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Documenta 1955 bis heute:Gerne monumental

Auf der Documenta dürfen sich Kunstliebhaber auf neue Attraktionen aus der ganzen Welt freuen. Auf den bisherigen Ausstellungen gab es viel Herausragendes, vom Erdkilometer bis zur gigantischen Spitzhacke. Wie es die Kassler Megaveranstaltung zur wichtigsten Kunstausstellung der Welt gebracht hat.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 1, 1955, 130.000 Besucher, 148 Künstler, 670 Werke, Etat: 379.000 DM

Ausstellung 50 Jahre documenta

Quelle: dapd

Auf der Documenta dürfen sich Kunstliebhaber auf neue Attraktionen aus der ganzen Welt freuen. Auf den bisherigen Ausstellungen gab es viel Herausragendes, vom Erdkilometer bis zur gigantischen Spitzhacke. Wie es die Kassler Megaveranstaltung zur wichtigsten Kunstausstellung der Welt gebracht hat.

Der gebürtige Kasseler Maler, Raumkünstler und Hochschullehrer Arnold Bode (1900 - 1977) setzte sich dafür ein, seiner Heimatstadt nach dem Krieg eine Kunstausstellung zu schenken. Ursprünglich nur als Beiprogramm zur dritten Bundesgartenschau nach dem Krieg vorgesehen, war der Anspruch der ersten Documenta gleichwohl groß. Sie wollte einen Überblick über die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts liefern und setzte gleich ein politisches Signal: Direkt hinter dem Eingang des Fridericianums wurden die Besucher mit Wilhelm Lehmbrucks Figur "Knieende" konfrontiert - die Skulptur war von den Nazis in der Ausstellung "Entartete Kunst" geächtet worden.

In der Ausstellung "50 Jahre Documenta" im Jahr 2005 wird links die Skulptur "Knieende" (1911) von Wilhelm Lehmbruck gezeigt, links dahinter geht gerade eine Frau an dem Werk "Orange Diptuychon" (1966/67) der amerikanischen Malerin Jo Baer vorbei, das bei der Documenta 4 ausgestellt war. 

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 3, 1964, 200.000 Besucher, 352 Künstler, 1450 Werke, Etat: 1,4 Mio. DM

documenta III

Quelle: Hans Peter Schäfer/CC-BY-SA-3.0

Nach den großen Erfolgen der Documenta 1 und der Documenta 2 stand es außer Frage, dass die Kassler Kunstschau ihren Platz als als internationale Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst gefunden hatte. Trotzdem hatte die Documenta 3 mit großen organisatorischen Problemen zu kämpfen, die sogar dazu führten, dass die eigentlich auf alle vier Jahre angelegte Ausstellung um ein Jahr verschoben werden musste. Neue Machtfragen stellten sich innerhalb der Trägergesellschaft Documenta GmbH, in der nun auch das Land Hessen mitmischte. Die Restaurierung von Schloss Wilhelmshöhe, das auf Wunsch Arnold Bodes in die Ausstellung mit einbezogen werden sollte, wurde nicht rechtzeitig fertig. Von der Ausstellung, die explizit keinen historischen Überblick geben, sondern nur das seinerzeit Relevanteste präsentieren wollte, blieben die Werke von Fritz König (Großes Votiv), Ernst Wilhelm Nay (Drei Bilder im Raum) und Norbert Krickes (Grosse Mannesmann, damals vor der Orangerie, heute in Düsseldorf, im Bild) in Erinnerung.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 4, 1968, ca. 210.000 Besucher, 152 Künstler, 1000 Werke, Etat: 2,1 Mio. DM

Christo, 5.600-Cubicmeter-Package, documenta IV

Quelle: Dr. Ronald Kunze / CC-BY-SA-3.0

Die vierte Documenta fand im Aufbruchsjahr 1968 statt, was die Honoratioren und Ausrichter zu spüren bekamen: Auf der Eröffnungskonferenz kippten Wolf Vostell, Jörg Immendorf und andere Künstler unter Buh-Rufen Honig und Kleingeld auf die Tische und brachten damit ihren Unmut darüber zum Ausdruck, dass aktuelle Kunstrichtungen wie Happenings und Aktionskunst nicht ausreichend auf der Ausstellung vertreten seien.

Die Documenta 4 stand vielmehr im Zeichen der Pop Art, die ihren Platz eigentlich schon auf der Documenta 3 gehabt hätte, doch der Siegeszug dieser künstlerischen Ausdrucksform war an den Ausstellungsmachern im Jahr 1964 vorbei gegangen. Doch nun dominierten führende Vertreter der Kunstrichtung wie Andy Warhol mit seiner 10-teiligen "Marilyn" und Allen Jones mit dem Triptychon "Perfect Match"  die Ausstellung.

Viel Aufmerksamkeit zog das "5600 Kubikmeter Paket" von Christo und Jeanne-Claude auf sich - ein 85 Meter hohes zylindrisches, luftgefülltes Paket (im Bild). Das Kunstwerk konnte erst im vierten Anlauf aufgerichtet werden, was die "Riesenwurst", die dann schließlich stand, aber eher populärer machte. Die Documenta 4 war auch eine Plattform für die Op-Art, die Kinetische Kunst, und den Minimalismus.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 5, 1972, knapp 230.000 Besucher, 217 Künstler, 820 Werke, Etat: 3,5 Mio. DM

Ausstellung 50 Jahre documenta

Quelle: dapd

Die Documenta 5 im Jahr 1972 gilt bis heute als die legendärste Documenta und als eine der einflussreichsten Ausstellungen der Welt für moderne Kunst nach dem zweiten Weltkrieg. Erstmals stand die Documenta nicht mehr unter der Leitung von Arno Bode, der zwar noch zur Führungsmannschaft zählte, doch das letzte Wort hatte nun Kurator Harald Szeemann. Der Schweizer gab nicht nur traditionellen Werken Raum, sondern zeigte in Kassel auch Kitsch, Werbung, Aktions- und Ereigniskunst - die Documenta wurde zur Vorreiterin einer Kunst, die sich in einer Spannungsbeziehung zu Gesellschaft und Politik versteht.

Ein Filmteam dreht am Mittwoch (31.08.05) in der Kammer 5 im Kapitel "archive in motion" mit Materialien zur Documenta 5 in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 6, 1977, über 340.000 Besucher, 620 Künstler, 2700 Werke, Etat: 4,8 Mio. DM

documenta-Kunstwerke in Kassel

Quelle: dpa

Die Documenta 6 war gemessen an der Zahl der Besucher, der Künstler und der Werke sowie des Etats viel größer als die Documenta 5, doch einige wichtige Künstler blieben der sechsten Auflage der Kassler Kunstausstellung fern: Markus Lüpertz und Georg Baselitz sagten ihre Teilnahme kurzfristig ab und protestierten damit gegen die Einladung von sechs offiziellen Künstlern der DDR (Willi Sitte, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Jo Jastram und Fritz Cremer) die der Documenta Werke des "Sozialistischen Realismus" bescherten.

Eine runde Messingscheibe erinnert heute noch an das Monumentalwerk "Vertikaler Erdkilometer" des US-Künstlers Walter de Maria, der ein ein Kilometer tiefes Loch in die nordhessische Erde gebohrt, und anschliessend ein Meter lange massive Messingstäbe von fünf Zentimetern Durchmesser zu einem Kilometer ineinandergesteckt in die Erde eingelassen hatte. Gedacht war das Ganze als Gegenentwurf zum visuellen Totalitarismus der siebziger Jahre. 

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 7, 1982, 379.000 Besucher, 180 Künstler, 1000 Werke, Etat: knapp 6,7 Mio. DM

Claes Oldenburgs Spitzhacke

Quelle: dpa

Unter dem neuen künstlerischen Leiter Rudi Fuchs wurde die Documenta erstmals auch offiziell auf den Fünfjahresrythmus umgestellt. Die Documenta 7 schenkte Kassel einiges an bleibenden Werken: Claes Oldenburgs Spitzhacke am Ufer der Fulda beispielsweise ist bis heute ein Hingucker, doch die Aufforstung der unwirtlichen Stadt durch Joseph Beuys verbesserte das Stadtbild wohl nachhaltiger: In seiner Aktion "7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stattverwaltung" ließ er 7000 Eichen pflanzen, was mehrere Jahre dauerte.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 8, 1987, 474.000 Besucher, 316 Künstler, 600 Werke, Etat: 10,2 Mio. DM

Ausstellung 50 Jahre documenta

Quelle: dapd

Bei der Documenta 8 näherte sich die Zahl der Besucher erstmals einer halben Million an - die Ausstellung war endgültig zu einem Massenphänomen geworden. Zwei Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs beschäftigte sich die Documenta 8 stark mit Krieg und Gewalt, mit Utopien und auch - mit einer gewissen Hellsicht - mit einem Verlust derselben. Schwerpunkte der Ausstellung lagen auf Architektur, Design, Videokunst und Performances. 

In der Ausstellung "50 Jahre Documenta" im Jahr 2005 wird  das Ölgemälde "Mont Sainte-Victoire" (1987) von Mark Tansey gezeigt. Der Vertreter der postmodernen Kunst, dessen fotorealistisch anmutenden Gemälde unrealistische Elemente aufweisen, war Teilnehmer der Documenta 8. 

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 9, 1992, 603.000 Besucher, 197 Künstler, 1000 Werke, Etat: 15,7 Mio. DM

documenta-Kunstwerke in Kassel

Quelle: dpa

Die Documenta 9 trug erheblich zu einer Öffnung der Ausstellung für breitere Bevölkerungskreisen bei. Dafür sorgte der künstlerische Leiter Jan Hoet aus Belgien, der keine Scheu vor massenwirksamen Werbemaßnahmen und Einnahmenquellen wie dem Merchandising hatte. So gab es bei der Documenta 9 T-Shirts, Mützen und Taschen mit Documenta-Logos. Hoet vermittelte seine Botschaften auf Zigarettenschachteln: "Kunst bietet keine klaren Antworten. Nur Fragen."

Geblieben ist von der Documenta 9 vor allem der "Himmelsstürmer" (Man walking to the sky) des US-Künstlers Jonathan Borofsky vor dem Kasseler Kulturbahnhof.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 10, 1997, 629.000 Besucher, 136 Künstler, 700 Werke, Etat: 25 Mio. DM

documenta-Kunstwerke in Kassel

Quelle: dpa

Mit Catherine David übernahm eine Frau die künstlerische Leitung der Documenta 10, die den Auffassungen ihres Vorgängers Jan Hoets wenig abgewinnen konnte: Der Französin ging es mehr um ernsthafte Kunst statt um massentaugliche Beliebigkeit. Außerdem war David für eine möglichst  globale Ausrichtung der Documenta.

Christoph Schlingensief machte seinem Ruf als unverbesserlicher Provokateur alle Ehre, als er mit einem Schild durch Kassel lief mit der Aufschrift: "Tötet Helmut Kohl". Die Aktion löste einen Polizeieinsatz aus. 

Von der Documenta 10 in Kassel geblieben, ist die Arbeit des österreichischen Künstlers Lois Weinberger. Bei "Das über Pflanzen / ist eins mit ihnen" kombinierte er auf einer Länge von 100 Metern am Kassler Kulturbahnhof das Bahngleis, die Bepflanzung mit heimischer Vegetation und Neophyten zu einem Kunstwerk.

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Documenta 1955 bis heute:Documenta 12, 2007, 754.000 Besucher, 113 Künstler, 530 Werke, Etat: 19 Mio. Euro

Documenta Exhibition

Quelle: Getty Images

Bei der Documenta 12 übernahm erstmals ein Ehepaar die Leitung: der Ausstellungsmacher und Dozent Roger Buergel und die Kunsthistorikerin Ruth Noack. Konzeptuell orientierten sich die zwei Ausstellungsleiter an der Documenta 1, die einen Überblick über die Kunst des 20. Jahrhunderts gegeben hatte. Nun betonten Buergel und Noack, dass "aktuell" nicht eine möglichst kurz zurückliegende Entstehungszeit der Werke bedeute. Vielmehr müsse Kunst für die heute lebenden Menschen bedeutsam sein. 

Bei der Documenta 12 feierte Ai Weiwei seinen Durchbruch zum globalen Kunststar. Der chinesische Dissident kritisierte bei seiner Skulptur "Template" den Modernisierungswahn in seiner Heimat - das Werk bestand aus Fenstern und Türen, die er in chinesischen Abrisshäusern demonitert hatte. Ein hessischer Gewittersturm ließ die 12 Meter hohe Skulptur kurz nach der Eröffnung der Documenta jedoch einstürzen. 

© Süddeutsche.de/pak

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