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Deutscher Film:Fragmente der Fremdheit

Körper, Lebenslinien, Demokratien und Staatenverbünde - alles ist fragil und verletzlich in Angela Schanelecs schönem Film "Der traumhafte Weg".

Von Philipp Stadelmaier

Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen im sommerlichen Halbschatten, spielen Gitarre und singen. Ein leichter Wind geht. Aus einem Bus steigen Touristen, ein Mann zählt Münzen auf einem Tisch. Und eine junge Aktivistin gibt mit einem Megafon eine Erklärung ab, an einem Stand, an dem ein Aushang das Jahr angibt: Es ist 1984. Wir sind irgendwo in Griechenland.

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Diese Eindrücke am Anfang von Angela Schanelecs neuem Film bilden keinen festen Verbund. Eher erzeugen sie jenen musikalischen Rhythmus, in dem der Film von einem Fragment zum nächsten und zwischen den Figuren, Orten und Zeiten springen wird. Es folgt eine Episode in Deutschland: Die junge Frau, Theres (Miriam Jakob), empfängt den Mann, Kenneth (Thorbjörn Björnsson), bei sich zu Hause. Daraufhin sind wir in England, wo Kenneth seinen blinden Vater und seine sterbende Mutter besucht. Man erfährt, dass er Drogen nimmt, und dass Theres ein Jobangebot als Lehrerin in Berlin erhält.

Dann macht der Film einen Sprung ins Berlin der Gegenwart, ohne dass der Zusammenhang ersichtlich würde. Der Film wechselt das Personal, tauscht ein Paar gegen ein anderes, das ebenfalls dabei ist, sich zu verlieren: Ariane ist Filmschauspielerin, die sich gerade von ihrem Mann trennt. Der sucht und findet schließlich eine neue Wohnung. Auf der Straße gegenüber haust Kenneth - als Obdachloser.

Was nun der Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Leben, diesen beiden Paaren ist, das ist die Frage in Schanelecs schönem Film. Wie in ihren bisherigen Werken geht es auch hier um unklare Beziehungen, zufällige Begegnungen, ungewisse Lebenswege. In "Marseille" irrte eine junge Fotografin (Maren Eggert, die hier die Schauspielerin spielt) durch die südfranzösische Stadt, "Orly" verknüpfte mehrere Geschichten am Pariser Flughafen. Und hier ist es ein "traumhafter Weg", der von einer Figur zur anderen, von Griechenland nach Berlin und von den Achtziger jahren ins Heute führt. Oder auch einfach nur von der Ursache zur Wirkung.

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Träumen mit offenen Augen: Theres (Miriam Jakob) in Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg".

(Foto: Piffl Medien)
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Wenn etwa Kenneth zu Beginn in einer Telefonzelle vom Todeskampf der Mutter erfährt, dann hören wir nichts von dem Telefonat, sondern sehen nur, wie er stumm in den Armen eines anderen Mannes zusammensackt, seine Mütze zu Boden fällt. Am Ende des Films liegt dann ein verlorener Schuh an einem Bahnsteig. Zwischen diesen beiden Zeugnissen für erschütternde Ereignisse, die wir nicht mitbekommen haben, entspinnen sich hier die verstreuten Lebenslinien der Protagonisten.

Dieser Fluss der Fragmente erinnert vor allem an den Stil Robert Bressons. Wie Bresson filmt Schanelec keine zusammenhängenden Vorgänge, sondern einzelne Gegenstände und Gesten - keine vollständigen Handlungen, sondern die Momente, die auf sie folgen. Führt der traumhafte Weg des Films über den des Katholiken Bresson, dann berührt er dabei automatisch auch Fragen des Glaubens, die in den Passionsgeschichten des Franzosen immer gestellt werden. Bei Bresson, so hat es André Bazin formuliert, wirken die einzelnen Fragmente wie unabhängig voneinander, um auf ihren Zusammenhang in einer verborgenen Heilsgeschichte hinzuweisen. Auch diesem Aspekt erweist Schanelec eine Hommage. Der Film wird eingefasst von der Passionsgeschichte Kenneths, der am Sterbebett der Mutter verzweifelt bemerkt: "Ich glaube, aber mein Glaube hilft mir nicht."

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Die Regisseurin zelebriert das moderne Kino als Hochamt - zu einer Liturgie von Robert Bresson

Es ist aber weniger der Glaube an Gott, der Schanelec interessiert, als der Glaube ans moderne Kino, das in Bresson einen seiner größten Propheten hat. Darin erweist sich die Regisseurin als Teil jener filmkünstlerischen "Bewegung" der 2000erJahre, die - bei aller Diversität - "Berliner Schule" hieß und von jenem "modernen" Kino inspiriert war, in dem (wie bei Bresson oder Michelangelo Antonioni) Kommunikation ein Problem ist und ein Gefühl der Fremdheit und Zerrissenheit in der Welt vorherrscht. Kann man an dieses Kino heute noch glauben, ist es noch der richtige Weg? Zelebriert Schanelec hier das ewige Leben des modernen Kinos als Hochamt, zu einer Liturgie von Bresson? In jedem Fall lässt sich davon träumen, dass der "Traumhafte Weg" einer unbewussten Zahlenlogik folgt, mit dem er die Tradition seiner filmischen Konfession erforscht: Antonioni drehte seinen letzten großen Spielfilm 1982, Bresson 1983; Schanelecs Film setzt 1984 an.

Aber der Film beschäftigt sich nicht nur mit einer Welt des Kinos, sondern auch mit der heutigen, gegenwärtigen, äußeren. Dies wird schon durch die politische Rede deutlich, die anfangs von der jungen Griechin gehalten wird, Gegenstand sind die bevorstehenden Europawahlen 1984. Nun werde sich entscheiden, so die junge Frau, ob Griechenland ein unbedeutender Teil eines Europas der multinationalen Unternehmen und Monopole werden wird - oder eine wichtige Stimme, welche den Geist der Demokratie anmahnt. Denn diese sei stets eine verletzliche Sache. Die Politik spielt danach im Film keine Rolle mehr, aber diese Rede ist dennoch wie das geheime Tor zum Film. Sie kommt einem heute seltsam aktuell vor.

Kurz darauf bricht Kenneth vor der Telefonzelle zusammen, und überhaupt sind alle Körper im "Traumhaften Weg" verletzlich und angegriffen: Kenneths Mutter stirbt, sein Vater ist blind, Theres hat Rückenprobleme, die Schauspielerin trinkt und ihre Tochter bricht sich den Arm. Dadurch setzen sie auch etwas von der Rede vom Anfang fort: Körper, ebenso wie demokratische Nationen oder Staatenverbünde, können plötzlich von Fragilität ergriffen und in alle Winde zerstreut werden. Schanelecs fragmentarisches, fragiles und träumerisches Figurengeflecht zeugt also von einer sehr gegenwärtigen Gefahr.

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Der traumhafte Weg, D 2016. - Regie und Buch: Angela Schanelec. Kamera: Reinhold Vorschneider. Mit Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert. Piffl Medien, 87 Min.

© SZ vom 27.04.2017
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