Süddeutsche Zeitung

Die Choreografin Florentina Holzinger:Mut mit Lücke

Florentina Holzinger wollte eigentlich einst eine Ballerina werden. Heute gilt sie als furchtlose Choreografin, Performerin und Akrobatin. In den Kammerspielen in München probt sie gerade ein neues Stück.

Von Egbert Tholl

Vor knapp zehn Jahren betrat Florentina Holzinger die internationale Tanz- und Performance-Szene mit einem Abend, den sie "Kein Applaus für Scheiße" nannte. Was sollte nach einem Entrée mit einem solchen Titel anderes kommen als pure Großartigkeit? Eben. Nach all den Jahren, in denen Holzinger zuerst mit ihrem Bühnenpartner Vincent Riebeek und später als verantwortliche Choreografin sehr furchtlose Aufführungen erdacht und gespielt hatte, folgte in diesem Jahr die Einladung zum Theatertreffen mit "Tanz", herausgekommen Anfang Oktober 2019 im Tanzquartier Wien und seitdem auf Tour. Die Einladung sei "der Anfang vom Ende! Schreiben Sie das groß auf!"

Die "Étude" sind eine Übung darin, ein bisschen jugendfreier als sonst zu arbeiten

Derzeit probt Florentina Holzinger an den Münchner Kammerspielen. "Étude for an Emergency. Composition for Ten Bodies and a Car" hat diesen Sonntag Premiere. Als Matthias Lilienthal sie gefragt hat, ob sie an den Kammerspielen nicht einfach nur ein weiteres Gastspiel zeigen, sondern dort inszenieren wolle, habe sie "verblendet von den Möglichkeiten" zugesagt. So wird die "Étude" auch eine Übung für sie. Eine Übung darin, ein bisschen jugendfreier als sonst zu arbeiten - die Kammerspielen empfehlen die Aufführung dennoch erst ab 16 Jahren, weil darin "Kunstblut und explizite Nacktheit" zu sehen seien - und eine Übung, wie sie mit dem Stadttheater umgehen könne. Das muss sie schließlich lernen: Wenn René Pollesch 2021 die Berliner Volksbühne übernimmt, soll sie zum festeren Stamm der dort arbeitenden Künstlerinnen gehören. "Aber dann brauche ich ein großes Orchester!" Für eine Stunt-Oper.

Denkt man an Holzingers Aufführungen der vergangenen zehn Jahre, braucht es vermutlich ein bisschen mehr als ein Orchester, um systemische Akzeptanz im Betrieb herzustellen. Gastspiele sind kein Problem. Aber in ihren frei und selbst entwickelten Produktionen arbeitet sie schließlich mit Expertinnen, die Dinge können, die andere nicht können. Nun an den Kammerspielen überfordert sie das Haus auch deshalb, weil die sich "nicht auskennen mit solchen Sachen, weil der Schauspieler am Boden steht und redet".

In "Tanz" gibt die Grande Dame des Tanzes, Beatrice Cordua, nackt Ballettunterricht und die Elevinnen, darunter Holzinger, fliegen nackt durch die Luft, knallen auch mal gegen die Wand, wenn ein Stunt misslingt. Holzinger turnt in luftiger Höhe auf einem Motorrad herum, mit dem sie sich gut auskennt, eine Kollegin hängt an Fleischerhaken. "Tanz" bezieht sich auf das Ballett "La Sylphide" aus dem Jahr 1832, worin Luftgeister vorkommen, die in Holzingers Weiterführung keine zarten Wesen mehr sind, die im vorvergangenen Jahrhundert schon beim Aufwärmen für die Herren der Gesellschaft Attraktion waren, gepresst in ein in bis heute noch bestehendes System. Attraktion sind sie bei Holzinger immer noch, aber eine krasse, hohnlachend über den männlichen Blick auf den Leib.

Mit "Tanz" erfüllte sich Holzinger den Traum, einmal Ballerina zu sein. 1986 wurde sie in Wien geboren, wollte schon früh professionelle Tänzerin werden, sah an der Stange aber "eher wie ein Idiot" aus und ging schließlich nach Amsterdam, um an der School for New Dance Development Choreografie zu studieren. Dort lernte sie Vincent Riebeek kennen, mit dem zusammen sie noch auf der Schule "Kein Applaus für Scheiße" entwickelte; es folgten bizarrere, unfassbar kluge Arbeiten der beiden wie "Wellness", eine grimmige Gruppenarbeit gegen den Körperoptimierungswahn, oder "Schönheitsabend". Zu zweit sangen sie dabei so etwas wie ein Hohelied der Liebe, taten in ihre Leiber verblüffende Sachen hinein und holten noch verblüffendere aus ihnen hervor, hatten auch ein Manifest dabei, in welchem sie verkündeten, der Künstler sollte weder Selbstmord begehen noch Kompromisse eingehen.

Nach "Kein Applaus" sagten ihr Freunde, wenn sie so weitermache, sitze sie in fünf Jahren im Rollstuhl. 2013 entglitt ihr in einer Aufführung das Vertikaltuch, sie krachte aus einigen Metern Höhe mit dem Gesicht auf den Bühnenboden, verlor das Bewusstsein, schlug sich einen Zahn aus. Danach beschloss sie, noch härter als ohnehin schon zu trainieren, die Zahnlücke, die sie lange Zeit wie ein Trophäe trug, hat sie inzwischen reparieren lassen.

Mit Riebeek zusammen war sie fasziniert vom Spektakel, lebte auch die Lust aus, "spektakulärere Sachen zu machen, als man für machbar hält". Was man im Friedrichsstadtpalast etwa "so arg" findet, geht auch härter. Wenn sie es schafft, in der Höhe exakt auf einen Musik-Cue zu urinieren. Das explosive Theatermachen mit Riebeek sei für sie während und nach der Schule ein kathartisches Moment gewesen, doch irgendwann kam es zu einer Art künstlerischem Ehestreit. Und da für Holzinger Schaffen nichts mit Krise zu tun hat, sondern mit Planung, Training und Präzision, machte sie allein weiter, kehrte mit den Expertinnen, die sie sich, anders als nun an den Kammerspielen, selbst zusammensuchte, wieder näher zu ihrer Ausgangsfaszination für den Tanz zurück.

"Soll ich unter meiner rechten Titte unterschreiben oder mich auf Diskussionen einlassen?"

Das erste Ergebnis war ihre Choreografie "Apollon" nach dem Ballett "Apollon musagète" von George Balanchine. Im Original weist darin der Gott Apoll drei Musen ihre Aufgaben zu, bei Holzinger taten sie und fünf Kolleginnen ihren Körpern Gewalt an, weil Männern nun einmal Frauen Gewalt antun, schritten am Ende in einer bizarren Feier der Körper, die alles überlebt hatten, zum Parnass. Holzinger selbst meinte später, das sei ihr bisher lustigster Abend gewesen. Und im Übrigen sei ein Saunaaufguss krasser, als sich einen acht Zentimeter langen Nagel in die Nase zu schlagen. Alles Training.

Ihre Mutter meinte einmal zu ihr, als Kind sei sie doch immer mit Bikini in der Sauna gesessen und jetzt mache sie das!

Florentina Holzinger muss immer grinsen, wenn man sie für radikal hält. Viel zu konsequent denkt sie die eigenen Choreografien aus dem Tanz heraus. Ballett sei doch Vintage, da gehe man mit der Oma hin. Aber gleichzeitig fand sie es immer spannend, dass im Ballett die Zuschauer "sich nicht anscheißen vor sehr simplen Themen", und dann ist ja noch das Fliegen. Der Traum von der Schwerelosigkeit.

Den Körper als das unmittelbarste Ausdrucksmittel auf der Bühne zu begreifen, hat ja viel mit Tanz zu tun. Schon die Arbeiten mit Riebeek, in denen die Körper bis hin zu Penetrationen verschiedener Art alles Mögliche auf der Bühne zeigten, hätten nichts mit Sexualität, sondern eben mit Expressivität und einer ähnlichen körperlichen Konzentration wie im Tanz zu tun gehabt. Davon ausgehend denkt sie weiter, mixt Stile, Stunt, Trash, Zirkus, Akrobatik mit Tanz-Derivaten, verändert die Kontexte des Überlieferten. Die Suche nach neuen Möglichkeiten berührt dann das, was für manche Zuschauer ein Schock sein mag, aber darum geht es nicht, auch wenn sie die Wirkung der eigenen Arbeiten kennt, sie sei ja nicht naiv. Die Wirkung hat auch eine krasse Ambivalenz, etwa wenn sie nach einer Aufführung für einen männlichen Zuschauer auf einem Nacktfoto signieren soll: "Soll ich unter meiner rechten Titte unterschreiben oder mich auf Diskussionen einlassen?"

Dabei unterläuft Nacktheit auf der Bühne dieses schmierige Stripper-Moment des Ausziehens. Der Körper wird Material, auch zur Belustigung seiner Besitzerin. Man kann ihm beim Arbeiten zusehen. Beim Abarbeiten. "Scham hilft einem nicht immer, wenn man Spaß haben will."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4824863
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 29.02.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.