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Deutscher Tanzpreis:Raimund Hoghe

(Foto: Rosa Frank)

Von DORION WEICKMANN

Spätzünder, Normbrecher, Sonderling - auf ihn trifft fast alles zu, was im Bühnentanz tabu ist. Umso schöner, dass Raimund Hoghe an diesem Wochenende mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt wird und damit in die Galerie der Großen von John Neumeier bis Pina Bausch Einzug hält. Es ist eine der besten Jury-Entscheidungen der letzten Jahre, gilt sie doch einem Künstler, der in Deutschland nie die gebührende Aufmerksamkeit bekommen hat. Weil er ist, wie er ist - Spätzünder, Normbrecher, Sonderling.

Was sich schon abzeichnet, als er 1949 in Wuppertal geboren wird: mit einer Rückgratverkrümmung, einem Buckel. Wer wird da an eine Tanzkarriere denken? Raimund Hoghe steuert sie über den Umweg des Schreibens an. Er beobachtet Menschen, Prominente ebenso wie Schattenexistenzen, verwickelt sie in Gespräche und fasst seine Eindrücke in luzide Zeitungs- und Buchporträts. 1980 begegnet er Pina Bausch. Fast zehn Jahre steht er der Choreografin als Dramaturg zur Seite. Vaterlos aufgewachsen, nabelt er sich beherzt auch von der Wuppertaler Tanztheaterfamilie ab. 1994 steht er zum ersten Mal selbst auf der Bühne. "Meinwärts" ist Bekenntnis und Abgesang zugleich: Akzeptanz der eigenen Körperlichkeit und Abrechnung mit der deutschen Vergangenheit.

Seitdem choreografiert Raimund Hoghe für sich und für andere. Mit den Jahren hat er eine Künstlercrew um sich geschart, die seine entschleunigten Versuchsanordnungen wie Meditationen zelebriert. Hoghes Theater zeugt von Achtsamkeit und atmet politische Haltung. Außenseiter und Flüchtlinge sind ihm genauso lieb wie ein Diven-Schicksal à la Maria Callas oder der "Schwanensee". Gerade erst hat er in Frankreich "Momentos of Young People" herausgebracht, Revival eines bald 20 Jahre alten Stücks aus dem eigenen Fundus. Schmal, zart und wie immer schwarz gekleidet stand Raimund Hoghe da zum Applaus zwischen lauter Jugendlichen: kleiner Mann, ganz groß.

Der Tanz verdankt ihm eine Menge, nicht zuletzt die Befreiung von Körpernormen aller Art. Wer Hoghe tanzen sieht, nimmt anders wahr: tiefer, schärfer, kontrastreicher auch. Der Tanzpreis 2020 geht ganz und gar zeitgemäß an einen Vorkämpfer der Vielfalt.

© SZ vom 17.10.2020

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