Süddeutsche Zeitung

Die CIA und die Kunst:Der Kalte Krieg tobte auch in der Kunst

Eine Ausstellung, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht: Das Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt, wie Agenten der CIA die freie Kultur im Nachkriegseuropa finanzierten.

Diane Josselson erinnert sich: Willy Brandt war als Bürgermeister in Berlin fast immer von Fotografen umringt. Ihr Mann begleitete ihn oft, aber wollte nicht aufs Bild. "Michael duckte sich, trat beiseite, aber es war unmöglich, ihnen zu entgehen." Warum das ein Problem war? "Er wollte nicht, dass eine Figur wie Willy Brandt durch ein gemeinsames Bild bekleckert wird. Falls alles auffliegt." Michael und Diane Josselson sind dann 1966 aufgeflogen. Die New York Times enthüllte, dass der amerikanische Geheimdienst CIA eine ganze Reihe kultureller Organisationen heimlich gefördert hatte. Hunderte von Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern, Philosophen waren "bekleckert", um in der Sprache von Diane Josselson zu bleiben. Denn ihr Mann war einer der wichtigsten Netzwerker gewesen. Michael Josselson, ein während der Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigrierter Jude, der sich als Soldat der US Army in der Nachkriegszeit in Berlin bei der Entnazifizierung nützlich gemacht hatte.

Als seine Stationierung endete, entwickelte Michael Josselson eine Mission. Die Zeit des Kalten Krieges begann, aber viele europäische und amerikanische Intellektuelle sympathisierten mit kommunistischen Gedanken. Während östlich des Eisernen Vorhangs die Kunst fest eingebunden war in das soziale Leben und die Propaganda, sollte der Westen das Ideal der freien Kunst propagieren, als "Soft Power" im Krieg der Systeme.

Frei sollte sie nach außen auch bleiben, denn die CIA vertraute der Kraft der Moderne und ihrer Botschaft der künstlerischen Freiheit, gegen die der sowjetische Staatskulturapparat so hölzern und gesteuert wirkte. Deswegen hielt man die Förderung geheim.

Josselsons "Congress for Cultural Freedom" (CCF), 1950 in Westberlin von einer Gruppe von Autoren gegründet, brachte Intellektuelle und Politiker auf Konferenzen und bei informellen Begegnungen zusammen, von André Malraux, Arthur Koestler bis Raymond Aron. Fast zwei Jahrzehnte waren Diane und Michael Josselson in ganz Europa unterwegs, hielten Kontakt zu Intellektuellen, gaben Abendessen und Gartenpartys, gründeten und leiteten intellektuelle Magazine wie Der Monat, Paris Review, unterstützten Konferenzen und Kongresse.

Freie Kunst statt Propaganda: Die Förderung der Kultur durch die CIA blieb Widerspruch

Im Film "The Man in the Background" zeichnet Lene Berg Michael Josselsons Aufstieg und Fall nach. Dafür schnitt die Künstlerin Interviewsequenzen mit seiner Witwe gegen alte Urlaubsbilder aus der Nachkriegszeit. Es sind die einzigen Aufnahmen, auf denen man den Dunkelhaarigen zu sehen bekommt, meist neben der eleganten, blonden Diane, die an der Reling eines Kreuzers lehnt oder die Stufen antiker Tempel herunterschwebt. Dazwischen schattige Terrassen, Männer mit Pfeife, junge Frauen in Etuikleidern und immer wieder der Netzwerker vor kulturschwangerer Kulisse. Diane Josselson ist eine kluge Frau, ihre Erinnerungen differenzieren zwischen der gespielten Rolle und der wahren Berufung. Als Freund und Förderer einer internationalen Kultur hatte der weltgewandte Michael Josselson die Rolle seines Lebens gefunden, durchaus im Bewusstsein, dass er als Person sein Umfeld kontaminierte, weil die staatliche Förderung der Kultur seiner Botschaft widersprach.

Lene Bergs "The Man in the Background" und ihr fünf Jahre früher entstandener filmisches Essay "Stalin by Picasso or Portrait of a Woman with Moustache", der die Konkurrenz der Systeme um den berühmtesten Maler der Nachkriegszeit nachzeichnet, sind jetzt Ausgangspunkt einer Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt: "Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg". Es ist nicht nur eine historische Schau zur Entwicklung des Begriffs "Freie Kunst" unter dem unabhängige Literatur und Abstraktion als gemeinsame Sprache einer freien Welt propagiert wurden, sondern auch ein sehr aktueller Kommentar zur Instrumentalisierung von Kultur.

Die Ausstellung zieht dem Betrachter den Boden unter den Füßen weg

Solche Ausstellungen kranken häufig daran, dass sich kaum unterscheiden lässt, was Symptom ist und was Kommentar. Nicht diese Schau. Gerade weil sie sich selbst in den Gegenstand ihrer Untersuchung einbettet: Das Gebäude des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) entstand parallel zu den Bemühungen des Congress for Cultural Freedom. Es wurde von Eleanor Dulles propagiert, US-Sonderbotschafterin in Berlin, Schwester des CIA-Gründers Allen Dulles und des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles.

Das Wechselspiel zwischen Artefakten und Kunst spitzt die Erzählung noch einmal zu. Neben den Reproduktionen von Titelblättern der vom CFF unterstützten Kulturzeitschriften hängt da auch das gewaltige, schwarz-weiße Querformat von Art & Language. Das Gemälde "Picasso's Guernica in the Style of Jackson Pollock" von 1980 verbindet das Format des weltberühmten Antikriegs-Bildes von Picasso mit der abstrakten Drip-Technik Jackson Pollocks. Ein fieser Kommentar zur Kunstgeschichte der Nachkriegszeit.

Die Enthüllung der Aktivitäten des Geheimdienstes beschädigte wie befürchtet eine ganze Szene

Es ist eine Stärke der Schau, dass sie mit solchen zeitgenössischen Werken nicht in die Falle gerät, vor allem die in der Rückschau so pittoresken Täterbiografien und Opferschicksale nachzuerzählen. Sondern mit der Neugier eines Feldforschers beispielsweise die Figur des "Tricksters" in dieser westlichen Kulturgeschichte zu etablieren. Der Trickster ist eigentlich ein Begriff aus der Ethnologie, der Hybridwesen bezeichnet: Nebenfiguren aus der Götterwelt, die Unruhe stiften.

Diese Figur entdecken sie nun in Figuren wie Michael Josselson. Aber nicht allein unter den Vermittlern, Propagandisten, Anstiftern oder Mitläufern und Profiteuren. Das Etikett passt plötzlich auch auf einen Sigmar Polke, der gemeinsam mit Gerhard Richter an einer deutschen Pop-Art bastelte, einem Gegenentwurf zur amerikanischen Erfolgsmarke.

Die Enthüllung der vom Geheimdienst finanzierten Aktivitäten der amerikanischen Kulturförderer beschädigte in der Nachkriegszeit eine ganze Szene. Die Erinnerung an diesen Skandal, die Aufnahme einzelner Motive und Momente dieser Geschichte zeigt, wie blind Kunst- und Literaturgeschichte sind, die gerne die Rahmenbedingungen, unter denen gemalt, gedichtet und gedacht wird, ignorieren.

Die Ausstellung fordert aber nicht nur rückblickend mehr intellektuelle Aufrichtigkeit ein. Sie zieht dem Betrachter den Boden unter den Füßen weg. Gerne wüsste man, wer denn die Kunst, die Literatur und Musik, die Ausstellungen und Festivals in der Kulturmetropole Berlin heute finanziert, die ja auch Regierungssitz ist. Nicht nur die geschwungene Silhouette des Hauses der Kulturen der Welt, auch die gläserne Kuppel des benachbarten Bundestags wirken im Berliner Winterlicht mit einem Mal so obskur wie die Reisebilder in den Filmen der Josselsons.

Parapolitik. Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg. Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Bis 8. Januar. Info: www.hkw.de

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Quelle:
SZ vom 18.11.2017/luch
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