Süddeutsche Zeitung

Deutscher Filmpreis 2012:Nur ein Trostpreis für Barbara

Harte Landung: Kein Film war öfter nominiert für den Deutschen Filmpreis als "Barbara". Doch als es darauf ankommt, wird das acht Mal vorgeschlagene DDR-Drama nach unten durchgereicht - an die Aspiranten aus der zweiten Startreihe. Die Sieger im Friedrichstadtpalast heißen an diesem Abend Andreas Dresen und Roland Emmerich.

Glücklicherweise gibt es noch ein paar Künstler im deutschen Film, die entweder internationale Erfahrung aufweisen, oder schon so lange im Geschäft sind, dass sie aus einem tiefen Fundus eigener Erlebnisse schöpfen können. Michael Ballhaus, Roland Emmerich und Iris Berben gehören zu Filmkünstlern dieser Sorte - Jessica Schwarz und Elyas M'Barek hingegen eher nicht.

Insofern erwies es sich als verfehlt, Schwarz ("Das Lied in mir", "Buddenbrooks") und M'Barek ("Türkisch für Anfänger") die Preisverleihung moderieren zu lassen. Denn außer platten Sprüchen ("Wie fühlt es sich an, SuperMultiKultiSexsymbol zu sein?") und billigen Späßen auf Kosten des nicht anwesenden Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff hatten die beiden kaum etwas zu bieten.

"Wir werden uns anstrengen, glamourös durch den Abend zu stolpern", sagte Jessica Schwarz gleich in der Anmoderation, was sie dann auch prompt in die Tat umsetzte. Erfreulicherweise blieb es bei relativ wenigen Ausrutschern. Denn das Duo bekam kurz darauf gar nicht mehr so viel Gelegenheit zum "Stolpern", da die Dramaturgie ihm vergleichsweise wenig Redezeit einräumte. Für gestandene Filmleute ergab sich so doch noch die Gelegenheit, den Abend zu retten.

Iris Berben zum Beispiel hielt eine Laudatio auf den Kameramann Michael Ballhaus, die von großer Zuneigung und viel Respekt getragen war, ohne kitschig zu werden. Sie sei ein "Postillon d'armour", "Dein begeisteter Fan Iris", sagte sie zu Ballhaus, der mit dem Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises ausgezeichnet wurde. Ballhaus sei ein größter Star seines Faches, aber Allüren seien ihm fremd geblieben. "Du bist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Danke für Deine wunderbaren Bilder.

Wiederentdeckung der deutschen Wurzeln

Der Geehrte bedankte sich in einer Weise, die nicht minder ans Herz ging. Zutiefst gerührt und ein bisschen erschüttert, sei er: "Das ist Die schönste Laudatio, die ich je bekommen habe, weil es die persönlichste Laudatio ist", sagte er, und man glaubte es ihm sogar.

Auch vor der Deutschen Filmakademie verneigte sich der Kameramann, und das, obwohl er wie nur wenige Deutsche den Durchbruch in Hollywood geschafft hat: "Dieser Preis ist ganz wichtig, denn er kommt aus Deutschland und ich bin mit Leib und Seele auch Deutscher", sagte Ballhaus. Ohne seine Anfänge im deutschen Kino mit Rainer Werner Fassbinder hätte er nie diese internationale Karriere machen können.

Das passte gut in das Bild des Abends, schließlich gingen die meisten Lolas an einen Regisseur, der seine deutschen Wurzeln zuletzt auch wieder entdeckt zu haben scheint: Roland Emmerich, der große Katastrophenzampano aus Hollywood ("Independence Day", "The Day after Tomorrow"), realisierte seinen neuen Film "Anonymus" in Babelsberg und prompt regnete es Deutsche Filmpreise.

Gleich sechs Mal wurde die Shakespeare-Räuberpistole ausgezeichnet, die sieben Mal nominiert war - kein Film bekam mehr Ehrungen. Doch weil das nur in Nebenkategorien wie "Bester Schnitt", "Beste Kamera" und "Bestes Kostümbild" der Fall war, fliegt Emmerich wohl doch nicht als großer Sieger zurück nach Los Angeles.

"Halt auf freier Strecke" gewinnt wichtigste Kategorien

Triumphator des Abends war vielmehr Andreas Dresen - seine halb-dokumentarisch anmutende Arbeit "Halt auf freier Strecke" erschien der Akademie nach der Ehrung für "Wolke 9" von vor drei Jahren erneut besonders preiswürdig zu sein. Sein neuer - sieben Mal nominierter - Film räumte die wichtigsten Kategorien ab - bester Film, beste Regie, daneben bester männlicher Haupt- und Nebendarsteller

Preisträger Milan Peschel, der die männliche Hauptrolle in dem Krebsdrama spielt, bedankte sich bei seinem Regisseur außergewöhnlich emotional: "Andy, danke für Deinen Mut. Ich danke der Andy-Dresen-Familie, die mich adoptiert hat. Ich hatte das Glück, mit so tollen Leuten zusammenarbeiten. Und wegen denen stehe ich jetzt auch hier."

So weit, so gut, wenn nicht die Frage bliebe, was aus "Barbara" geworden ist, dem Film, der bei der Berlinale mit dem "Silbernen Regie-Bär" ausgezeichnet worden ist und für den Deutschen Filmpreis so oft nominiert war wie kein anderer Film - immerhin acht Mal.

Um es kurz zu machen: Selten wurden Hoffnungen so geschürt, um dann so enttäuscht zu werden. Bei den diesjährigen Oscars war Altmeister Martin Scorsese mit "Hugo Cabret" elf Mal nominiert worden, um mit fünf Oscars schließlich nur knapper Zweiter gegen "The Artist" zu werden, der zehn Siegchancen hatte.

Doch es geht viel brutaler, wie das immer länger werdende Gesicht von Regisseur Christian Petzold an diesem Abend belegte. Ganz am Schluss blieb es für "Barbara" bei einem Trostpreis: Die Produzenten des Films konnten sich über die "Silberne Lola" für den besten Film freuen, sonst gab es an dem Abend für "Barbara" gar nichts. Wobei es ein Rätsel bleibt, warum Nina Hoss noch nicht einmal für die beste weibliche Hauptrolle nominiert worden war. Ohne sie hätte es auch das Trostpflaster - die "Silberne Lola" - sicher nicht gegeben.

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