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Deutscher Film "Das freiwillige Jahr":Ausgebremst

Filmstills

Kein Aufbruch, nirgends: Thomas Schubert und Maj-Britt Klenke in einer Szene des Films "Das freiwillige Jahr".

(Foto: Verleih)

Etwas stimmt nicht mit uns, aber was? "Das freiwillige Jahr" von Ulrich Köhler und Henner Winckler liefert ein beklemmend genaues Bild unserer pseudoliberalen Befindlichkeiten.

Von Martina Knoben

Wer cinephilen Außerirdischen etwas über Deutschland erzählen wollte, seine Landschaften, seine Provinz, und das Bildungsbürgertum mit seinen oft liberalen Ansichten und seinem oft gar nicht so liberalen Tun, könnte ihnen diesen Film von Ulrich Köhler und Henner Winckler vorführen. Alles darin wirkt vertraut, dabei ins Instabile, Bedrohliche verschoben. An jedem Kreisverkehr, so scheint es, lauert eine Katastrophe.

"Kommst du?", ruft Vater Urs (Sebastian Rudolph) seiner Tochter zu, die sich gerade von ihrem Esel im Garten verabschiedet. Jette (Maj-Britt Klenke) ist im Begriff, ein freiwilliges soziales Jahr in Costa Rica anzutreten, ihr Vater will sie zum Flughafen bringen. Seine Aufforderung ist der erste Satz im Film, er kennzeichnet maximal beiläufig ein Vater-Tochter-Verhältnis, bei dem er die Ansagen macht und sie folgt. Dabei ist Urs ist kein typischer autoritärer Vater. Er ist Arzt, ein hagerer Jeanstyp mit Dreitagebart, um die fünfzig. Irgendwie sehr deutsch und erst mal sympathisch.

"Wenn mich jemand interessiert, gucke ich, wie er sich verhält, wie er spricht, wie er sich bewegt, wie er gekleidet ist", hat Ulrich Köhler einmal gesagt. Er ist ein Meister des Beiläufigen; in seinen Filmen - "Bungalow" (2002), "Montag kommen die Fenster" (2006) oder "Schlafkrankheit" (2011) - sind es kleine Gesten, Nebensächlichkeiten, die nichts beweisen wollen, aber oft über sich hinausweisen. "Pack das doch mal weg, das nervt dich doch selbst", sagt Urs etwa zu seiner Tochter, als sie mal wieder ihre Nachrichten checkt, und greift ihr ins Handy. So sieht elterliche Übergriffigkeit in unseren scheinbar liberalen Zeiten aus. Auch Costa Rica ist der Traum des Vaters, nicht der von Jette. Jugendlich spießig und ganz blass wirkt sie beim Aufbruch.

Maj-Britt Klenke spielt Jette verhuscht, mit kleiner Stimme und kleinen Bewegungen. Sie könnte eine Cousine vom Land von Henner Wincklers "Lucy" sein - so hieß dessen Film aus dem Jahr 2006 über eine jugendliche Mutter in Berlin. Auch Winckler hat diesen feinen Blick für Figuren, wie sie sich kleiden, bewegen und mit anderen umgehen. Dass die Regisseure, die beide der Berliner Schule zugerechnet werden, zusammenarbeiten würden, war nicht unbedingt zu erwarten, aber es passt. Auf dem Weg zum Flughafen will Urs noch schnell bei seinem Bruder Jettes Kamera abholen, die sie ihm geliehen hat. Als der Bruder nicht öffnet und auch nicht auf Urs' Anrufe reagiert, versucht der wie besessen, bei seinem Bruder einzubrechen. Es ist eine virtuos inszenierte Szene, nach der man Urs zutiefst misstraut. Erst hangelt er sich auf den Balkon, dann quatscht er einem Nachbarn dessen Bohrmaschine ab, steckt dem Überrumpelten den Fernseher aus, um an eine Kabelverlängerung zu kommen, und bohrt dann bei seinem Bruder das Türschloss auf. Der Lärm der Bohrmaschine ist so schmerzhaft, durchdringend und penetrant wie die ganze irre Aktion. Wer so übergriffig und manisch agiert, dem ist vieles zuzutrauen.

Provinz oder weite Welt? In diesem Generationenkonflikt sind die Rollen vertauscht

Hier von toxischer Männlichkeit zu sprechen, ist fast schon zu viel Begriff für diesen klugen, subtilen Film. Aber auch Jettes Freund Mario ist ein nur auf dem ersten Blick netter Typ. Sie ist schwer verliebt in ihn, lässt seinetwegen ihren Flug sausen. Dann haut sie mit Mario im VW-Bus des Vaters ab. Soll sie das Navi auf "Venedig" programmieren? Es wirkt als Ziel jugendlichen Ausbruchs wie eine Parodie. Rührend unbeholfen mutet auch der erotische Tanz an, den Jette für Mario mit einem Hochdruckreiniger in der Waschstraße aufführt, als würde sie eine Filmszene oder Pin-up-Bilder nachspielen. Wohin ausbrechen, wenn alle Sehnsuchtsorte, ob geografisch oder kulturell, längst den Eltern oder sogar Großeltern gehören?

"Das freiwillige Jahr" zeigt einen Generationenkonflikt mit vertauschten Rollen: Während der Vater sich als Arzt auf dem Land wie festgesetzt fühlt und nichts lieber täte, als abzuhauen, will Jette in der Provinz bleiben, obwohl ihr die Welt offensteht. Wie Maj-Britt Klenke diese Mischung aus angepasster Nettigkeit und jäh aufbrechender, richtungsloser Rebellion verkörpert, ist toll. Statt ans Meer zu flüchten, fährt sie mit Mario im VW-Bus zu einem nahe gelegenen Wald. Am Morgen läuft ihr ein Wildschwein über den Weg, ein zauberhafter Moment. Die deutsche Provinz ist eben nicht nur trist, sondern manchmal auch rätselhaft schön.

Soll sie gehen oder bleiben? Jette weiß nicht, was sie will. Mario trainiert die Kinder beim örtlichen Fußballverein, er wäre vermutlich das, was man einen guten Vater nennt. Aber auch er drängt Jette seine Entscheidungen auf. Gewalt in all ihren Formen lauert in diesem Film überall.

Köhler wuchs als Sohn von Entwicklungshelfern in Afrika auf, wurde als Neunjähriger ins Hessische verpflanzt. Den Nachhall des biografischen Schocks meint man in seinen Filmen immer wieder zu spüren, wenn er deutsche Eigenheiten bestaunt - etwa wie unfassbar frisch die Mittel- und Seitenstreifen der Landstraßen hier aussehen. Auch Urs' VW-Bus ist so ein staunenswertes Ding, eigenwillig und präsent, fast ein dritter Hauptdarsteller. Er ist der Typ Wagen, für den VW mit dem Slogan "Grenzenlose Freiheit auf vier Rädern" wirbt, eine Zehntausende Euro teure Ausbruchsfantasie.

Alle fahren ständig mit diesem Bus herum, ohne irgendwo an- oder wenigstens fortzukommen. "Das freiwillige Jahr" ist ein ausgebremstes Roadmovie. Am Ende wird der Film dann doch noch zu einem bürgerlichen Trauerspiel, ein Trauerspiel für das 21. Jahrhundert, in dem der angebliche Weltbürger Urs die Welt nicht mehr versteht.

Das freiwillige Jahr, D 2019 - Regie, Buch: Ulrich Köhler, Henner Winckler. Kamera: Patrick Orth. Schnitt: Laura Lauzemis. Mit: Maj-Britt Klenke, Sebastian Rudolph, Thomas Schubert, Katrin Röver. Verleih: Grandfilm, 86 Minuten.

© SZ vom 06.02.2020

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