Süddeutsche Zeitung

Kulturpolitik:Wie Düsseldorf sich das "Deutsche Fotoinstitut" sicherte

Im Juli dachte Kulturstaatsministerin Grütters erstmals über ein deutsches Zentrum für Fotografie nach. Düsseldorf hatte schon ein fertiges Konzept und schuf Tatsachen. Wie konnte das passieren?

Es ist schon erstaunlich, dieses Gründungsfieber in der Kulturpolitik. Eine nationale Institution nach der anderen entsteht, als hänge die Zukunft des Landes davon ab: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Humboldt-Forum, "House of Jazz", Museum der Moderne, Bauakademie - kaum hat man verstanden, worum es jeweils geht, ist das nächste Vorhaben beschlossen. Das neueste Projekt ist das "Deutsche Fotoinstitut".

Im Juli hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters erstmals öffentlich darüber nachgedacht. Ihr schwebte eine Einrichtung vor, "die das künstlerische Erbe herausragender deutscher Fotografinnen und Fotografen aufarbeitet, bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich macht". Nach Vorbildern gefragt, verweisen die Verantwortlichen auf das Marbacher Literaturarchiv, die Deutsche Kinemathek oder das Getty Research Institute.

Und dann ging alles ganz schnell

Dann die Überraschung: Nur vier Monate später hatte der Haushaltsausschuss des Bundestags 41,5 Millionen Euro für das Institut bewilligt, hatte sich auf Düsseldorf als Standort festgelegt und war sich auch schon mit der Stadt und der Regierung von Nordrhein-Westfalen einig, dass beide zusammen weitere 41,5 Millionen beisteuern würden. Zehn Tage später tauchte das Institut schon als Glaskubus in den Renderings auf, die beim Wettbewerb für den "Blaugrünen Ring", das weiterentwickelte Düsseldorfer Kulturquartier, präsentiert wurden. Nur war es eben nicht das Fotoinstitut, über das Grütters noch nachdenken ließ, sondern das Fotoinstitut, das eine Initiative des Fotografiestars Andreas Gursky und anderer Vertreter der "Düsseldorfer Schule" seit Jahren propagiert.

Wird denn nicht jedes neue Kulturprojekt jahrelang öffentlich diskutiert? Nicht, wenn es sich um eine "investive Kulturmaßnahme" handelt. Jedes Jahr vor der "Bereinigungssitzung", bei der der Bundeshaushalt beschlossen wird, schreiben die Mitglieder des Haushaltsausschusses hier und dort Änderungen in den Etatentwurf der Regierung - weil zum Beispiel wieder mehr Steuergeld eingenommen wurde, das jetzt noch verteilt werden kann.

47 Millionen Euro für teils obskure Anliegen

So ist es auch beim Kulturetat. Alle Parlamentarier können Vorschläge für Projekte einreichen, die sie gern gefördert sähen. Doch die endgültige Liste stellen die Kulturberichterstatter von CDU und SPD, Patricia Lips und Johannes Kahrs, ganz alleine zusammen, weshalb der allergrößte Teil der Posten auch auf Vorschlägen aus der Koalition beruht. Die anderen Ausschussmitglieder bekommen die Liste erst Minuten vor der Abstimmung zu sehen. Ihnen bleibt nur Abnicken. Oft haben sie keine Ahnung, worum es sich handelt bei "Dreimastbark ,Seute Deern' Bremerhaven" (23 Millionen) oder "Kirche Buttstädt" (sechs Millionen). 81 solcher Projekte werden dieses Jahr bedacht, 47 Millionen Euro haben Lips und Kahrs dafür bewilligt, weitere 566 Millionen sind bis 2029 eingeplant.

Manchmal helfen die Parlamentarier Grütters mit Geld aus, so beim Museum der Moderne. Manchmal ermöglichen sie richtungsweisende Projekte. Oft aber finanzieren sie obskure Anliegen einzelner Parlamentarier oder beschenken deren Wahlkreise. Die Öffentlichkeit erfährt kaum etwas davon. Für die Kulturstaatsministerin, durch deren Hände die Mittel fließen, sind sie Segen und Fluch zugleich. Ihr Haushalt wird aufgestockt, sie darf noch mehr Geld verteilen. Andererseits wird sie zur Marionette des Parlaments degradiert; Einfluss kann sie kaum nehmen. Zu einem offenen Konflikt wie im Fall des Fotoinstituts führt dieses System aber selten.

Wie viel lässt sich an dem Plan noch rütteln?

Grütters hatte erst im letzten Sommer ein Expertenteam um den angesehenen Kurator Thomas Weski damit beauftragt, ein Konzept für das Fotoinstitut zu entwickeln. Dann grätschte der Bundestag ihr in die Parade und riss ihr damit de facto die Zügel des Projekts aus der Hand. Sie selbst, Weski und die anderen Experten sahen konsterniert zu. Pikiert waren aber auch andere Städte, die ebenso gute Gründe hätten, das Fotoinstitut für sich zu reklamieren, Dresden etwa oder Essen, das sich jetzt noch auf die Schnelle bewirbt.

Als die Entscheidung des Bundestags fiel, machte Grütters gute Miene: Artig dankte sie den Abgeordneten und sprach von einem "entscheidenden Schritt zur Bewahrung unseres fotografischen Kulturerbes". Die Verantwortlichen in Düsseldorf versprachen ihrerseits abzuwarten, bis Grütters' Team im kommenden März seine Ideen vorstellen wird. Doch wie viel Einfluss werden die Experten auf die geplante Institution noch nehmen können?

An der Standortfrage jedenfalls sei nicht mehr zu rütteln, so ein Abgeordneter. Darüber ist man beim BKM verärgert. Beim Konzept sei hingegen alles offen, so der Parlamentarier. Der Plan der Gursky-Leute sei lediglich ein Vorschlag. Tatsache ist aber, dass mit der Entscheidung für Düsseldorf auch inhaltlich schon einiges entschieden ist. Fotografie in Düsseldorf ist Fotografie der Düsseldorfer Schule. Ganz abgesehen davon, dass NRW und die Stadt Düsseldorf ja in allen Fragen eine gewichtige Stimme haben werden.

Die Verfechter des Düsseldorfer Projekts werben gerne mit den Namen weltberühmter Fotokünstler, die es zu seinen Unterstützern zählt: Darunter sind außer Gurskys Düsseldorfer Kollegen, etwa Thomas Ruff, auch Cindy Sherman, Jeff Wall und Wolfgang Tillmans. Doch das verstärkt eher noch den Eindruck, hier wolle sich eine Gruppe millionenschwerer Weltstars eine öffentliche Institution schaffen, die vor allem ihren eigenen Zwecken dient.

Gursky will vor allem die eigenen Werke retten

Darauf lassen nicht nur Gurskys jüngste Äußerungen im Spiegel schließen, sondern auch das Düsseldorfer Konzeptpapier. Das Fotoinstitut wird dort als Einrichtung beschrieben, "welche allgemein gültige Richtlinien und Standards in Digitalisierung, Archivierung und Zertifizierung erarbeitet und auch die rechtlichen Aspekte betreffend Verwahrung, Nutzbarkeit und Zugänglichmachung von Fotografien klärt".

Später heißt es, das Fotoinstitut verstehe sich als "Dialogpartner zwischen Industrie und Forschung, welcher KünstlerInnen und NachlassverwalterInnen sein beständig verfeinertes Wissen weltweit zur Verfügung stellt". Hauptaufgabe des Fotoinstituts sei die "Weiterentwicklung von Technologien zum Erhalt von Meisterwerken der Fotokunst". Bei diesen "Meisterwerken", daran lässt Gursky im Spiegel kaum einen Zweifel, denkt er vor allem an seine eigenen Bilder.

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SZ vom 17.01.2020/luch/sikt
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