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Die CDs der Woche - Popkolumne:Unruhe im Dinosaurier-Gehege

FESTIVAL LOLLAPALOOZA IN SAO PAULO

Pixies-Frontmann Black Francis beim Lollapalooza-Festival 2014 in Sao Paulo.

(Foto: dpa)

Nach 20 Jahren Stille spielen die Pixies auf "Indie Cindy" herrlich relaxten Grungefolk und "Everyday Robots", das erste Soloalbum von Damon Albarn, klingt wie eine formvollendet gerauchte Zigarette. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.

Erst mal die Unruhe im Dinosaurier-Gehege aufarbeiten: Motörhead hatten trotz anstrengendem Tour-Auftakt auf dem Coachella-Festival noch genug Kraft, einen Shitstorm auf Facebook anzuzetteln. Adressat: Der Textchef von Bild.de, der von dort eine Konzertkritik für das Fachorgan Metal Hammer geschrieben hat. Die war zwar mäßig kritisch und in der Kopfnote eher huldigend. Derlei blieb dem Übersetzungsprogramm wohl aber verborgen und damit auch der Band, die entrüstet ihre wahren Fans um Hilfe gegen den bösen Schreiber bat - und die sudelten dann wie geheißen in seinem Posteingang rum. Zwei Tage später folgte eine Entschuldigung, man habe wohl überreagiert. Facebook? Verzeihung, aber ist das noch Metal?

AC/DC erwägten derweil einen kurzfristigen Rücktritt von allen dunklen Ämtern, dementierten dann aber doch wieder. Und diverse aktive und ehemalige Mitglieder von Black Flag setzten Anwälte in Bewegung, um Nutzung von Name und Logo der Hardcore-Legende anzufechten. Alle Beteiligten drohten sich dabei gegenseitig mit erfolgreicher Reunion, als wäre dabei das Logo das größte Problem. Alleiniger Inhaber von Black Flag ist nun aber Gründungsmitglied Greg Ginn, zum neuen Sänger hat sich schon seit einiger Zeit der Profi-Skater Mike Valley selbst ernannt. Mal sehen, ob sich die Prozesskosten gelohnt haben.

Bei all der miesen Laune in der Gruft ist es umso hübscher, notieren zu können, dass die Pixies selbige hinter sich lassen und eine neue Platte vorlegen - nach über zwanzig Jahren stummen Daseins als Leitmotiv einer Jugendbewegung. Der Pedant mag einwenden, dass etliche Songs auf "Indie Cindy" (Pixiesmusic) schon irgendwo einzeln mal zu hören waren, trotzdem ist dieses Album eine tolle Sache. Sie haben ja das Talent, schönes Spielzeug kaputt zu machen auf eine Art, dass man als Hörer keine Sekunde verpassen möchte. Auch wenn sie heute etwas mehr nach College-Rock klingen als früher, langweilig sind die Pixies nicht und für einen herrlich relaxten Grungefolk wie bei "Jamie Bravo" würden einige akute Nachwuchsbands ihre engen Hosen hergeben.

Zu den Jungspunden - die BBC hat den April 2014 zum 20. Jubiläum des Britpop erklärt. Keiner weiß genau warum, aber alle machen mit und erinnern sich im Brustton der Verklärung an die Magie dieser Zeit, an die Rotzlöffel und Parkas, die Frisuren und Buttons, die herrlichen Singles und Tony Blair. Tatsächlich ist Ende April 1994 das Album "Parklife" von Blur erschienen, Ende August des Jahres zogen Oasis dann mit "Definitely Maybe" nach. Legt man beide Platten heute noch mal auf die Waage, wiegt "Parklife" natürlich schwerer - eine vielseitig und zeitlos inspirierende Wundertüte.

Damon Albarn

Damon Albarn

Damon Albarn debütiert mit "Everyday Robots" als Solomusiker.

(Foto: dpa)

Es ist jedenfalls noch bunt, während einem "Definitely Maybe" eher körnig und schwarzweiß vorkommt. Dazu passt, dass der Blur-Sänger Damon Albarn Ende dieser Woche sein erstes richtiges Soloalbum veröffentlichen wird. Auf "Everyday Robots" (Parlophone) passiert aber weniger als gedacht. Albarn skizziert seine Biographie ins Klavier, vermengt eine Handvoll einfacher Melodien effektvoll mit melancholischen Geschichten und ist bei bester Gesundheit. Keine Überflieger-Musik auf dieser Platte, aber an dieser Stelle in seinem an allen Enden wachsenden Gesamtwerk eine geruhsam und formvollendet gerauchte Zigarette.

Nach so viel Museum muss jetzt natürlich noch ein bisschen Beschäftigung mit neuem Pop sein. Also her mit den deutschen Singles-Charts, auch wenn einem das Wort mittlerweile ungefähr so modern vorkommt wie eine Einladung zum Kurkonzert. Also: Clean Bandit, Mr. Probz und Nico&Vinz heißen da die Top-3-Interpreten. Was das alles ist? Schwer zu sagen, und das ist ja allein schon die Überraschung. Noch komischer ist, dass man diese drei Top-Hits namens "Rather Be", "Waves" und "Am I Wrong" in Endlosschleife hintereinander weghören und dabei erstklassig Mikado spielen kann, so homogen sind sie, obwohl ihre Herkunft unterschiedlicher kaum sein könnte.

Eine britische Elektrotanzband, die noch nie bei einem Plattenlabel unter Vertrag war. Ein niederländischer Rapper, der von einem deutschen DJ aufbereitet wurde und zwei Norweger mit afrikanischen Wurzeln. Trotz dieser interessanten Anlagen kommt bei allen drei dennoch ein ziemlich ähnlicher Sound raus: Leicht trippiges Elektro-Easy-Listening mit seelenvollen Momenten, mal hip, mal eher hop. Nicht zu aufregend, aber auch niemals in der durchschaubaren Nervqualität, die sonst die Chart-Spitze dominiert.

Hat Pharrell Williams so schnell eine ganze Musikrichtung etabliert? Nein, das ist einfach gut abgehangene, irgendwie vernünftige Freizeitmusik. Höchst alarmierend. Nur gut, dass mit "#SELFIE" von Chainsmoker (einem dreisten "Americano"-Abklatsch) schon ein schön belämmerter Sommerhit vor der Tür steht.

Fortlaufende Popkolumne der SZ. Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an. Auf der rechten Seite finden Sie mit der Maus den (sehr kleinen) Scrollbalken. Wenn Sie nach unten scrollen, finden Sie die Alben, die in den vergangenen Wochen in der Popkolumne besprochen wurden und gleichzeitig bei Spotify enthalten sind.

© SZ vom 23.04.2014/pfn

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