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Die CDs der Woche - Popkolumne:Ihr Rummelplatz-Techno wurzelt in einer Zeit, die sehr vorbei ist

Es gibt Bands, die sich nie verändern, und alles ist gut. Und es gibt Bands, die sich nie verändern, bei denen ist es eher tragisch. The Prodigy gehören zur zweiten Kategorie. Der Grund: Ihr bierdosenspritznasser Rummelplatz-Techno wurzelt in einer Zeit, die sehr vorbei ist: den selbstvergessenen Spaßgesellschaftsjahren der späten 90er. Hört man jetzt das neue Album "The Day Is My Enemy" (Universal), gibt es keine Sekunde lang Anlass anzunehmen, dass da draußen das Jahr 2015 läuft: Die Synthibässe knarzen wie beim Großrave, die Computerdrums peitschen in nervösen Schleifen auf den Hörer ein, verzerrte Micky-Maus-Stimmen wechseln sich mit Keith Flints Gemaule ab. Alles wie gehabt.

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Der einzige Moment, der nach hier und heute klingt, ist der Auftritt der großartigen Sleaford Mods, die im Song "Ibiza" lustig über die Baleareninsel lästern. Aber wenn man ehrlich ist, wirkt das, als würden zwei coole Jungs was erzählen, während eine Platte von 1996 läuft. Ein neues Album der Sleaford Mods ohne Prodigy hätte völlig gereicht.

Ziemlich irrer Anti-Gesang

Dann lieber noch eine Entdeckung: Algiers. Ein amerikanisches Trio, das leider genauso heißt wie ein englisches Indie-Duo (das auch ganz okay ist, um das es aber hier nicht gehen soll). Die drei haben erst ein paar Singles veröffentlicht, im Internet lohnt sich die Suche nach dem Song "But She Was Not Flying": eine kuriose Mischung aus minimalem Beat, rätselhaften Geräuschen, melancholischen Klaviertönen und ziemlich irrem Anti-Gesang.

Dazu huschen immer wieder Gospelchöre vorbei. Als würde ein schwermütiger Pianist seinen manischen Bruder bei der Hausmusik begleiten, während nebenan die Zeugen Jehovas ihren Gemeinschaftsabend begehen. Völlig heterogen, funktioniert aber wider Erwarten, weil Sänger Franklin Fisher so außer Rand und Band klingt, dass man einfach fasziniert dranbleibt, und sei es, um rauszukriegen, ob der Kerl am Ende des Lieds noch lebt. Ein rasender Rufer mit verblüffend viel Seele. Wäre schön, wenn man bald mal prüfen könnte, ob das live so gut ist, wie es zu sein verspricht.

Noch ein Wort zu den Charts dieser Woche:Der Rapper Kendrick Lamar, der überall, auch hier, zu Recht als Retter seines Fachs bejubelt wurde, hat es jetzt auf Platz sieben geschafft - VOR Helene Fischer. Alles wird gut.

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