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Die CDs der Woche - Popkolumne:Rap darf Mainstream sein

Russell Simmons

Altersmilde? Rap-Ikone Russell Simmons findet, dass schwarze Popkultur nicht mehr rebellisch sein muss.

(Foto: AP)

Das findet zumindest Genre-Ikone Russell Simmons, der sich mittlerweile "alt" fühlt. Das ist aber kein Problem: Denn der Nachwuchs verkauft - ganz im Sinne des Meisters - mit Idealen Schuhe.

Eine Woche, in der das neue Album der Band erscheint, die gerade den einzigen wirklich ernst zu nehmenden Pop-Preis erhalten hat - den britischen Mercury Prize -, so eine Woche könnte doch eine ganz gute sein. Leider ist das neue Album "White Men Are Black Men Too" (Big Dada) der eklektischen Avantgarde-Hip-Hop-Indiepop-Elektro-Band Young Fathers aus Edinburgh nicht der erwartete große Wurf. Eher ein ambitioniertes Pop-Puzzle voller toller Splitter, die sich dennoch nicht so recht zu etwas Großem fügen.

Wenn Sie die Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Aber zum Glück erschien ja gerade auch die Debüt-EP "Pelicans We" (Transgressive) von Cosmo Sheldrake. Nicht zuletzt der geschnipste Indie-Elektro-Rumpler "Rich" rollt und summt sehr fein. Und wenn alle Songs auf dem neuen Album "In Colour" von Jamie xx so gut sind wie die nun vorab veröffentlichten "Gosh" und "Loud Places", dann ist der Frühsommer doch gerettet!

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Ein sehr postmoderner Schachzug

Auch in dieser Woche hält sich das neue Album "To Pimp A Butterfly" des Rappers Kendrick Lamar, das sofort und völlig zu Recht zum modernen Pop-Klassiker erklärt wurde, wundersamerweise nicht nur in den USA auf dem ersten Platz der Charts, es bleibt auch knapp in den deutschen Top Ten.

Gerade hat Lamar das Video zur famosen dritten Single "King Kunta" veröffentlicht. Wie auf dem gesamten Album geht es darin um die Ungerechtigkeiten gegenüber den Schwarzen in Amerika und die gerechte Selbstermächtigung der ewig Benachteiligten. Dass der ebenfalls gerade erschienene Werbespot der neuen Black-Power-Ikone Lamar für den Schuhkonzern Reebok aus dem exakt gleichen Widerstands-Geist heraus erzählt ist, ist allerdings ein sehr, sehr postpostmoderner Schachzug.

"Ich bin alt. Rap ist alt"

Aber warum soll ein großer schwarzer Protestpopstar auch weniger widersprüchlich sein als ein weißer? Bob Dylan macht Autowerbung. Und womöglich ist es ohnehin genau andersherum, also der ultimativ emanzipatorische Akt. Rap-Ikone Russell Simmons sagte jedenfalls dem amerikanischen Rolling Stone im Zusammenhang mit dem Hip-Hop-Musical, das er für den New Yorker Broadway plant: "Der Erfolg der schwarze Popkultur bedeutet auch, dass sie nicht mehr rebellisch sein muss. Wir sind auch so stolz drauf. (...) Wer das nicht versteht, versteht nichts von Popkultur. Ich bin alt. Rap ist alt. Er ist zugänglich. Er ist Mainstream."

Einen ganz anderen Flirt mit ebendiesem, liefert sich seit über 30 Jahren in Deutschland Andreas Dorau. Mit dem Künstler Albert Oehlen gründete er einst das Duo mit dem besten Namen aller Zeiten: Evergreens Of Psychoterror. Jetzt erscheinen seine Erinnerungen "Ärger mit der Unsterblichkeit" (Galiani Verlag), die mit dem großen Satz der Woche enden: "Meine Alben sind nach der Jahrtausendwende durchgehend in den Top 10 der Hitparaden aufgetaucht, besonders in den iTunes- und Amazon-Charts. Zwar manchmal nur für eine Stunde, aber ich war nie der Meinung, dass Erfolg von langer Dauer sein muss."

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