Deutschland 1945 Im Auge des Krieges

Bei solchen Arbeiten ist Spiegel TV Koproduzent. Kloft: "Wir machen Geschichte als Journalisten. Ich verstehe mich da bewusst als Zugehöriger zum Hause Spiegel." So entstand Die Schweizer Banken und das Nazigold. Oder Der Tramp und der Diktator, ein Film über Charlie Chaplin und Hitler, an dem Kloft besonders hängt. Auf ähnliche Weise wird er demnächst die Nürnberger Prozesse erzählen: als Duell zwischen Göring und dem Chefankläger Robert Jackson.

Als der Krieg nach Deutschland kam - im vierten Stock des Hamburger Chilehauses, wo Spiegel TV sitzt, im abgedunkelten Schneideraum, sind die Bilder vorerst noch ungetextet, nur mit leisen Klängen unterlegt. Sphärisch, gespannt, ein stetiges Ziehen. Manchmal ein Trommelwirbel, dezent wie Knistern.

"Wir fahren in eine Stille und eine Leere", notierte ein US-Reporter beim Vormarsch. Kloft wird die Bilder später mit Geräuschen unterlegen. Zeitgenössische Reporterberichte, Tagebucheinträge und Briefe werden dazukommen, auch Beobachtungen Martha Gellhorns, der Lebensgefährtin Hemingways, die in Deutschland war.

Formulierung mit Sinn

An diesem Tag aber ist da vorerst bloß das große, stumme Schauen ins Unbekannte. Die Stunde Null - für die Amerikaner ergibt diese Formulierung hier auf einmal Sinn. Der Vormarsch beginnt auf evakuiertem Gebiet. Städte und Dörfer, in denen keiner mehr wohnt, zerschossene Kriegslandschaften. Noch wird gekämpft.

Man sieht tote Amerikaner. Später, sagt Kloft, haben sie aufgehört, das zu drehen. Köln: Häuser, aus denen weiße Laken hängen, die ersten Zivilisten. Ein junger Mann trägt ein Fahrrad über Schutt. Frauen kommen aus den Häusern. Wer Nazi ist, das sieht man nicht. Dann die Lager. Buchenwald. "Es wird auch langsam gemeiner", sagt Kloft.

Im halbdunklen Raum deutet er auf Passagen, die ihn erstaunen. Welche ihn berühren, ist schwer zu erahnen. Klofts Familie kommt aus der Gegend der Euthanasie-Mordanstalt Hadamar. Als Zivildienstleistender half er psychisch Kranken.

Später studierte er Politikwissenschaft, wurde Regieassistent (unter anderem bei Heinrich Breloers Film Wehner), arbeitete beim Doku-Produzenten Chronos Film. 1995 kam er zu SpiegelTV. Er sagt: "Ich mag keine Erziehungsfilme. Ich liefere nicht die Interpretation." Er sagt auch, am Ende seiner Filmen sei klar, welche Haltung er habe.

Möglichkeit einer Zeitreise

Einmal sieht man eine Menschengruppe. Der Kameramann hat noch eine zweite Einstellung genommen, ein Close-Up auf das ratlose Gesicht eines Teenagers. "Professionelles Interesse auf jeden Fall. Ich gehe mal davon aus, auch ein menschliches", sagt Kloft. Es wirkt, als habe er manchmal Scheu, Schlüsse zu ziehen. Spröde ist das, und vielleicht seine Einzigartigkeit in einer Zeit, in der das Genre Dokumentation sich bedenkenloser mit Fiktionalem unterhaltsam macht.

"Das ist berühmt", sagt er, als ein magerer Häftling die Hände zum Himmel faltet, klagend, dankend, während ihn die Amerikaner aus dem Lager Dora fortbringen. Berühmte Bilder meidet Kloft nicht. Er lässt das Bild einfach zurücksinken in seine Geschichte: "Es ist die Möglichkeit einer Zeitreise. Es ist etwas, was mir die Beschreibung in Worten nicht liefert. Ich will wissen, wie das gewesen ist." Wahrscheinlich ist es so, dass ein Kloft-Film zuallererst ihn selbst überraschen muss.

Als der Krieg nach Deutschland kam, Sat1, 14. März und 21. März, jeweils 22.15Uhr; Vox, 19. März, 22.25 Uhr und 26. März, 22.55Uhr.