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Deutsches Theater Berlin:Schlimme Zustände

Die Wildente; Die Wildente - PRESSEBILDER

Weiße, sterile Zelle unter Neonröhren: wenigstens die Bühne zur "Wildente" sieht gegenwärtig aus.

(Foto: Arno Declair)

Stephan Kimmig weiß wohl selbst nicht genau, warum er Ibsens "Wildente" am Deutschen Theater Berlin inszeniert.

Von Peter Laudenbach

Mit dem Neustart des Theaters startet auch wieder die Routine der halbinspirierten, eher pflichtgemäß als mit erkennbarem Interesse an Tiefenbohrungen absolvierten Klassiker-Inszenierungen. Der aktuelle Beitrag des Deutschen Theaters Berlin zu diesem etwas zu weit verbreiteten Genre ist Stephan Kimmigs Darbietung von Hendrik Ibsens "Die Wildente". Es handelt sich um eines der Dramen des 19. Jahrhunderts, in denen die familiären Lebenslügen wie das ererbte Vermögen über die Generationen weitergereicht werden. Dabei gehen wirtschaftliche und erotische Gier gerne Hand in Hand - es ist eine Selbstkritik des Bürgertums aus dem Geist des Puritanismus, keine Kapitalismuskritik mit Mitteln der politischen Ökonomie.

Im Falle dieses Stückes hat der auf beiden Gebieten skrupellose Großkaufmann und Bergwerksbesitzer Werle die eigenen wirtschaftskriminellen Aktivitäten seinem Geschäftspartner Ekdal untergeschoben, der das mit dem sozialen Tod bezahlt - Bankrott, Gefängnis, Ächtung. Die Tochter Hedvig, die Werle seiner Hausangestellten Gina macht, schiebt er samt Kindesmutter dem Sohn des erledigten Geschäftspartners unter, dem armen Hjalmar Ekdal - natürlich ohne dessen Wissen. Schlimme Zustände!

Hauptsache wieder mal Traditionspflege mit einem Klassiker aus dem 19. Jahrhundert

Dafür, dass das alles irgendwie nach Gegenwart, zumindest halbwegs modern aussieht, sorgt in Stephan Kimmigs Inszenierung eine weiße, sterile Bühnenzelle unter Neonröhren (Bühne: Katja Haß). Vielleicht befinden wir uns in einem Raumschiff oder in der Isolierstation eines Krankenhauses, vielleicht sieht so einfach überehrgeiziges Interior Design aus, egal. Sehr komisch ist, wie Anja Schneider ihre Gerdis Werle spielt, die von Moral und von sich selbst begeisterte Tochter des in jeder Hinsicht zu gierigen Kaufmanns Werle. Anja Schneider legt sich dafür lauter viel zu große, burschikose, übertriebene Gesten zu und jagt ihre Moralkämpferin in die Clownsnummer, also dahin, wo sie hingehört.

Judith Hofmann als Werle-Opfer und Kindesmutter Gina verlegt sich darauf, still zu leiden. Paul Grill macht aus ihrem Alibi-Gatten ein Würstchen in zu großer Wolljacke und zu großen Meinungen von sich selbst. Linn Reusse als Werles illegitime Tochter leidet schon komplizierter, sie ist die einzige, deren Figur eine sichtbare Entwicklung durchmacht - leider keine erfreuliche. Am Ende, als rauskommt, wer ihr biologischer Vater ist, was ihr sozialer Vater nicht gut verkraftet, erschießt sie sich. Die Wahrheit tut weh!

Ob der Regisseur sich über Gerdis' Moralfuror lustig machen will oder über ihren in dieser Inszenierung wegrationalisierten Unternehmervater mit dem schwäbischen Namen Werle, über bürgerliche Lebenslügen oder deren Aufdeckung, ob das alles komisch oder doch eine Einfühleinladung sein soll, bleibt im Diffusen. Hauptsache wieder mal Traditionspflege mit einem Klassiker aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert, auch wenn nicht einmal der Regisseur so recht zu wissen scheint, weshalb er diese Geschichte unbedingt erzählen will.

© SZ/clu
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