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Die CDs der Woche - Jazzkolumne:Die wollen nur experimentieren

Wider das Schubladendenken: Der Pianist Bill Carrothers ist erstmals auch als Sänger zu hören, und dabei singt er doch so unprätentiös über Sehnsucht und Liebe. John Potter lässt Minnesänger vom Mars funken und Julie Tippetts liefert großartige Kopfhörermusik. Zu lesen und zu hören in unserer Popkolumne.

Von Karl Lippegaus

Bill Carrothers

Hin und wieder lädt Frankreichs gefragtester Toningenieur im Jazz, Gérard de Haro, Freunde und Bekannte zu Konzerten in sein Studio in der Provence ein. Im Halbkreis sitzen Melomanen jedweden Alters um den großen Steinway-Flügel unweit des Mont Ventoux. Zum engsten Künstlerkreis in Pernes-les-Fontaines, wo schon mehr als tausend Jazzalben entstanden sind, gehört der Pianist Bill Carrothers, der im hohen Norden der USA in Mass City/Minnesota lebt.

Auf seinem 25. Album "Love and Longing" (La Buissonne) ist Carrothers, ein erklärter Feind des Schubladendenkens, erstmals auch als - betont unprätentiöser - Sänger zu erleben. Wie in Zeitlupe lässt er ein versunkenes ländliches Amerika auftauchen und verleiht Bluegrass- und Hillbilly-Klassikern das intime Flair eines Schubert-Liedes.

Halb verfallene Landhäuser, an denen "For Sale"-Schilder hängen. Bahnhöfe in der Provinz, durch die längst kein Zug mehr fährt. Cole Porters "So In Love" funkelt da plötzlich wie ein sternenübersäter Nachthimmel. Carrothers hat für das Album vor allem Songs der Zwanziger- bis Vierzigerjahre ausgewählt und hier und da mit eigenen Improvisationen variiert. In leisen Molltönen wird auf diesem Album so von Liebe und Sehnsucht erzählt.

The Dowland Project

Man kennt den Lautenspieler und Komponisten John Dowland als großen Melancholiker der Musikgeschichte. Er lebte im England Elisabeths I. von 1563 bis 1626. Manche sehen in ihm sogar so etwas wie einen Vorläufer der großen todtraurigen Sänger und Songwriter der Popmusik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Tim Buckley oder Nick Drake.

Dem Sänger John Potter gelang es 1999, Dowlands Lieder zur Laute neu zu vergegenwärtigen, als er für ein Album Jazzmusiker wie den Holzbläser John Surman und den Bassisten Barry Guy einlud. Plötzlich erlebte man Dowland so lebendig, als säße er mitten unter uns.

The Dowland Project, eine reine Studioformation, legt jetzt ihr viertes Album "Night Sessions" (ECM) vor - ein erstaunliches Dokument experimentellen Musizierens. Von Dowland ausgehend hat die Gruppe ihr Repertoire stark erweitert, schürft noch tiefer - und schert sich immer weniger um Begriffe wie Alte oder Neue Musik, Klassik oder Jazz. Achtung: Minnesänger funken vom Mars.

Julie Tippetts

Auf nächtlichen Pfaden bewegt sich auch die Britin Julie Tippetts, die sich vom Popstar der späten Sechzigerjahre - da hieß sie noch Julie Driscoll und sang von "The Season Of The Witch" - in den Free Jazz verabschiedete und in die Arme des Pianisten Keith Tippett (ohne s) fiel.

Seit einigen Jahren singt sie im Duett mit dem Laptop-Künstler Martin Archer und verfasst mysteriöse Verse für dessen bizarre Soundlandschaften. Mal ist sie darin ein wirbelnder Derwisch, mal eine keltische Bardin aus dem 21. Jahrhundert, immer aber eine ernst zu nehmende Gesangskünstlerin. Ihre neue CD "Serpentine" (Discus) - vor allem das überirdisch schöne, virtuell großorchestrale "Subside" - ist großartige Kopfhörermusik, also der ideale Soundtrack für langen Wanderungen zum Beispiel durch die verregnete Provence.

Gigi Gryce

Nur zehn Jahre war der 1983 verstorbene Altsaxofonist und Komponist Gigi Gryce in der Jazz-Szene aktiv. Ein scheuer, introvertierter Afroamerikaner, versteckt hinter einer dicken Hornbrille. Immer feilte er an seinem Ton, mit dem er nie zufrieden war.

In Studios wirkte Gryce oft nervös. Die 60 Songs, die bislang von ihm auf Platten dokumentiert sind, waren aber offenbar nur die Spitze eines Eisbergs. Mit dem im Februar verstorbenen Trompeter Donald Byrd leitete Gryce in der zweiten Hälfte der Fünfziger eine fabelhafte Band, die sie Jazz Lab nannten. Und die gesammelten Sessions des Jazz Lab sind jetzt in einer Box mit vier CDs und insgesamt 52 Tracks erschienen: "The Complete Jazz Lab Sessions" (Jazz Dynamics).

In der Biografie "Rat Race Blues" erzählen Noal Cohen und Michael Fitzgerald von dem verkannten Jazzgenie. Nachdem er anderen gezeigt hatte, wie man komponiert und seine Stücke selbst verlegt, zog sich Gigi Gryce, der früh zum Islam konvertiert war, völlig zurück und unterrichtete jahrelang nur noch an öffentlichen Schulen in New York.

Fortlaufende Popkolumne der SZ.

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Quelle:
SZ vom 12.06.2013/jspe
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