Die CDs der Woche - PopkolumnePlatten, die die Welt bedeuten

Bühne frei: The Notwist und die Hamburger Jungs von Kante bringen Musik heraus, die sie fürs Theater geschrieben haben. Die klingt viel aufregender als bloße Reclam-Bändchen mit Musik.

The Notwist

Wenn man The Notwist ganz gut findet, sollte man das auf keinen Fall öffentlich sagen. Weil sofort fanatische Fans der Weilheimer Band das Wort ergreifen, denen das nicht genügt. Sie bestehen mit so viel Furor und Ausdauer darauf, dass The Notwist nicht nur gut, sondern unglaublich überirdisch einmalig super seien, dass man garantiert irgendwann aufgibt und müde murmelt, jaja, okay, beste Band der Welt, von mir aus.

Und stimmt ja auch, The Notwist machen sehr vieles richtig, sie gehörten zu den ersten, die wilde Indie-Gitarren mit Brotkrümel-Elektronik verbanden, sie können epische Klanglandschaften malen, sie haben ein Gespür für Ohrwürmer. Aber wenn gerade kein Mitglied der Notwist-Armee im Raum ist, darf man auch mal anmerken, dass der betont blutleere Gesang einen oft kalt lässt. Dass sehr vieles von dem Computer-Geplucker als reine l'art pour l'art verlustfrei rausgekürzt gehört. Und dass einem die Anti-Pop-Attitüde der Band - "wir sind doch nur so Typen mit alten Pullovern, die in ihrem Studio ganz, ganz viel rumprobieren" - auch ein bisschen auf die Nerven gehen kann. Große Gesten demonstrativ zu vermeiden, ist schließlich auch nichts anderes als eine große Geste.

Als Kompromissangebot für gemäßigte Notwist-Sympathisanten gibt es jetzt das Album "The Messier Objects" (Alien Transistor). Darauf sind siebzehn Instrumentalstücke zu hören, aufgenommen in den vergangenen Jahren für Theaterproduktionen und Hörspiele. Kaum Songs im eigentlichen Sinne, eher Stimmungen. Verhaltene Klavierakkorde, repetitive Xylophon-Motive, Sample-Schleifen, Synthie-Flirren, ab und zu anschwellende Gitarren, die fast an Westernfilmmusik erinnern. Tonspuren, die unaufgeregt vor sich hin laufen. Das führt nicht zwangsläufig irgendwohin, natürlich, es fehlen ja die Zusammenhänge, in denen die Musik ursprünglich stand, aber auch ohne das Theatergeschehen entsteht da viel Atmosphäre, viel Melancholie, viel Weite. Ziemlich gute Musik für eine Landpartie durch den Schnee an einem grauen Spätwintertag. Ein Ausflug, bei dem es sogar die wirklich beinharten Notwist-Fans und die Nur-ganz-gut-Finder miteinander im Auto aushalten.

4. Februar 2015, 15:592015-02-04 15:59:28 © www.sz.de