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Deutschland und der Erste Weltkrieg:Vier Jahre, drei Monate, elf Tage

Vor 90 Jahren, am 2.August 1914, begann der Erste Weltkrieg. Eine berühmte These der Wissenschaft lautet: Der Krieg hat die Deutschen brutalisiert. Doch kann sich Gewalt in einem Land wirklich fortpflanzen?

Als Otto Graf Lambsdorff in den Zweiten Weltkrieg einrückte, wusste er schon, dass er nicht gesund zurückkehren würde. An sein Überleben habe er geglaubt, hat er später erzählt, aber von Anfang an habe er damit gerechnet, eine schwere Verletzung davonzutragen. Genau so kam es dann auch. Seit dem Krieg geht Lambsdorff am Stock. Seine Intuition war richtig gewesen, woher aber rührte sie? Was war ihr Ursprung? Wie kommt ein junger Mann darauf, dass er aus dem Kampf, in den er zieht, als Versehrter zurückkommen wird?

Bilder eines Krieges: Französische Soldaten klettern während der Schlacht um die französische Stadt Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben. 1916 starben dort rund 700.000 Menschen...

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Lambsdorffs nähere Gründe beiseite gelassen, ist seine Vorahnung doch charakteristisch für seine Generation. Der Krieg fordert seinen Preis: Das war die simple Lehre des Ersten Weltkriegs gewesen. Seitdem taten junge Männer, die realistisch dachten, gut daran, damit zu rechnen, dass sie einen nächsten Krieg nicht heil überstehen würden.

Zerstückelt, nicht einfach nur gestorben

Das lag nicht bloß an der immensen Zahl der Toten, die der Erste Weltkrieg produzierte. Es lag auch an der Art, wie die Männer im Feuer starben. Der Anblick der Leichen lud nicht zum stillen Heldengedenken ein. Der Militärhistoriker Michael Geyer hat das so beschrieben: "Artilleriefeuer sprengte Körper nicht schlechthin in die Luft, sondern zersiebte und zerstückelte sie."

Die Toten sahen anders aus als in früheren Kriegen. In dem zerschossenen Gelände an der Westfront, wo die Erde durch Granateinschläge mitunter mehrmals umgepflügt wurde, kamen immer wieder abgetrennte Hände und Fetzen menschlicher Körper zutage.

Je länger das Gemetzel dauerte, desto weniger erwachsene Männer waren verblieben, die eingezogen werden konnten: Also nahm das Deutsche Reich die Knaben, halbe Kinder von achtzehn oder neunzehn Jahren. Und alle mussten sich darauf gefasst machen, eines baldigen Tages genau so zu enden wie die Soldaten, die sie ersetzten. Die Statistik sprach nicht fürs Überleben. Die Statistik zeigt aber auch, dass die deutschen Truppen sehr gut kämpften. Michael Geyer hat erklärt, warum die Verluste der alliierten Truppen im Schnitt höher waren als die der Deutschen.

Die Gewalt pflanzte sich fort

Der Historiker führt das auf "die neue Art des Krieg-Machens" auf deutscher Seite zurück, die jeden einzelnen Soldaten dazu zwang, im Interesse seines Überlebens ein effizienter "Killer" zu werden, was wiederum nur bei Gefahr der Selbstzerstörung möglich war. "Dass diese Selbstzerstörung in der Vernichtung des Gegners" bestehen konnte, war mit Geyers Worten "nach Meinung gerade auch der Zeitgenossen das Unmenschliche an der Kriegführung." Die Vernichtung des Gegners: Sie wurde nicht mehr metaphorisch-strategisch, sondern wörtlich verstanden.

In der Rückschau auf beide Weltkriege nimmt es sich so aus, als wären die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs im Ersten vorbereitet worden. Mehr noch: Auch die Kämpfe der Weimarer Zeit, die Gewalt auf den Straßen, die republikfeindliche Aggressivität im politischen Leben seien, so wurde gesagt, aus dem Ersten Weltkrieg geboren. Denn - dies die Idee - ist die Gewalt einmal ausgebrochen, so pflanzt sie sich fort. Der Historiker George Mosse schrieb 1990, dieser Krieg habe die deutsche Politik brutalisiert ("Gefallen für das Vaterland", 1993).

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