Die CIA und die Kunst Die Ausstellung zieht dem Betrachter den Boden unter den Füßen weg

Solche Ausstellungen kranken häufig daran, dass sich kaum unterscheiden lässt, was Symptom ist und was Kommentar. Nicht diese Schau. Gerade weil sie sich selbst in den Gegenstand ihrer Untersuchung einbettet: Das Gebäude des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) entstand parallel zu den Bemühungen des Congress for Cultural Freedom. Es wurde von Eleanor Dulles propagiert, US-Sonderbotschafterin in Berlin, Schwester des CIA-Gründers Allen Dulles und des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles.

Das Wechselspiel zwischen Artefakten und Kunst spitzt die Erzählung noch einmal zu. Neben den Reproduktionen von Titelblättern der vom CFF unterstützten Kulturzeitschriften hängt da auch das gewaltige, schwarz-weiße Querformat von Art & Language. Das Gemälde "Picasso's Guernica in the Style of Jackson Pollock" von 1980 verbindet das Format des weltberühmten Antikriegs-Bildes von Picasso mit der abstrakten Drip-Technik Jackson Pollocks. Ein fieser Kommentar zur Kunstgeschichte der Nachkriegszeit.

Die Enthüllung der Aktivitäten des Geheimdienstes beschädigte wie befürchtet eine ganze Szene

Es ist eine Stärke der Schau, dass sie mit solchen zeitgenössischen Werken nicht in die Falle gerät, vor allem die in der Rückschau so pittoresken Täterbiografien und Opferschicksale nachzuerzählen. Sondern mit der Neugier eines Feldforschers beispielsweise die Figur des "Tricksters" in dieser westlichen Kulturgeschichte zu etablieren. Der Trickster ist eigentlich ein Begriff aus der Ethnologie, der Hybridwesen bezeichnet: Nebenfiguren aus der Götterwelt, die Unruhe stiften.

Diese Figur entdecken sie nun in Figuren wie Michael Josselson. Aber nicht allein unter den Vermittlern, Propagandisten, Anstiftern oder Mitläufern und Profiteuren. Das Etikett passt plötzlich auch auf einen Sigmar Polke, der gemeinsam mit Gerhard Richter an einer deutschen Pop-Art bastelte, einem Gegenentwurf zur amerikanischen Erfolgsmarke.

Die Enthüllung der vom Geheimdienst finanzierten Aktivitäten der amerikanischen Kulturförderer beschädigte in der Nachkriegszeit eine ganze Szene. Die Erinnerung an diesen Skandal, die Aufnahme einzelner Motive und Momente dieser Geschichte zeigt, wie blind Kunst- und Literaturgeschichte sind, die gerne die Rahmenbedingungen, unter denen gemalt, gedichtet und gedacht wird, ignorieren.

Die Ausstellung fordert aber nicht nur rückblickend mehr intellektuelle Aufrichtigkeit ein. Sie zieht dem Betrachter den Boden unter den Füßen weg. Gerne wüsste man, wer denn die Kunst, die Literatur und Musik, die Ausstellungen und Festivals in der Kulturmetropole Berlin heute finanziert, die ja auch Regierungssitz ist. Nicht nur die geschwungene Silhouette des Hauses der Kulturen der Welt, auch die gläserne Kuppel des benachbarten Bundestags wirken im Berliner Winterlicht mit einem Mal so obskur wie die Reisebilder in den Filmen der Josselsons.

Parapolitik. Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg. Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Bis 8. Januar. Info: www.hkw.de

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