"Die Blüte des Einklangs" im Kino Geblendet, um sehen zu lernen

Sie sucht Verbindung, er Einsamkeit: Juliette Binoche und Masatoshi Nagase in "Vision".

(Foto: Verleih)

Die Natur ist aus dem Lot, die Seele ebenfalls. Die Heldin in Naomi Kawases Film "Die Blüte des Einklangs" setzt alle Hoffnung auf ein Heilkraut, doch es blüht nur alle tausend Jahre.

Von Philipp Stadelmaier

Uralte, riesenhohe Bäume, das Sonnenlicht bricht durch majestätische Wipfel, aus dem Dickicht dringen Tierlaute. Ein Jäger schleicht durch den japanischen Wald - er entdeckt etwas, zielt und schießt. Es genügen diese ersten paar Bilder, um klarzumachen, dass es hier um die ganz großen Fragen gehen wird: Um die Natur und den Menschen, um Leben und Sterben.

Danach sehen wir das Ganze von oben: sich endlos ausdehnende, waldige Berge. Nur dass nun mitten durch dieses Paradies eine Eisenbahntrasse führt. Die Botschaft ist klar: Der Mensch hat in die Natur eingegriffen und zerstört ihre Einheit.

Ihre Annäherung erscheint als ein ebenso rares Naturereignis wie das Erblühen der Pflanze

An Bord dieses Zugs, mit dem wir in den neuen Film der japanischen Regisseurin Naomi Kawase transportiert werden, befindet sich eine Frau auf der Suche. Eine französische Reisejournalistin, Jeanne, gespielt von Juliette Binoche (der diesjährigen Präsidentin der Berlinale-Jury). Jeanne ist hergekommen, um in dem Wald ein Heilkraut namens "Vision" zu suchen, das nur alle tausend Jahre blüht und körperliche wie seelische Leiden heilen soll.

Dabei trifft sie auf einen Einsiedler (Masatoshi Nagase), der sich in den Wald zurückgezogen hat, und auf eine alte Frau. Die behauptet von sich, sie sei vor tausend Jahren geboren worden - an dem Tag, als das Heilkraut zum letzten Mal geblüht hat.

Von allen wird nun das kurz bevorstehende neuerliche Aufblühen des Heilkrauts herbeigesehnt. Die Natur ist aus dem Gleichgewicht geraten, das Kraut soll es wieder herstellen. Aber auch aus persönlichen Gründen. Jeanne hat in der Vergangenheit eine traumatische Verlusterfahrung gemacht und verspricht sich von "Vision" seelische Linderung.

Zwischen ihr und dem Einsiedler entspinnen sich zarte Bande: Sie sucht das Glück in der Natur, er ist überzeugt, dass es in den Menschen existiert. Sie sucht nach Verbindung, er nach Einsamkeit. Sie macht Pasta, er mag keine Tomaten. Das erweist sich aber als Chance: Da er ihre Nudeln verschmäht und sie nicht einfach nur schweigend essen können, kommen sie sich beim Abendessen körperlich näher.

Wie Kawase diesen Moment inszeniert, offenbart ihre große Sensibilität und Aufmerksamkeit für die kleinsten Regungen. Sie filmt eine Begegnung zweier Menschen, die sich von der Liebe fast schon zurückgezogen haben und sie hier noch einmal neu entdecken. Sie bewegen sich ungestüm, ungeschickt, wie beim ersten Mal. Das im Film erwartete Erblühen von "Vision" wirkt wie ein Echo darauf, ist es doch ebenfalls ein besonderes, aufregendes, singuläres Naturereignis, zu dem es nur so selten kommt, dass es immer wieder wie zum ersten Mal stattfindet. So verbindet sich hier eine sublime Erfahrung der Natur mit den Körpern und dem Leben der Figuren.

Der deutsche Verleihtitel mag die esoterische Seite des Films herauskehren, die Suche nach Harmonie, Spiritualität und Friede. Im Original heißt der Film jedoch ganz schlicht wie das mysteriöse Heilkraut: "Vision". Wie die Vision, die man als Zuschauer hat und in die man von der Regisseurin eingeführt wird. Die Details, die Kawase filmt, sind zwar manchmal etwas nah am Wasser und am Kitsch gebaut: hier eine Träne, dort ein Regentropfen. Vor allem aber filmt die Kamera immer wieder direkt in die Sonne, und so gehört zu der Vision vor allem das Gegenlicht.

Das blendet manchmal so sehr, dass man kaum noch richtig sehen kann. Kawases letzter Spielfilm, "Radiance", handelte von einer Frau, die Filme für Blinde schreibt, und von einem Fotografen, der dabei ist, sein Augenlicht zu verlieren. Gerade die Blendung ist bei Kawase aber die Voraussetzung dafür, besser zu sehen - nicht nur mit den Augen, sondern, wie es auch in ihrem neuen Film heißt, "mit dem Herzen". So blendet auch Kawase ihre Zuschauer, macht ihnen das Sehen schwer - und lässt sie dabei neu sehen lernen.

Das eigentliche Heilkraut, die eigentliche "Vision" ist bei Kawase daher das Kino selbst. "Welche Schönheit", haucht Binoche am Ende, und damit ist nicht nur die lichtdurchflutete Natur, sondern auch der Film selbst gemeint. Wenn am Ende die Elemente in immer dramatischere Zustände geraten und ein Teil des Waldes Feuer fängt, sagt man sich, dass Kawase bei aller Naturlyrik auch eine brutale Künstlerin sein kann. Nicht der ewige Kreislauf aus Entstehen und Vergehen ist das Faszinierende an ihrem Film, sondern das Gefühl, dass diese Regisseurin auch einen ganzen Wald abfackeln würde. Nur um zusehen zu können, wie die Asche verglüht, aus der sich die Schönheit ihres Films erheben kann.

Vision, Japan, Frankreich 2018. - Regie und Buch: Naomi Kawase. Kamera: Arata Dodo. Mit Juliette Binoche, Masatoshi Nagase, Takanori Iwata. Neue Visionen Filmverleih, 110 Minuten.