Deutscher Filmpreis Das Kino in Bestform

"Victoria" von Sebastian Schipper erhält sechs Lolas - und macht aus dem sonst so drögen Galaabend eine Sternstunde des Kinos.

Von Anke Sterneborg

Es hätte peinlich werden können, es hätte der larmoyante Abgesang eines alternden Schauspielers sein können, der den Platz nicht räumen will für die Jungen. Stattdessen wurde das Solo von Michael Gwisdek anlässlich der Verleihung der Goldenen Lola für den besten Hauptdarsteller - der Preis geht an Frederick Lau ("Victoria") - zum Höhepunkt des Galaabends. Selbstironisch und charmant war der Auftritt - und letztlich symptomatisch für eine Filmpreisgala, die nicht nur im deutschen, sondern auch im internationalen Vergleich glänzt.

Laudatoren wie Gwisdek, Iris Berben, Detlev Buck oder Milan Peschel wurden zu grandiosen Botschaftern des deutschen Kinos. Dazu passt auch, dass mit dem Gros der Preise, die zum elften Mal von den Mitgliedern der Deutschen Filmakademie vergeben wurden, das kühne Experiment vor der anspruchsvoll gediegenen Geschichtsverarbeitung triumphierte, die impulsive Unmittelbarkeit des Moments vor dem abgeklärten Blick zurück. Filme wie Oliver Hirschbiegels "Elser" über einen von der Geschichte vernachlässigten Widerstandskämpfer des Dritten Reichs, "Im Labyrinth des Schweigens" von Giulio Ricciarelli über die Verarbeitung der Nazivergangenheit in den Frankfurter Prozessen oder die gärende Wut der Rostocker Jugend in den Nachwendejahren in Burhan Qurbanis "Wir sind jung. Wir sind stark." machten sich gut als Nominierungen. Doch es fehlte ihnen die vibrierende Energie des kühnen Wurfs von Sebastian Schippers "Victoria", der den Abend mit seiner ungestümen Vitalität dominierte.

Sechs von sieben möglichen Lolas für "Victoria" (beste Kamera, Musik, weibliche Hauptrolle, männliche Hauptrolle, Regie und Film) waren ein Votum für die experimentelle Lust am Kino. Das spricht auch für die Strahlkraft des deutschen Films. "Für euch alle und für uns!", rief Sebastian Schipper in seiner Dankesrede ins Auditorium. Ganz nebenher lassen sich so auch die Kritikerzweifel zerstreuen, nämlich an der Vergabe des höchstdotierten staatlichen Kulturpreises durch die eigene Branche.

Es ist gut für den deutschen Film, dass sich die Sieger des Jahrgangs 2015 so intensiv auf die Themen der Zeit einlassen. Das gilt für Johannes Naber und seine (mit der Lola in Bronze ausgezeichnete) bissige Kammerspielfarce "Zeit der Kannibalen" über drei Firmenabwickler in einer globalisierten Welt; und es gilt auch für Edward Bergers mit der Silbernen Lola bedachten Beitrag "Jack". Darin geht es um die Berliner Odyssee von zwei verwahrlosten Kindern. Vor allem aber gilt es auch für die mit einem Preis bedachte Dokumentation "Citizenfour", in der die Amerikanerin Laura Poitras Edward Snowden begleitet, und zwar zu einer Zeit, da man seinen Namen noch nicht überall kannte.