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Die CDs der Woche - Jazzkolumne:Die wollen nur experimentieren

"Love and Longing" von Bill Carrothers

Der Pianist Bill Carrothers lässt auf seinem 25. Album "Love and Longing" ein versunkenes, ländliches Amerika auftauchen.

(Foto: La Buissonne)

Wider das Schubladendenken: Der Pianist Bill Carrothers ist erstmals auch als Sänger zu hören, und dabei singt er doch so unprätentiös über Sehnsucht und Liebe. John Potter lässt Minnesänger vom Mars funken und Julie Tippetts liefert großartige Kopfhörermusik. Zu lesen und zu hören in unserer Popkolumne.

Von Karl Lippegaus

Bill Carrothers

Hin und wieder lädt Frankreichs gefragtester Toningenieur im Jazz, Gérard de Haro, Freunde und Bekannte zu Konzerten in sein Studio in der Provence ein. Im Halbkreis sitzen Melomanen jedweden Alters um den großen Steinway-Flügel unweit des Mont Ventoux. Zum engsten Künstlerkreis in Pernes-les-Fontaines, wo schon mehr als tausend Jazzalben entstanden sind, gehört der Pianist Bill Carrothers, der im hohen Norden der USA in Mass City/Minnesota lebt.

Auf seinem 25. Album "Love and Longing" (La Buissonne) ist Carrothers, ein erklärter Feind des Schubladendenkens, erstmals auch als - betont unprätentiöser - Sänger zu erleben. Wie in Zeitlupe lässt er ein versunkenes ländliches Amerika auftauchen und verleiht Bluegrass- und Hillbilly-Klassikern das intime Flair eines Schubert-Liedes.

Halb verfallene Landhäuser, an denen "For Sale"-Schilder hängen. Bahnhöfe in der Provinz, durch die längst kein Zug mehr fährt. Cole Porters "So In Love" funkelt da plötzlich wie ein sternenübersäter Nachthimmel. Carrothers hat für das Album vor allem Songs der Zwanziger- bis Vierzigerjahre ausgewählt und hier und da mit eigenen Improvisationen variiert. In leisen Molltönen wird auf diesem Album so von Liebe und Sehnsucht erzählt.

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