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Deutsches Kino:Alles auf neu

Filmstills

Braucht selbst eine Schulter zum Anlehnen: Der Therapeut (August Zirner) mit seiner Exfrau (Barbara Auer).

(Foto: Mathias Bothor)

"Was uns nicht umbringt", Sandra Nettelbecks melancholische und humorvolle Therapiestunde mit August Zirner.

Dauernd scheint es zu regnen unter dem schwermütigen Hamburger Himmel. Genauso graubewölkt ist der Alltag, durch den Sandra Nettelbecks Figuren schleichen. Psychotherapeut Max will gar nicht aus seinem Auto steigen, so erbarmungslos prasseln die Tropfen auf seine Windschutzscheibe, als erzählten sie zugleich von den Widrigkeiten seines Lebens. Aber der Hund muss Gassi geführt werden, die Tochter zur Orchesterprobe und vor allem warten in seiner holzvertäfelten Praxis mit der großen Ledercouch seine Patienten.

Siebzehn Jahre nach ihrem Erfolgsfilm "Bella Martha", in dem Martina Gedeck eine liebenswert pedantische Köchin spielte, hat Sandra Nettelbeck der Nebenfigur des Therapeuten einen eigenen Film geschenkt: "Was uns nicht umbringt". August Zirner verkörpert ihn auch diesmal wieder als lakonischen, geduldigen Zuhörer. Zwar ist er immer noch mit einem Übermaß an Empathie ausgerüstet, längst aber nicht mehr der kompetente Helfer und Heiler. Als geschiedener Vater zweier pubertierender Töchter ist sein Leben selbst mittlerweile in die ein oder andere Sackgasse geraten. "Ich wette, Sie würden sich auch lieber um ihre eigenen Probleme kümmern", bemerkt einer seiner Patienten. Derweil will sich seine starrköpfige Exfrau Loretta (Barbara Auer) am liebsten auch von ihm therapieren lassen. Der Hund, dieses struppige, braune Wesen, das er aus dem Tierheim geholt hat, um weniger allein zu sein, ist noch schwermütiger als er selbst. Und obendrein ist er unglücklich in eine Patientin verliebt: die spielsüchtige Sounddesignerin Sophie (Johanna ter Steege), dir ihr Herz an die falschen Männer verliert.

Um Max herum versammelt Nettelbecks einen Reigen unglücklicher, behandlungsbedürftiger Großstadtmenschen, für die sie ein Drehbuch mit vielen klugen Sätzen und ebenso existenziellen wie skurrilen Sorgen geschrieben hat: Trauernde, Depressive und Neurotiker, die unter Panikattacken oder Bindungsängsten leiden, alle in der Mitte ihres Lebens und in mehr oder weniger schweren Krisen: Da ist das symbiotische Geschwisterpaar, das mit seiner Arbeit in einem Bestattungsunternehmen hadert. Eine zwangsgestörte Zoowärterin, die eine holprige Liebesgeschichte mit ihrem Kollegen aus dem Pinguin-Gehege verbindet. Ein homosexueller Pilot mit Flugangst und eine Schriftstellerin, die aus Trauer über den Tod ihrer Freundes das Schreiben verlernt hat.

Auf Max' Couch laufen die Episoden zusammen, voll Melancholie und zartem Humor, getragen von einem starken Ensemble. "Du musst erst dein Verhalten ändern, dann ändern sich auch deine Gefühle", sagt er zu Beginn zu seinem neuen Hund - und beschreibt damit schon das Dilemma der Figuren. Sie wollen alle noch einmal ganz neu beginnen, können aber schwer aus der eigenen Haut.

Was uns nicht umbringt, D 2018 - Regie, Buch und Schnitt: Sandra Nettelbeck. Kamera: Michael Bertl. Mit August Zirner, Barbara Auer. Alamode, 129 Min.

© SZ vom 15.11.2018

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