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Deutsches Kino:Aufbruch ins Nirgendwo

Sichere Nummer: Christian Ulmen könnte in "Becks letzter Sommer" ein genialer Loser sein - aber dann dreht der Film mit aller Macht auf.

Von Rainer Gansera

"Nichts ist verhängnisvoller als Träume, die in Erfüllung gehen" - gemäß dieser lebensklugen Warnung Jean Cocteaus müsste der 37-jährige Beck (Christian Ulmen) ein rundherum zufriedener Mensch sein. Denn sein Rockstar-Jugendtraum zerplatzte jäh, als er, Frontmann und Songschreiber der umjubelten Newcomercombo Cash Punk, aus der Band gekickt wurde. Beck kämpfte nicht um seinen Traum, sondern ging auf Nummer sicher, wurde Musiklehrer in genau der Schule, in der schon sein Vater Lehrer war. Absturz aus dem Rockmusikerhimmel in die Hölle des beamteten Daseins. Trostloser kann ein Traum nicht scheitern.

Frieder Wittichs Adaption des Erstlingsromans von Benedict Wells zeigt sich in ihrem ersten Akt als herrlich tragikomisches Porträt eines Gescheiterten, der durch seine Lebensmitte-Sinnkrise stolpert, ausgemalt in hingebungsvoll düsteren Farben. Musiklehrer Beck, gelangweilt von allem und jedem: der Schule, den Schülern, dem Job. Mit fadenscheinigeren Ausreden als seine schwänzende Schüler meldet er sich regelmäßig krank. Er trollt so vor sich hin. Hier entstehen Momente weltabgewandter Verlorenheit, wie sie Frieder Wittich schon in seinem Studentendrama "13 Semester" atmosphärisch dicht zu zeichnen verstand und nun von Christian Ulmen idealtypisch verkörpern lässt.

Becks letzter Sommer

Hier leider nicht im Mittelpunkt: Christian Ulmens (r.) vertrackter Witz.

(Foto: Senator)

Er habe Christian Ulmen schon beim Schreiben seines Romans vor Augen gehabt, sagt Benedict Wells, der Autor der Buchvorlage. Tatsächlich könnte dieser Beck ein Zwillingsbruder des Herrn Lehmann sein, der Ulmen berühmt machte. Das Verschrobene, Tölpelnde, die Fassade der Biederkeit, hinter der vertrackter Witz lauert, der Loser-Charme - all das, was Ulmen-Figuren auch in "Männerherzen" oder "Maria, ihm schmeckt's nicht" charakterisierte, deutet sich verheißungsvoll an. Zur Entfaltung kommt es dann aber nicht. Das mag dramaturgische Absicht sein, doch es irritiert, denn im zweiten Akt durchweht mächtig frischer Wind Becks Schicksal.

Er verliebt sich in die aparte Studentin Lara (bezaubernd: Friederike Becht), vor allem entdeckt er unter seinen Schülern ein musikalisches Genie, Rauli (feinnervig: Manuel Pérez Biscayart), dem er fortan Mentor und Förderer sein will. Schöner Augenblick, wenn Rauli im Musikzimmer die Elektrogitarre ergreift und ein paar Takte eines White-Stripes-Songs anspielt. Da staunt Beck und möchte à la Cyrano de Bergerac der Mann hinter dem zukünftigen Rockstar Rauli sein.

Kontrapunktisch zur aufsteigenden Erzähllinie verliert die Inszenierung ihre durchzeichnende Kraft, als würde sie gar nicht dran glauben, dass Beck eine zweite Lebenschance erhalten sollte. Gerade hier, wo es um seine Wiederbelebung geht, erscheint Beck zunehmend nur mehr blass und schlecht gelaunt. Warum versickert der inszenatorische Elan? Liegt es an dem Vollbart, den Ulmen tragen muss? Er verdeckt sein Lächeln, dieses typisch ironische Lächeln, das bei Ulmen immer den Widerspruch zur Tölpelhaftigkeit seiner Persona markiert? Oder liegt es an der musikalischen Unentschiedenheit? Einerseits Anspielungen - siehe White Stripes - auf Indie-Originalität, andrerseits bieten die Nummern, die Beck für Raulis ersten Clubauftritt schreibt, mageren Disco-Poprock.

Oder wendet sich gegen die Geschichte, dass Bob Dylan aus dem Szenario gestrichen wurde? Im Roman sind die Kapitel nach Dylan-Songs betitelt und die Gestalt Bob Dylans geistert durch viele Szenen als eine Art Über-Ich: Vaters Held, den Beck zwanghaft demontieren muss: "Das Radio spielte irgendein kitschiges Zeug aus dem unerträglichen Spätwerk von Bob Dylan!" Im Film fehlt Dylan und damit das Spiel zwischen Ablehnung und Referenz.

Im dritten Akt will die Erzählung wie zum Trotz mit aller Gewalt Fahrt aufnehmen und verwandelt sich von der Tragikomödie in ein Balkan-Gangster-Roadmovie. Rauli, Beck und sein durchgeknallter Freund Charlie (Eugene Boateng) auf großer Fahrt Richtung Istanbul. Mitten durch Drogendeals, Rotlichtmilieu und Schießereien. Um die Frage nach Freundschaft und Loyalität soll es gehen, aber die formelhafte Zubereitung kassiert das Interesse an den Figuren. "Und doch", heißt es einmal im Roman, "ist da noch eine Art Zauber, der aus diesem ganzen Haufen Moleküle eine Geschichte macht. Man müsste den Zauber nur finden." Tja.

Es ist, als ob die Erzählung ihrerseits vom Beck-Verhängnis heimgesucht wird. Sie sehnt sich nach Originalität, geht aber mit ihrer Kompilation von Allzubekanntem auf Nummer sicher - und findet den Zauber nicht.

Becks letzter Sommer, D 2015 - Regie: Frieder Wittich. Buch: Oliver Ziegenbalg, Wittich. Kamera: Christian Rein. Musik: Tobias Jundt aka Bonaparte. Mit: Christian Ulmen, Nahuel Pérez Biscayart, Eugene Boateng, Friederike Becht. Senator, 98 Minuten.

© SZ vom 23.07.2015

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