Deutsches Kino Sex haben, saufen, morden

In "Wintermärchen" versucht Jan Bonny, sich den Alltag einer rechten Terrorzelle auszumalen, inspiriert vom National­sozialistischen Untergrund. Entscheidende Fragen aber bleiben offen.

Von Nicolas Freund

An Fasching werden die Schlümpfe hingerichtet. Einer wird auf der Tanzfläche scheinbar exekutiert, die anderen durch den Saal gejagt, ein Mann in Polizeiuniform steht daneben und applaudiert. Warum die Schlümpfe sterben müssen, ist nicht klar. Vielleicht, weil sie keine weiße Haut haben. Ist den anderen Gästen aber auch egal, war ja nur Spaß. An Fasching macht man so was halt. In ganz wenigen Gesichtern blitzt kurz die Erkenntnis auf, dass hier etwas nicht stimmt, aber es weiß keiner, dass Tommi, Becky und Maik nicht feiern, weil sie sich so gerne verkleiden, sondern weil sie gerade das türkische Putzpersonal in einer Anwaltskanzlei ermordet haben. Das Deutschland des Films "Wintermärchen" - auf eine Faschingsfeier komprimiert.

Seinen Titel hat der Regisseur Jan Bonny an die satirische Deutschlandreise in Heinrich Heines gleichnamigem Versepos von 1844 angelehnt. Er ist eine zynische Umkehrung der frühen Kritik Heines an einem sich abzeichnenden deutschen Staat, denn das "Wintermärchen" erlebt hier eine rechte, an die Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds erinnernde Terrorzelle, die mehr an eine Hippiekommune als an stramme Nationalisten denken lässt.

Becky und Tommi teilen sich eine triste, halb eingerichtete Wohnung, überall stehen Bier- und Schnapsflaschen, das Bett sind Matratzen am Boden, auf dem Sofa wartet eine Gitarre. Wenn sie sich nicht gerade anschreien, gehen sie zum Schießen in den Wald oder versuchen, eine selbst gebaute Bombe zu zünden. Die zwei spielen Untergrund, bis der verlotterte Maik dazustößt und wie ein Katalysator für den Alkoholkonsum, den sexuellen Frust und den Fremdenhass der beiden wirkt. Jeder geht jetzt mit jedem ins Bett und aus den Schießspielen im Wald wird brutaler Ernst: Das Trio ermordet Polizisten und Supermarktmitarbeiter, die sie für Ausländer halten. Als Belohnung wird jedes Mal gesoffen bis zum Umfallen.

Innenansicht: "Wintermärchen".

(Foto: W-Film / Heimatfilm)

Bonny inszeniert das im Stil der Berliner Schule, die eigentlich für ihre ästhetische Überhöhung von Langeweile und Alltäglichem bekannt ist: lange Einstellung mit wackeligen Handkameras gefilmt, nuschelige, wie improvisiert wirkende Dialoge. Alltäglich ist das Leben dieses Trios nicht, langweilig aber durchaus. Wenn nicht gemordet wird, wird gevögelt, wenn nicht gevögelt wird, wird gesoffen und gestritten. Die Kamera sieht nie weg, sie folgt Becky zum Masturbieren in die Badewanne genauso wie zum Döneressen und zu den Morden. Das ist unmittelbar, mitreißend und aufwühlend, auch weil der Film die intensiv und ausführlich dargestellten emotionalen Probleme seiner Figuren fast beiläufig mit brutalsten Mordanschlägen und absurdesten Szenen aus einem tristen und finsteren Land vermischt.

Nach den Ideologien der Täter fragt dieser mutige Film am Ende doch nicht

Thomas Schubert, Jean-Luc Bubert und vor allem Ricarda Seifried spielen diesen ständigen Exzess mit vollem Einsatz und schaffen es trotzdem, zwischen all dem Geschrei und Gestöhne auch kleinen Nuancen ihrer Figuren Raum zu geben. Nur sind diese Figuren auch das Problem des Films. Denn "Wintermärchen" geht nicht auf die Ideologie hinter den Morden und auf die rassistische Weltsicht des Trios ein. Auch ein rechtes Netzwerk hinter der Zelle wird in zwei kurzen Auftritten von Nebenfiguren, einer davon mit Lars Eidinger als Chefnazi, nur angedeutet.

Mehrfach wird suggeriert, dass die Protagonisten Probleme haben, die sie in der rechten Szene ausleben. Becky rebelliert vielleicht bloß gegen ihre spießig-bürgerliche Mutter, Tommi liebt in Wahrheit die Musik und ist heimlich schwul, Maik ist grenzenlos geltungssüchtig und sucht nach Anerkennung. Im Abspann läuft "Schrei nach Liebe" von den Ärzten. Wollen am Ende alle nur Liebe?

Jan Bonny sagte, die Idee zu dem Film sei ihm bei einem Besuch des NSU-Prozesses in München gekommen. Er sähe da durchaus Parallelen zu Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen, verriet er in einem Interview. Mit einer angenommenen Banalität des Bösen geht aber auch die Gefahr der Relativierung einher. Rechte Gewalt, Untergrundnetzwerke und Terroranschläge sind nichts, was einfach so passiert, weil jemand grundsätzlich "frustriert wurde, seine Sexualität nicht ausleben kann oder einfach ein Riesendepp ist. Da muss mehr zusammenkommen - und solche Psychologisierungen können keine Entschuldigungen oder Erklärungen für Verbrechen sein, sondern höchstens Ansätze. "Wintermärchen" lässt hier aber eine gefährliche Leerstelle, die von den ständig wiederholten Verbindungsmomenten zwischen Sexualität und Gewalt nicht alleine gefüllt werden kann. Den zentralen Fragen nach den Motiven und Ideologien seiner Figuren stellt sich dieser ansonsten sehr mutige Film nicht.

Wintermärchen. Deutschland 2018. Regie: Jan Bonny. Buch: Jan Bonny und Jan Eichberg. Kamera: Benjamin Loeb. Mit: Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Jean-Luc Bubert, Lars Eidinger. Verleih: W-Film. 124 Minuten.