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Deutsches Theater Berlin:Alles schwebt

ZdenÄ'k Adamec; Peter Handke: ZdenÄ'k Adamec

Im Wartesaal der Fantasie: Das Stück entzieht sich allem Konkreten – es feiert die Erfindungsgabe.

(Foto: Arno Declair)

Mutmaßungen ohne Gedöns: Jossi Wieler zeigt in Berlin, wie sehr Peter Handkes "Zdeněk Adamec" auf der Bühne mitreißen kann.

Von Egbert Tholl

Am Morgen des 6. März 2003 verbrannte sich der 18-jährige Zdeněk Adamec auf der Treppe des Nationalmuseums auf dem Prager Wenzelsplatz - an der Stelle, wo sich 1969 Jan Palach und Jan Zajíc verbrannt haben. Sie töteten sich aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen und die Niederschlagung des Prager Frühlings. Bei Adamec sind die Gründe der Tat dunkler, verworrener. Man bekam sie nicht zu fassen. Dann fiel er dem Vergessen anheim, bis ihn im Sommer dieses Jahres Peter Handke zurück in die Öffentlichkeit holte. Für die Salzburger Festspiele schrieb er "eine Szene", die als Titel schlicht Adamecs Namen trägt.

Die Uraufführung war eine von den beiden szenischen Sprechtheaterproduktionen neben dem "Jedermann", die in diesem Sommer in Salzburg gespielt wurden. Darin führte die Regisseurin Friederike Heller profund vor, wie man mit dem Text nicht umgehen kann: Er taugt nicht für Schauspielnummern, für viel Gedöns oder Aktion. Gleichwohl blieb da eine Ahnung, dass Handkes Text ein lohnender Theaterstoff sein könnte. Und genau dies hat nun Jossi Wieler mit seiner Inszenierung des "Zdeněk Adamec" am Deutschen Theater Berlin bewiesen.

Das sechsköpfige Ensemble ist angeordnet wie ein kleines Kammerorchester

Handkes "Szene" ist ein Spiel mit der Ungewissheit, schon bevor sie beginnt. Eine mögliche Szenerie beschreibt er so ausführlich wie etwa Ibsen, aber hier schwebt alles. Man könne drinnen oder draußen spielen. Die Anzahl der Mitwirkenden ist ungewiss, nur möglichst unterschiedlich sollen sie sein, vielleicht ist man in einem Klosterrefektorium, vielleicht in einem Tanzsaal in Adamecs Heimatstadt Humpolec. Am Ende des Stücks schreibt Handke noch auf, dass nun ein großes Orchester zu hören sein soll, aber nur das Einstimmen.

Allein diese Anweisungen führen zu der Leichtigkeit, mit der der Text sich allem Konkreten entzieht, obwohl man dann doch sehr viel Konkretes erfährt. Aber stimmt denn das auch?

Jossi Wieler verteilt den Text auf drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler, die er anleitet wie ein kleines Kammerorchester. Jede der sechs Stimmen, die man sich wirklich wie Stimmen eines musikalischen Ensembles vorstellen muss, hat auch ein Solo, also eine längere Textpassage, jede tritt mal hervor und wieder zurück. Vor allem aber schaffen sie einen Gesamtklang der Worte, die hier Welt erfinden. Manche hat erstaunliche Details zu verkünden, die exakte Einwohnerzahl von Humpolec (6472), die Temperatur am Tag der Tat(zwei Grad in Prag). Aber woher wissen Lorena Handschin, Linn Reusse und Regine Zimmermann, wissen Felix Goeser, Marcel Kohler und Bernd Moss das alles?

Die Antwort ist nicht, weil es bei Handke steht. Da steht Vieles. Adamecs Lieblingsort im Wald, eine Lichtung, wo er als Kind beim Blaubeerensammeln die Welt vergaß. Adamec als "Alleinspieler", wörtlich, einer, der beim Fußball am liebsten seinem eigenen Pass hinterherläuft. Adamec, das Mathegenie. Nichts davon erklärt die Tat. Die Mutmaßungen dazu: Adamec war Teil einer Hackergruppe, die Freude daran hatte, das öffentliche Stromnetz lahmzulegen. Er liebte das Leben und war doch der Welt überdrüssig. Offenbar. Berühmt werden wollte er mit seiner Tat nicht. "Macht keinen Narren aus mir", schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

Spricht Handke aus dem Wurlitzer? Kann sein

Aber Handke schreibt kein Fanal und kein Pamphlet. Der Text ist weniger politisch als eine Poetik. Und darin dann doch wieder politisch, in einem feinen Sinn, weil er das Märchen feiert und die Erfindungsgabe, entlang an einem konkreten Gegenstand. Und weil sich Erfindungsgeist immer gegen eine normierte Welt richtet und jedes Rätsel für diese gefährlich ist.

Jens Kilian hat für die Kammerspiele des Deutschen Theaters einen Kasten gebaut, von dem man auch nicht genau weiß, was das sein soll. An den drei Wänden 17 Heilige, Nonnen, eine Bischöfin, über der zentralen, androgynen Figur pulst sanft leuchtend der Heiligenschein. Davor dunkle Bänke aus schwerem Holz, eine Wurlitzer Musikbox, die manchmal Geräusche macht und aus der eine Stimme mit österreichischem Akzent eine Zeitungsnachricht zu Adamecs Tat verlesen wird. Handkes Stimme? Kann sein.

Möglich ist hier Vieles. Sechs Musiker, zumindest kann man sie sich als Musiker denken, sitzen da und erzählen sich ihre Erinnerungen, erfunden oder nicht, ihre Kenntnisse. Instrumentenkoffer liegen herum. Diese sechs Personen sind gestrandet im Transit, in einem Warteraum, aus dem heraus sie sich mit ihrer Fantasie denken. Manche Geschichte läuft in die Irre, aus anderen kann man sich im eigenen Kopf den Zdenĕk Adamec zusammenbauen. Der Kasten bekommt Spalten, am Ende bricht er auf in vier Teile.

Lorena Handschin spielt ein bisschen Bach auf dem Cello - und der Geist der Imagination ist aus seinem Bühnengefängnis befreit.

© SZ vom 23.10.2020
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