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Erstmals in deutscher Übersetzung:"Am Anfang war die Beleidigung"

Parade zum 'Christopher Street Day' in Paris

„Nicht der Aufbruch zur Lust ist unerträglich, sondern das glückliche Erwachen“, sagte Michel Foucault 1978 in einem Interview. Im Bild eine Gay-Pride-Parade in Paris im Jahr 2009.

(Foto: dpa)
  • Didier Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" erchienen 1999 auf Französisch.
  • Darin erkundet Eribon die Arbeit, das Leben als Kunstwerk zu entwerfen, von Oscar Wilde zu Michel Foucault und darüber hinaus.
  • Im Streit um Identitätspolitik ist die deutsche Ausgabe wieder aktuell.

Nachdem er aus dem Zuchthaus entlassen worden war, wo er zwei Jahre wegen "Unzucht" hatte verbüßen müssen, versuchte Oscar Wilde einen Neuanfang in der Normandie, in Neapel und Paris. Dort lief ihm André Gide über den Weg, er rief ihn beim Namen. Die traurige Szene die folgte, hat Gide zur Erinnerung an den wenig später verstorbenen Freund geschildert: "Wilde saß auf der Terrasse eines Cafés ... Ich wollte ihm gegenüber Platz nehmen, so dass ich den Passanten den Rücken zugewandt hätte, aber Wilde, betroffen von dieser Geste, die er als eine Regung absurder Verschämtheit auffasste (leider nicht ganz zu Unrecht), sagte: ,Ach, setzen Sie sich doch hierhin, zu mir', und deutete dabei auf einen Stuhl neben ihm; ,ich bin zur Zeit so allein. Wenn ich seinerzeit Verlaine begegnete, schämte ich mich seiner auch nicht', fuhr er fort und versuchte, dabei stolz zu wirken."

Die beiden kannten sich gut. Gide verdankte seine homoerotische Initiation dem älteren Dichter, der ihm ein paar Jahre zuvor in Algier einen Jüngling zugeführt hatte. Und obwohl Gide auch nach dem Skandalprozess und der öffentlichen Demütigung Wildes nicht mit diesem gebrochen hatte, wollte er doch ungern an dessen Seite gesehen werden, als einer von "denen" erkennbar sein, hämische Bemerkungen provozieren. Er zögerte kaum bewusst, vielmehr drängte etwas in ihm dazu, die kompromittierende Begegnung vor aller Augen zu vermeiden. Und so war das Gesellschaftstier anwesend, als die zwei Freunde sich zufällig auf den Grands Boulevards begegneten.

Dergleichen, schreibt Didier Eribon, habe wohl jeder Schwule einmal erlebt. Und es gibt keinen Grund, ihm zu widersprechen. Die halb-bewusste Scheu, die Scham, sich in der Nähe besonders auffälliger Personen unfreiwillig zu erkennen zu geben und damit dem öffentlichen Urteil auszusetzen, lebt auch nach der Entkriminalisierung der Homosexualität und der in einigen Ländern erstrittenen Ehe für alle weiter. Ein Homosexueller steht, so Eribon, irgendwann vor der Entscheidung, "zu sagen, was er ist".

Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" - der Titel greift Sartres "Réflexions sur la question juive" auf - ist 1999 auf Französisch erschienen. Die deutsche Ausgabe verdankt sich vor allem dem Erfolg des autobiografischen Berichts "Rückkehr nach Reims", in dem Didier Eribon feststellte, dass es ihm leichter falle, über "sexuelle Scham zu schreiben als über soziale". In manchen urbanen Milieus kann ein Mann selbstverständlich mit seinem Mann Händchen halten, aber über die Armut der Eltern sollte er besser schweigen. Die denkfaule, politisch reaktionäre Schlussfolgerung, man solle Unrecht hierarchisieren, etwa zugunsten der sozialen Frage weniger von Minderheitenrechten, Gleichberechtigung, Emanzipation reden, hat Eribon nie gezogen und sie wäre auch nicht in seinem Sinne.

Die verbalen Aggressionen formen, so Eribon, die Beziehung zur Welt

Alle, die erst die "Rückkehr nach Reims" gelesen haben und dann die frühe Studie zur Hand nehmen, werden rasch feststellen, wie eng beide Bücher zusammenhängen, wie gut sie einander ergänzen. Die "Betrachtungen über die Schwulenfrage" sind eine kreisende Reflexion über die ungemein produktive Ausgangsthese: "Am Anfang war die Beleidigung". Die verbalen Aggressionen - "Schwuchtel", "Dreckslesbe" - schreiben sich, so Eribon, dem Gedächtnis und dem Körper ein, sie formen die Beziehung zur Welt und zu den Mitmenschen, sie fällen ein Urteil, stiften die Unterscheidung zwischen den Normalen und den Stigmatisierten. Die Beleidigung weist einen Platz zu und bezieht ihre Macht aus der gesellschaftlichen Hierarchie und ihren Normen.

Das verändert sich allmählich durch die Erfolge der Schwulenbewegung, durch die fortlaufende Skandalisierung schwulenfeindlicher Äußerungen, aber das heißt noch lange nicht, dass die kulturellen, über Jahrhunderte geformten Muster außer Kraft gesetzt wären. So wie das Wahlrecht für Frauen die männliche Herrschaft keineswegs beendet hat, ist die erst seit Kurzem, nur in wenigen Ländern und gegen große Widerstände durchgesetzte rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben am Anfang einer langen Entwicklung hin zu einer Welt ohne Stigmatisierung.

Gegenwärtig dürften schwule Serien- und Filmfiguren wichtiger sein

Didier Eribon entwirft zunächst eine Phänomenologie der schwulen Existenz - von der Vorliebe für Großstädte über die Berufswahl, die Freundeskreise, die klassenübergreifend scheinen, bis hin zum Coming-out. "Oscar Wildes Gespenster" ist der zweite Teil überschrieben. Darin geht es um die Versuche, über die schwule Liebe zu reden, über die Liebe, die sich, wie Wilde vor Gericht sagte, nicht traut, ihren Namen auszusprechen. Walter Pater und die Oxforder Hellenisten werden gewürdigt, Magnus Hirschfeld, Wilde, Gide und Marcel Proust. Im Durchgang durch ihre Werke, die aufeinander verweisen, kritisiert Eribon den Kult der Virilität, ohne die Autoren zu bloßen Vorläufern einer vermeintlich aufgeklärteren Gegenwart zu degradieren. Dieser literaturhistorische Teil der "Betrachtungen" ist nicht überholt, aber doch historisch geworden. Gegenwärtig dürften schwule Serienfiguren, Film- und Comichelden für die Selbstverständigung, die schwule Identitätsbastelei doch wichtiger sein als die Klassiker des 19. Jahrhunderts.

Den historischen Ort seiner Überlegungen bestimmt Eribon in einer ausführlichen Exegese der Schriften Michel Foucaults. Der hatte behauptet, die Homosexuellenliteratur entwickele sich "in Reaktion auf den psychiatrischen Diskurs und die Erfindung der ,Figur' des Homosexuellen durch die medizinische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts". Das sei ein Irrtum, sagt Eribon, das Gegenteil wahrscheinlicher: Die bereits existierende homosexuelle Kultur sei in den Blick der Psychiatrie geraten, die den literarischen Diskurs pathologisierte. Dass sich Foucault mit seinen Datierungen selbst widersprach - erklärt Eribon überzeugend damit, dass sein bewundertes Vorbild mit "Der Wille zum Wissen" (1976) und der Kritik an der Geständniskultur auf die Rezeption seiner eigenen früheren Bücher reagierte. Auf Schwulenaktivisten wie Guy Hocquenghem etwa, der die "Formen des Verlangens" aufdecken wollte und sich ausdrücklich auf Foucaults "Histoire de la Folie" (1961) bezog. In dieser hatte Foucault noch die Stimme der zum Schweigen Verurteilten vernehmbar machen wollen, in der "Wille zum Wissen" gilt ihm die "Wortmeldung" selbst auch wieder als "Element eines Dispositivs der Macht, das die Individuen zum Sprechen auffordert". Die Macht durchdringt alle Diskurse. Interessant ist die Zusammenführung beider Motive zu einer "Ästhetik der Existenz", die nicht "im Aufbruch zur Lust", sondern im "glücklichen Erwachen" die für die Ordnung unerträgliche Provokation erblickt, darin, dass zwei Jungs Händchen halten.

Die Frage, wie Identitäten entstehen, ist im Streit um Identitätspolitik gegenwärtig wieder aktuell. Da kommt die verspätete deutsche Ausgabe der "Betrachtungen" gerade recht. Hier lässt sich studieren, wie über Identitäten vernünftig und mit einem Sinn für Unterschiede zu reden wäre. Und heute müsste eine Grenze Foucaults überschritten werden, der schwule Kultur aus der Sicht der Männer wahrnahm, weit entfernt von der heutigen Queer culture, die von einer Gemeinsamkeit zwischen Schwulen, Lesben, Transmenschen ausgeht.

"Wir sollten uns bemühen, Homosexuelle zu werden, statt hartnäckig erkennen zu wollen, dass wir es sind", sagte Foucault 1981. Eribon erkennt darin den Nachhall von Oscar Wildes Aufforderung, aus dem Leben ein Kunstwerk zu machen. So gesehen ist das Coming-out kein einmaliger Akt, sondern permanente Aufgabe.

Didier Eribon: Betrachtungen zur Schwulenfrage. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 622 Seiten, 38 Euro.

© SZ vom 11.02.2020/tmh
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