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Deutsches Theater Berlin:Musiknerd meets Sexbombe

Glaube Liebe Hoffnung

Sexy Opfer mit rotem Schmollmund: Linda Pöppel als Dessousverkäuferin Elisabeth.

(Foto: Arno Declair)

Altherrenwitztheater: Dem Regisseur Jürgen Kruse fallen zu Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" nur abgestandene Bilder ein.

Wenn alte Männer Theaterstücke inszenieren, in denen junge Frauen die Hauptrolle spielen, geht das häufig schief. Dann legt sich oft ein klebriger Lolitafilm über den Abend, der die eigentliche Botschaft sabotiert. Dies ist nun auch Jürgen Kruse mit "Glaube Liebe Hoffnung" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin passiert. Seine fast zweieinhalbstündige Version: so vorgestrig und unlustig wie ein Altherrenwitz.

Natürlich kann Kruse nichts dafür, dass Ödön von Horváth das Sozialdrama von 1932 mit einer mittellosen Dessousverkäuferin bestückt hat, die es sogar wirklich gegeben haben soll. Das alles Entscheidende aber ist, was man aus einer solchen Geschichte macht, die unmissverständlich von Misogynie, Ausbeutung und Exklusion handelt. Und ob einem wirklich etwas Neues und Kluges dazu einfällt, zumal die Diskussion zu sexistischen Stereotypen im Theater ja gerade in vollem Gange ist.

Leider ist Kruse aber nichts Neues und Kluges dazu eingefallen, im Gegenteil. Seine Elisabeth, die Linda Pöppel so meisterhaft spielt, wie der Meister es eben will, ist nicht mehr als ein sexy Opfer, das sich mit rotem Schmollmund, rotem BH und roten Strapsen an inhumanen Paragrafenreitern abarbeitet, bis sie einsieht, dass Selbstmord die bessere Lösung ist. Wie sie da so liegt, ist man selbst fast froh, dass sie endlich gestorben ist, so nervig, wie Kruse sie mit ihrer stockenden Sprache und ihrem Marilyn-Monroe-Geklimper angelegt hat. Zu allem Überfluss sieht sie aber selbst als Leiche noch perfide verführerisch aus, fast wie eine ermordete Sexarbeiterin auf einem ARD-"Tatort"-Bett.

Weniger Abgedroschenheit ist sicher nicht zu viel verlangt von einem 60-Jährigen, den man eigentlich genauso cool finden möchte wie den Anarcho-Papa, den man selbst nie hatte, und von dem man sich ein bisschen durch sein popkulturelles Universum schleudern lassen will, das so übervoll mit Verweisen ist wie ein Pick-and-Weight-Vintage-Store.

Die Bühne ist großes Kino, aber es nervt die Referenzballerei

Zumindest geht es vielversprechend los: mit hawaiianischer Mucke und allerhand herumstreunenden, von Sophie Leypold abgerockt und glamourös eingekleideten Gestalten, die das Publikum schon vollquasseln, als es noch nicht mal sitzt. Auch Bernd Damovskys Bühne ist großes Kino: schwarze Wände, Sensenmänner, Vogelkäfige mit dicken Kerzen, eine versilberte Marienfigur, die wie eine lebendige Statue aussieht, Werbung zu Gunther von Hagens' "Körperwelten", Bücher, Tape Art, jede Menge Spitzenunterwäsche. Als dann noch die treibenden Bässe aus dem Off dazu kommen, live gesungene Arme-Leute-Chansons und ein Mann mit mondänem Federhut bunt schillernde Seifenblasen hereinpustet, hat man kurz das Gefühl, in einer gelungenen Berlin-Parodie zu sein. Endlich kritisiert mal einer die Romantisierung des Künstlerprekariats, denkt man noch, und so üble Event-Clubs wie den Zirkusschuppen "Kater Blau".

Doch dann kommt der Moment, in dem die Parodie aus ihrem selbst abgesteckten Rahmen kippt: Sollen diese vor sich hin orakelnden Umweltaktivisten etwa ein Verweis auf Greta Thunbergs Kampf gegen den Klimawandel sein? Und will das lustig sein? Eher nicht, so feierlich und ernst wie das Ganze gewirkt hat. Ein plötzlicher Stimmungswechsel, der in diesem Kontext seltsam deplatziert erscheint. Ebenso wie die Liebesszene zwischen Elisabeth und ihrem Retter in der Not: Das kleine Tänzchen, das Linda Pöppel und Manuel Harder, der den Schutzpolizisten als adonishaften Singer-Songwriter-Verschnitt spielt, da aufführen, mutet höchstens an der Oberfläche ironisch an, darunter wie eine in die Jahre gekommene Teenagerfantasie. Überhaupt bekommt man im Lauf des Abends immer stärker das Gefühl, hier einem etwas pathetisch veranlagten Musiknerd beim Fachsimpeln beizuwohnen. Jedenfalls nervt die Referenzballerei irgendwann gehörig.

Keine Frage, die Schauspieler sind alle großartig. Sie bewegen sich seltsam gespreizt, sprechen wie ausgeleierte Schallplatten und fügen sich selbst dann noch perfekt in Kruses Welt ein, wenn sie sich wie Alexandra Finder ständig selbst befummeln müssen. Dabei hätte man ihre Figur, eine windige Geschäftsfrau, auf etliche Arten spielen können, ebenso wie die der Dessousverkäuferin Elisabeth. Doch Kruse hat beide zu eindimensionalen Sexpuppen gemacht, die mit seinen schillernden Männerkarikaturen nicht mithalten können. Bei ihm dürfen Frauen nur dann ihre Beine zeigen, wenn sie schlank und makellos sind, und männliche Charaktere nur dann verkörpern, wenn sie sich einen Schnurrbart aufkleben. Und was, bitteschön, hat der vormalige Volksbühnenschauspieler Frank Büttner verbrochen, dass er wie ein ungelernter Statist als Todesengel über die Bühne schlurfen muss? Wobei: Mit ihm haben die weiblichen Engel, die an Hostessen eines Weihnachtsgewinnspiels im Shoppingcenter erinnern, immerhin ein männliches Pendant.

Das Schlimmste an diesem Abend aber ist seine nervtötende Langsamkeit. Wenn Kruse damit die großartige Marthaler-Inszenierung des Stücks parodieren wollte, ist es ihm nicht gelungen. Einmal wackelt sogar die ganze Sitzreihe, weil ein Mann vor lauter Ungeduld nicht mehr still sitzen kann. Als es endlich vorbei ist, bekommt der Zuschauer, der am meisten gekichert hat - und gekichert haben viele -, eine Blume zugeworfen. Man selbst würde jetzt gerne duschen.