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Deutschsprachige Literatur:Der Kampf mit dem Gogelmogel

Giwi Margwelaschwili 2008 in seiner Berliner Wohnung. Drei Jahre später ging er nach Tiflis zurück.

(Foto: imago stock&people)

Als Sohn georgischer Emigranten wurde Giwi Margwelaschwili 1927 in Berlin geboren. In Tiflis schrieb er lang für die Schublade - auf Deutsch. Jetzt wird er neunzig.

Autoren schreiben in aller Regel, um gelesen zu werden. Als vor einem Vierteljahrhundert der Sozialismus zusammenbrach, war Giwi Margwelaschwili eine Ausnahme, denn er hatte in Tiflis während vierzig Jahren für die Schublade geschrieben, und zwar auf Deutsch. Nachdem er Anfang der Neunzigerjahre in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt war, erschienen in rascher Folge in verschiedenen Verlagen mehrere Bücher von ihm, er erhielt Preise, und für eine kurze Zeit stand er im Rampenlicht, nur um darauf weitere zwölf Jahre für die Schublade zu schreiben. Seit 2007 erscheint eine Werkausgabe seines vielfältigen und umfangreichen Werks im Verbrecher-Verlag, aktuell der Roman "Die Medea von Kolchis in Kolchos" und nun, pünktlich zum 90. Geburtstag des Autors, der Gesprächsband "Bedeutungswelten" mit seinem Verleger Jörg Sundermeier.

"Einmal Emigrant, immer Emigrant", sagt Margwelaschwili, der seit 2011 aus gesundheitlichen Gründen wieder in Tiflis bei seiner Familie lebt. Er führe eine "Schaukelexistenz" zwischen Georgien und Deutschland: "Wenn es zwei Heimaten gibt, dann neutralisiert sich das Wort Heimat, es verändert sich und wird offener, weltoffener und die Emotion nimmt dabei ein wenig ab." Das Schicksal des 1927 als Sohn georgischer Emigranten geborenen Giwi entschied sich, als sein Vater nach dem Krieg vom NKWD entführt wurde und er, fast zufällig, ebenfalls in das verhängnisvolle Auto stieg.

Seine Figuren lässt er ein "Privatleben" führen, das unabhängig vom Autor ist

Sein Vater wurde, wie Margwelaschwili in den Neunzigerjahren erfuhr, gleich im Jahr 1946 in Tiflis erschossen, Giwi blieb für anderthalb Jahre im sowjetischen Lager Sachsenhausen interniert. Gerettet habe ihn Balzacs "Eugénie Grandet": "Die Bedeutung hatte das Buch selbst, die Sprache und das völlig Andere", erklärt Margwelaschwili im Gespräch mit Sundermeier. Er wurde nach Tiflis geflogen, wo seine Tante ihn aufnehmen musste. Die deutsche Sprache war das Einzige, was ihm geblieben war. Es gelang ihm, in Georgien in einer "schreiberischen Emigration" eine völlig singuläre Prosa zu entwickeln.

In den beiden Bänden "Kapitän Wakusch" schildert er mit abgründiger Sprachkomik seine Berliner Jugend der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die jugendlichen Pipos und Pipas haben sich auf ihre Wartburgen zurückgezogen, wo sie sich mitten in Deuxiland auf der Dixiebahn vergnügen und alles tun, um sich dem Gogelmogel (Ideologie) des Mamassachlissi (Patriarch) zu entziehen.

In seinen "ontotextuellen" Romanen dagegen entwirft Margwelaschwili eine metafiktionale Buchwelt, die man auch als Metapher für jede Form der Diktatur lesen kann: Wenn sie gelesen werden, müssen die "Buchpersonen" ihren Text erfüllen, ist jedoch kein Leser da, führen sie im Text-Hintergrund ihr "un- und antithematisches" Privatleben, und oft geht es dabei um die Befreiung der Buchpersonen aus ihrem vorgeschriebenen Thema. "Erzählte Literaturtheorie" nennt Jörg Sundermeier diesen Ansatz.

Auch der Roman "Die Medea von Kolchis in Kolchos" gehört zu dieser Gattung. Neben einem realweltlichen Autor Wakusch 1 und dem (von diesem erfundenen) lesestofflichen Wakusch 2 gibt es in diesem Roman einen (ebenfalls vom fiktionalen Autor des Buchs erdachten) "künstlichen Leser". Raffinierterweise ist er zugleich der Ich-Erzähler des mehrfach verspiegelten Texts. Die Buchpersonen beziehen ihre "Lese-Lebensenergie" von den realen Lesern, doch weil diese sich in der Wakusch-Welt schon lange nicht mehr blicken lassen, muss der künstliche Leser sie "lese-lebensenergetisch aufpulvern".

Die abwesenden Leser sind bei Margwelaschwili ein Lebensthema. In Georgien gab es kein deutsches Lesepublikum, und als Heinrich Böll ihm seinerzeit anbot, eines seiner Manuskripte in den Westen zu schmuggeln, ging Margwelaschwili aus Angst vor Repressalien nicht darauf ein. "Ich sah keine Leser für meinen Wakusch und erfand deshalb die Lese-Lebenshelfer, um die ungelesenen Personen am Leben zu erhalten." Auch im Westen hat es seine eigenwillige Prosa schwer. Der Ich-Erzähler in "Die Medea aus Kolchis in Kolchos" bedauert denn auch, dass die Leser "nur noch aktuell und faktuell Verständliches sehen und erleben wollen".

Am Strand des Schwarzen Meeres liegt ein Exemplar von Christa Wolfs "Medea"

Wir befinden uns am Ufer des Schwarzen Meeres, wo eine riesenhafte Medea-Statue aus den Wellen ragt, und der lesende Ich-Erzähler erklärt uns die Szenerie. Durch die Luft fliegt bisweilen der telepathisch ferngesteuerte Polyp Polymat, er säubert mit seinen Saugrohren die Atmosphäre von Ideologie, während am Strand Nebenfiguren spazieren, die von der "Leserschwindsucht" verschont bleiben, im Gegensatz zur Hauptfigur, dem "lesestofflichen" Wakusch. Wir sehen ihn ermattet am Strand sitzen, auf dem ein Buch liegt, Christa Wolfs "Medea". Mit Wolfs Umdeutung des Medea-Mythos' will der erfundene Wakusch die "standbildstoffliche" Medea aus der falschen Überlieferung befreien. Seinem Rettungsleser erzählt er von weiteren Plänen: In der Buchwelt gibt es auch Statuen von Stalin und Lenin, ihnen möchte er gern "Das Kapital" von Marx in die Hand drücken, damit sie diesen folgenreichen Text endlich einmal richtig lesen und erkennen, was sie angerichtet haben.

So aufregend das erzähltheoretische Konzept ist - in der Umsetzung kreisen die Texte oft um sich selbst. Statt gehandelt wird geredet, die (reale) Leserin wird Zeugin eines Selbstgesprächs des Autors mit seinen erfundenen Figuren. Der Umfang von Giwi Margwelaschwilis Werk ist kaum zu überblicken. Als er 1991 nach Berlin zog, war sein Manuskriptstapel anderthalb Meter hoch, inzwischen sind es fünf Meter. Die literarische Bedeutung seines Gesamtwerks beruht weniger auf den einzelnen Werken als auf dem immer wieder aufs Neue vollzogenen Akt der Selbstbefreiung durch das Schreiben.

Giwi Margwelaschwili hat den Spieß seines Lebensschicksals umgedreht und mit seinen Romanen einen imaginären Raum geschaffen, in dem der größte aller Menschheitsträume wahr wird: "Dass man mit dem Willen und der entsprechenden Vorstellung alles, selbst das Unmöglichste, fertigbringt", wie es der erfundene Wakusch im Medea-Roman formuliert. Dieser "Schopenhauerismus" ist eine Überlebenstechnik: "Das, was man schafft, stärkt einen", sagt Giwi Margwelaschwili im Gespräch mit Jörg Sundermeier.

Giwi Margwelaschwili: Die Medea von Kolchis in Kolchos. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 162 Seiten, 20 Euro. E-Book 9,99 Euro. Eine Leseprobe gibt es hier.

Giwi Margwelaschwili: Bedeutungswelten. Ein Gespräch mit Jörg Sundermeier. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 120 Seiten, 15 Euro. E-Book 9,99 Euro. Eine Leseprobe gibt es hier.

© SZ vom 14.12.2017
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