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Die Antifaschistin:Salz in der Pfeffermühle

Mann, Erika - Actor, Writer, Cabaret artist, D *09.11.1905-27.08.1969+   - Portrait in her car, bevore the race of 1000 km; beside her the co-driver Ricki Hallgarten - about 1931  - Published in: 'Tempo'; 04.06.1931  Vintage property of ullstein bild

Erika Mann beim Aufbruch zu einem Autorennen, mit Copilot Ricki Hallgarten. Das Foto erschien am 4.6.1931 in der Zeitschrift "Tempo".

(Foto: ullstein bild/Getty Images)

Vor fünfzig Jahren starb Erika Mann in Zürich.

"Die Frage, ob die Frau ohneweiters schreiben soll (...), wenn sie glaubt, dass sie es könnte, steht offen. Aber sicher sollte sie sich den Entschluss härter ankommen lassen als der Mann", heißt es in Erika Manns Text "Frau und Buch" für die Berliner Zeitschrift Tempo im März 1931. Und weiter: "sie muss sehr stark und sehr konsequent sein (...), wenn sie auf dem Papier sich durchsetzen will." Auch wenn Erika Mann da erst fünfundzwanzig war, wusste die am 9. November 1905 in München geborene Urenkelin der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm und Lieblingstochter des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, Nichte von Heinrich und Schwester des früh literarisch erfolgreichen Klaus Mann, wovon sie schrieb. Ganz bewusst hatte sie sich zunächst vom "Familienfluch" Schreiben ferngehalten.

Allerdings nicht, weil sie den Vergleich scheute oder es ihr an Stärke oder Konsequenz mangelte. Als sie sich dann doch für das Schreiben entschied, konzentrierte sie sich zunächst auf Reiseberichte und Feuilletons. Dann brillierte sie mit Kinderbüchern, Kabaretttexten, politischen Büchern und Vorträgen, in Kriegszeiten mit Reportagen von vorderster Front - Genres, in denen die Männer der Familie kaum zu Hause waren oder erst auf ihr Drängen hin tätig wurden.

Ihre Ehe mit Gustaf Gründgens platzte so rasch wie ihr Traum von der Bühnenkarriere

Bis heute besticht Erika Mann als vielseitige und prägnante Autorin, ob sie nun schreibt, wie es ist, als Frau Automonteur zu lernen oder an der spanischen Bürgerkriegsfront zu stehen, als Vortragsreisende quer durchs Land zu reisen oder das befreite Berlin wiederzusehen. Ihre Texte atmen die Leidenschaft, mit der sie gelebt hat. Pointiert und unterhaltsam macht sie das vermeintlich Nebensächliche wie das Weltbewegende zum Thema. "Meine Sicht (...) ist eher emotional als intellektuell", schrieb sie in ihrer Fragment gebliebenen Autobiografie von 1943, "nicht dogmatisch, sondern menschlich".

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod ist Erika Mann dennoch weniger als eigenständige Autorin denn als "Tochter-Adjudantin" von Thomas und eifersüchtige Nachlassverwalterin von Klaus Mann im Gedächtnis. Dabei war sie dank ihrer Erfolge zu Klaus' Lebzeiten diejenige, die ihn im Gespräch hielt und für ein halbwegs geregeltes Einkommen des chronisch klammen Bruders sorgte. In jungen Jahren hatte sie ihren eigenen Weg eingeschlagen, um sich vom Einfluss des Vaters und den häuslichen Erwartungen an sie, die Älteste und vermeintlich Vernünftigste, zu emanzipieren. "Die Eri muss die Suppe salzen", lautete ein geflügeltes Wort in der Familie zu ihrer Rolle als Ersatzmutter während der häufigen Kuraufenthalte der Mutter Katia.

Nach dem Abitur konzentrierte sie sich auf ihr Schauspieltalent, debütierte bei Max Reinhardt in Berlin, wechselte überstürzt an die Kammerspiele nach Hamburg, wo sie den ehrgeizigen Gustaf Gründgens heiratete. Die Ehe platzte so rasch wie ihr Traum von der Bühnenkarriere. Eine Weltreise mit Klaus sollte Ende 1927 Trost spenden - und eröffnete ihr ein neues Betätigungsfeld.

Als "literary Mann-twins" tourten die beiden ohne Sprachkenntnisse und Geld durch die USA. Um des reinen Überlebens willen begann Erika, Reiseberichte zu schreiben. Ihr erstes mit Klaus Mann geschriebenes Buch "Rundherum" (1929) wurde ein Bestseller, es ist bis heute als treffende Beschreibung der damaligen amerikanischen Gesellschaft interessant.

Mit Büchern wie "Escape to Life" warb sie in den USA für die Emigranten aus Europa

Erika Manns Verhältnis zum Schreiben blieb pragmatisch. Zunächst griff sie zum Stift, um Geld zu verdienen, später, um sich politisch Gehör zu verschaffen. Von Vorteil war, dass sie mühelos Schauspielerei und Schreiben verbinden konnte. 1933 gründete sie mit ihrer Lebensgefährtin Therese Giehse das Kabarett "Die Pfeffermühle". Ein Großteil der Texte dieses Kabaretts, die gegen Hitler und die Geschehnisse in Deutschland Stellung bezogen, stammte von ihr. Im weißen Pierrotkostüm wurde sie als Conférencière das Gesicht der Truppe.

Als die "Pepper Mill" nach Triumphen in Europa Anfang 1937 in den USA scheiterte, nutzte Erika ihre Vielseitigkeit dennoch für ihr Anliegen. In mitreißenden Vorträgen klärte sie Millionen Amerikaner über die Vorgänge in Europa auf, schwor sie auf die Notwendigkeit des Kampfs gegen Hitler und den Kriegseintritt der USA ein. In Bestsellern wie "Zehn Millionen Kinder" schilderte sie die faschistische Erziehung im Dritten Reich und verschaffte mit Büchern wie "Escape to Life", die sie gemeinsam mit Klaus verfasste, den aus Europa geflohenen Schriftstellern gebührende Aufmerksamkeit in Amerika.

Mit Kriegsende und dem Sieg über das NS-Regime war ihr Ziel erreicht. Zugleich verlor sie damit das große Thema, das über Jahre ihr Engagement geprägt hatte. Nach dem Suizid ihres Bruders Klaus im Mai 1949 widmete sie sich ganz dem Erhalt seines und später auch des Werks ihres Vaters, der 1955 starb. Ihr eigenes Schreiben trat in den Hintergrund. Schon 1931 hatte sie die Stärke weiblicher Autorinnen so beschrieben: "Sie kennt die Welt, sie weiß Bescheid, sie hat Humor und Klugheit, und sie hat die Kraft, sich auszuschalten. Fast ist es, als übersetzte sie: das Leben in die Literatur, in keine ungemein hohe Literatur, aber doch in eine brauchbare, anständige, oftmals liebenswerte.

© SZ vom 27.08.2019

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