Süddeutsche Zeitung

Die CDs der Woche - Popkolumne:Gemeiner Gruß an die Kollegen

Das totgeglaubte Genre des Hip-Hop lebt. "Wolf" von Tyler, The Creator ist dafür ein apokalyptisch rumpelndes Paradebeispiel. Eric Clapton prangt derweil auf dem vielleicht hässlichsten Cover der Popgeschichte. Außerdem: zeitgenössischer Country-Folk - zum Lesen und Hören in unserer Popkolumne.

Ethan Jones

Ein Sänger, eine Akustik-Gitarre, ein ruhiger Country-Folk-Song - mehr ist verblüffenderweise immer noch nicht nötig für einen schwer berührenden Pop-Moment, obwohl doch nach dem frühen Bob Dylan, nach Neil Young und schließlich Nick Drake eigentlich alles, alles gesagt, gefühlt und gesungen scheint in diesem Genre.

Aber es gibt im Weltinnenraum des Kapitals offenbar ein vorerst zeitloses Bedürfnis nach etwas, dass man vielleicht unaufdringliche Aufrichtigkeit nennen muss, nach säkularisierter Instant-Salbung. Es kann kein Zufall sein, dass vielerorts ehemalige alte Kirchen in Auftrittsorte für Country-Folk-Sänger umgewandelt wurden. Das ist aber hier gar nicht so schlecht gelaunt kulturpessimistisch gemeint, wie es sich womöglich liest. Überhaupt nicht. Das Heil ist ein Versprechen, dem die Geschichte gezeigt hat, dass es jeder geben kann - wenn er denn in der Lage ist, es hinreichend glaubwürdig zu verkörpern. Im Guten wie im Schlechten.

Und wenn die Instant-Salbung so gut klingt wie in den vergangenen Jahren auf den Platten von Bon Iver, Dan Reeder, Father John Misty, Billy Bragg (der übrigens mit "Tooth & Nail" vor zwei Wochen auch ein sehr schönes neues Album veröffentlicht hat) oder eben in dieser Woche auf dem ersten Solo-Album "If Not Now Then When?" (Three Crows Records) des 1969 geborenen britischen Produzenten Ethan Johns, dem großen bärtigen Schattenmann des zeitgenössischen Country-Folk, dann wollen wir bitte immer mehr davon. Man höre nur den Song "Hello Sunshine" - bis zum nächsten Morgen ist man damit ganz bestimmt auf der sicheren Seite der Ohnmacht. Mindestens.

Eric Clapton

Etwas weniger glücklich waren wir, als uns dieser Tage das 21. Studioalbum von Eric Clapton in die Hände fiel. Es heißt tatsächlich "Old Sock" (Polydor/Universal) und je länger wir die CD betrachteten, umso klarer wurde, dass da jemand, vielleicht sogar der Meister selbst, schon rein gestalterisch ein echtes Kunststück vollbracht hat: Das Cover ist noch unfassbarer als der Titel der Platte. Also wirklich so hässlich, dass man unmöglich über dieses Album reden kann, ohne eine Wort über das Cover zu verlieren. Die Schrift muss ein Grafiker des Tigerentenclubs ausgewählt haben: Die Buchstaben sollen offensichtlich so aussehen, als seien sie aus Comic-Holzplanken zusammengenagelt worden. Und in der Mitte prangt ein lausig belichteter Handy-Schnappschuss Claptons mit Hut vor Palmen. Was bitte will uns der einst beste und meistens auch stilsicherste weiße Bluesgitarrist damit sagen? Gibt es unter den alten Socken einen hoch dotierten Wettbewerb um das hässlichste Cover der Popgeschichte?

Die Musik ist dann leider auch nicht mehr als ein Sampler mit glasierten Coverversionen von Claptons Lieblingssongs. Von Taj Mahals "Further On Down The Road" bis Gershwins "Our Love Is Here To Stay". Es gibt sehr berühmte Gäste, J.J. Cale, Steve Winwood und Paul McCartney, aber keinen Zauber. "Old Sock" ist ein völlig überflüssiges Album. Wie schade. Wir empfehlen als Gegengift eine kleine Youtube-Tour zu Clapton-Auftritten aus den Sechzigern. Und die kürzlich veröffentlichten Videos, in denen er für einen amerikanischen Gitarrenladen auf streng limitierten Kopien seiner Lieblingsinstrumente herumimprovisiert. Wow, was für ein Ton noch immer in diesen Fingern steckt! Einfach so, mal eben zwei Minuten ganz locker aus dem Sofasessel heraus. Wo ist der Produzent, der Clapton endlich wieder mehr sein lässt als einen lahmen Lackierer seines Ruhms?

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Tyler, The Creator

Der vor gar nicht allzu langer Zeit von vielen zu Grabe getragene Hip-Hop ist so lebendig wie lange nicht mehr. Die Veröffentlichungen von Angel Haze, Mykki Blanco, Azealia, LE1F, A$AP Rocky und Kendrick Lamar haben zuletzt eindrucksvoll gezeigt, dass das Genre noch immer die interessanteste Musik zur Zeit hervorbringt.

Dass es auch das kompetitivste ist (und daraus wohl einen guten Teil seiner Kraft bezieht), das beweist, dass in dieser Woche ohne große Ankündigung das dritte Album von Tyler, The Creator erschienen ist. Als der unvergleichlich frühweise raunende Chef-Nihilist des Odd-Future-Kollektivs aus Los Angeles hat er die laufende Erneuerung des Rap maßgeblich mit angeschoben. "Wolf" (Columbia/Sony) ist jetzt zwar kein vergleichbar großer Wurf wie der Vorgänger "Goblin", aber doch ein Ehrfurcht gebietender, apokalyptisch rumpelnder gemeiner kleiner Gruß an die Kollegen.

Fortlaufende Popkolumne der SZ.

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Quelle:
SZ vom 03.04.2013/kath
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