Deutsches Schauspielhaus Weltkasperltheater

Benny Claessens als König mit Pferd und Globus.

(Foto: Arno Declair)

Dreieinhalb Stunden Textgewitter, Videogeflitter, Muppet Show und Grand Guignol: Falk Richter inszeniert Elfriede Jelineks "Am Königsweg" in Hamburg.

Von Christine Dössel

Am Ende dieser wilden Theatersause fühlt man sich wie durch die Mangel gedreht. Zugeballert und vollgetönt. Wie durch die sozialen Netzwerke und Suchmaschinen des Internets gejagt - und vor allem von einer Frage geplagt: Je nun? Was also tun? Wohin jetzt mit all der Verzweiflungswut und dieser irren Bilderflut? Dreieinhalb Stunden lang Textgewitter, Videogeflitter, Muppet Show und Grand Guignol. Dreieinhalb Stunden lang Horror-Entertainment rund um die Weltlage - mit der Hauptfrage, wie zum Teufel ein Mann wie Donald Trump amerikanischer Präsident werden konnte, hier nur "der König" genannt. Ganz großes Weltkasperltheater. Und dann geht man raus und ist auch nicht klüger als zuvor. Oder irgendwie erlöst. Nicht einmal erbost.

Nein, eine Erkenntnis oder so etwas wie eine Katharsis ist von Elfriede Jelineks Stück "Am Königsweg" nicht zu erwarten, mag der Text auch auf die alte Sophokles-Tragödie von "König Ödipus" rekurrieren. Das Durchleben von Jammer und Schrecken zielte in der antiken Tragödie ja noch auf eine Läuterung der Seele ab. In der Turbo-Multimedia-Inszenierung von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg bleibt es beim Durchzappen einer Welt, die ohnehin jämmerlicher ist als das, was auf der Bühne aufgefahren wird. Es ist eine Welt des Trumpismus und Rechtspopulismus, die man an Irrsinn kaum mehr überbieten kann. An der man nur noch irre werden kann. Bleibt am Ende vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit. Bei der Autorin, beim Regisseur, beim Publikum.

So ohnmächtig das Stück inhaltlich ist, eines muss man Jelinek lassen: Sie fühlte mal wieder am schnellsten den Puls der Zeit. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin begann mit dem Schreiben noch an jenem Novemberabend 2016, an dem Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Der kommt zwar namentlich in dem Text gar nicht vor, sehr wohl aber als Phänotypus mit wiedererkennbaren Merkmalen wie Bau- und Immobiliengeschäften, dem "goldenen Turm", dem Sendungsbewusstsein, der Twitterlust. In Hamburg spielt ihn der famose Benny Claessens als einen kleinen König Gernegroß: ein infantiles Rumpelstilzchen, das wütend aufstampft und herumgreint. In Anspielung auf Charlie Chaplins "Großen Diktator" spielt er mit der Welt als Gummiball, lässt die Luft raus und spuckt darauf. Mit dem neu erwählten König werden neue, kollektive Kräfte wirksam. Es sind, oh, Schreck, die "überkommenen": das Alte im Gewand des Neuen. "Da greift etwas", heißt es in dem 90-seitigen Konvolut, das Jelinek-typisch als verzweifelt kalauernder Assoziationsfluss dahinströmt, mäandernd zwischen Nachrichtenlage, Globalisierungswahnsinn und den üblichen Bezugsgrößen wie Heidegger, Sigmund Freud oder dem Alten Testament. Jelinek operiert in dem Stück mit Blindheit als zentraler Metapher. Blind sind alle, die den König gewählt haben. Blind auch die "Seherin", als die sie sich selber in dem Textstrom zu Wort meldet, gespielt von der großen alten Ilse Ritter, die den hohen Ton der Theaterdiva in den Abend bringt. Den Ton einer anderen Zeit. Ein Blinder ist auch König Ödipus, der sich selber die Augen aussticht. Die Analogien zwischen dieser Figur und dem Herrschertypus Trump erschließen sich allerdings kaum und gehören zu jenen Ungereimtheiten und Anspielungsvagheiten, die einen matschig im Hirn und mürbe machen.

"Am Königsweg" ist sicherlich nicht Jelineks stärkster Text, aber es ist bei all seiner Ratlosigkeit doch das Polit-Stück der Stunde. Schon im März wurde es an einem New Yorker Theater auszugsweise urgelesen. In dieser Spielzeit steht es gleich an mehreren deutschen Theatern auf dem Plan. Es gibt auch schon ein Hörspiel, produziert vom Bayerischen Rundfunk, ein fünfeinhalbstündiges Oratorium, in dem zum Tragen kommt, was in Hamburg auf der Strecke bleibt: die Musikalität des Textes, sein traurig-nervig-schöner Sprechopernrhythmus.

Für die Uraufführung hat Falk Richter fast die Hälfte des Textes gestrichen und dafür anderes hinzugefügt, einige sehr schöne Songs zum Beispiel, gespeist aus dem Geist des Stückes. Oder einen hirnwütigen Tänzer (Frank Willens), der zuckend und zappelnd über die Bühne irrt und sich gegen Stühle und Wände wirft, wie gepeitscht von den Zumutungen der Zeit. Und da ist die Berliner Comedy-Frau Idil Baydar, die als Proll-Türkin Jilet Ayse mit Jelinek-Frisur und Bling-Bling-Jogginganzug kabarettistische Extra-Einlagen aus ihrem Programm "Ghettolektuell" macht, um das Thema Rassismus den Theater-Deutschen im Parkett mal vor den Latz zu knallen. Sie tut das mit selbstbewusster Direktansprache und derbem Sarkasmus, kommt mit den "zehn kleinen Negerlein" und "Immanuela" Kant daher und entlässt die Zuschauer mit der Frage: "Was machen eigentlich Menschen mit richtig viel Zeit, die sich wertlos fühlen?"

Auf der Bühne herrscht der schlechte Geschmack von Protz und Prunk, den man von Königs kennt. Die Bühnenbildnerin Katrin Hoffmann ließ sich dabei von dem berühmten Familienfoto aus Trumps feudalem Tower-Penthouse inspirieren. An der Wand sieht man Repräsentationsbalkone. Säulen werden herabgelassen, rechts auf einer Empore überwacht ein Tiger mit blutigen Augen die Szenerie. Auch die Loge rechts am Bühnenportal wird bespielt. Sie eignet sich besonders gut fürs Kasperltheater.

Über die weißen Bühnenwände flirren Videos, Chats, Instagram- und Facebook-Bilder. Städte gehen in Flammen auf, Zechen werden stillgelegt, Soldaten ziehen in den Krieg. Elektro-Beats treiben das Flimmern und Rauschen voran. Die Schauspieler Julia Wieninger, Matti Krause, Anne Müller und Tilman Strauß bilden immer wieder ein soigniertes Intellektuellen-Quartett, um Jelineks Text am Konferenztisch mit Brille und Verstand zu durchdringen - und flippen darüber regelmäßig aus. Oder schreien auf. Weil es ja auch zum Haareraufen ist.

Die Deutsche Bank tritt als schwäbelnder Zombie auf

Wo der Regisseur Nicolas Stemann bei seinen Jelinek-Inszenierungen cool-distanziert auf dem Textfluss surft, stürzt sich Falk Richter heißblütig hinein in die Wogen. Das ist durchaus mutig. Aber er lässt sich überschwemmen, gerät ins Strampeln und schlägt wild um sich. Seine Radikal-Spaßinszenierung zerfällt in einzelne Nummern, es fehlt der Guss, der Jelinek-Fluss.

Da gibt es grellbunte "Muppet Show"-Szenen mit Miss Piggy und Kermit. Da gibt es Hirten-, Kriegs- und Kinderspiele und eine Szenerie wie im Völkerkundemuseum. Da gibt es perverse Generäle und Ku-Klux-Klan-Typen und Frauen mit Monsterdekolletés. Die Deutsche Bank tritt als schwäbelnder Zombie auf, und ein rassistischer Ossi rabatzt am Lagerfeuer vor seinem Wohnmobil. Es ist ein Zuviel an Stilen und Mitteln. Es ist, als würde da einer angegriffen - und fährt ein Riesengeschwader auf, um zurückzuballern. Nach der Pause gewinnt der übertourige Abend an Dichte und Kraft. Zu den Höhepunkten gehört sicher der atemlose Tobsuchtsanfall von Benny Claessens als Jelinek im Glitzerpulli. Und die buchstäblich funkelnde Ilse Ritter ist als Jelineks Alter Ego ohnehin berührend. Eine Entschwindende, Leergeredete, die ihr Scheitern eingestehen muss: "Die Worte sind aufgebraucht. Jetzt herrschen die Aufgebrachten."