titel "Johannes Paul II., mein geliebter Vorgänger" wird in der Edizione San Paolo publiziert werden, und es soll vor allem aus berufener Feder den Eindruck bekräftigen, dass kaum ein Blatt passte zwischen den polnischen Pontifex und den deutschen Glaubenshüter - wäre da nur nicht die Popmusik.

Das Gipfeltreffen zu Bologna war damals eingebettet in den Internationalen Eucharistischen Kongress; das Innerste also der katholischen Dogmatik wurde verhandelt, die leibhaftige und dauerhafte Präsenz Jesu Christi in den Gestalten von Brot und Wein. Im Begleitprogramm wollte die Kirche der tatsächlichen und der reiferen Jugend ein Fest spendieren. Adriano Celentano sang und Andrea Bocelli und Lucio Dalla und eben auch Bob Dylan.

Der ganze Abend, ersonnen hauptsächlich von einem Geistlichen aus Bologna, missfiel dem Präfekten der Glaubenskongregation: "Die Künstler hatten eine ganz andere Botschaft als der Papst." Dieser hat die Spannung zwischen Verkündigung und Vergnügen wohl selbst gespürt, federte sie aber geschmeidig ab mit einer Predigt, wie sie Benedikt XVI. nicht über die Lippen käme. Psalm 96, verkündete der Freund der Populärkultur, lade bekanntlich dazu ein, dem Herrn ein neues Lied zu singen.

Ergo hat die gar nicht mehr so neue Klangsprache der Gitarren und Keyboards auch im religiösen Raum ihr Recht. "Ihr, liebe Jugendliche, sagt, die Antworten auf die Fragen eures Lebens treiben im Wind daher. Das stimmt! Aber es ist der Wind, der zugleich der Atem und die Stimme ist des Geistes und der uns ruft: Komm!" Flugs war so aus der wissensskeptischen Textzeile eine Anleitung geworden zum Christsein: Der Dylansche Wind ist in pontifikaler Lesart der Heilige Geist.

Eine großartige Show

Eine solche Deutung behagt Ratzinger nicht. Zum einen ist die Musik des 20. Jahrhunderts ihm selten ein Objekt der Exegese. Bach hingegen nennt er den "wohl größten Meister der Musik aller Zeiten", in Händels "Halleluja" entdeckt er den "Stern des Glaubens", bei Mozart "fühle ich mich am meisten zu Hause." Barock und Klassik können demnach hinführen zur "Wahrheit des Glaubens", Moderne und Postmoderne vermutlich eher nicht.

Zum anderen erwies sich der Menschenfischer aus Wadowice durch seine Dylan-Interpretation einmal mehr als Charismatiker. Er hoffte auf das schöpferische Wehen des göttlichen Geistes, auf Evangelisation durch Inspiration, auf Spontanbegeisterung und Überwältigung. Benedikt hingegen, ein Akademiker von hohen Graden, beharrt auf einer substanz-ontologischen Position: Das Wahre muss erkannt und benannt werden und geschieden vom Mehrdeutigen, Zufälligen, Rauschhaften.

Und Bob Dylan? Nach dem vermutlich sehr gut dotierten Kurzauftritt sprach er von einer "großartigen Show". Er habe keinerlei Probleme damit, vor dem Papst zu singen, Johannes Paul II. sei schließlich nicht Paul VI. Im Übrigen, sprach der als Jude geborene Robert Zimmerman, "haben sich die Menschen seit Moses nicht geändert." Das meint gewiss auch, dass das Buch Kohelet noch nicht widerlegt worden ist: "Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch."

© SZ vom 12.3.2007
Zur SZ-Startseite