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Deutscher Buchpreis für Frank Witzel:Dämonen der alten Republik

Deutscher Buchpreis 2015

Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015: Frank Witzel.

(Foto: dpa)

Pop, Politik und Paranoia: Frank Witzel gewinnt den Deutschen Buchpreis - mit einem unförmigen, monströsen Ich-Roman, der am Ende doch keine schlechte Figur macht.

Von Lothar Müller

Nein, den Deutschen Buchpreis 2015 hat nicht das Buch zur Stunde gewonnen, Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen", in dem ein Altphilologe mit DDR-Hintergrund auf die Flüchtlinge im Berlin-Kreuzberg des Jahres 2014 trifft. Und auch nicht Ulrich Peltzers Roman "Das bessere Leben", der die Lebenskrisen seiner in der globalen Finanzwelt agierenden Charaktere mit den avancierten Mitteln des Bewusstseinsromans darstellt.

Die siebenköpfige Jury hat sich für ein Buch entschieden, dessen Wurzeln tief hinabreichen in die 1989/90 mit der DDR untergegangene alte Bundesrepublik, für Frank Witzels Ich-Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969", der auf über 800 Seiten seinem mäandernden Titel alle Ehre macht (SZ vom 15. Juni).

Dieser Roman ist unförmig

Man kann nicht sagen, dass diese Entscheidung für ein, so die Jury, "im besten Sinne maßloses Roman-Konstrukt" von "formalem Wagemut", für ein "genialisches Sprachkunstwerk", "ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia" den Verdacht nährt, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels erfundene Buchpreis sei vor allem ein Marketinginstrument, das die leicht verkäuflichen Romane gegenüber den anspruchsvolleren privilegiere.

Dieser Roman ist unförmig, voller Abschweifungen, Selbstverhöre und Befragungen durch Amtspersonen, Priester, Ärzte. Die Lektüre macht den Leser zum Beifahrer des Teenagers auf der Achterbahn seiner manisch-depressiven Unberechenbarkeit - und zugleich zum Zuhörer des erwachsen gewordenen Teenagers, der im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eine irrwitzige Rede hält, die Jean Pauls "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" zum Vorbild hat.

Auf dem Umschlag des Buches ist eine Pilzkopf-Perücke zu sehen, der ihr Kopf abhanden gekommen ist. Es ist der Kopf der Hauptfigur, in dem die Beatles-Songs nachhallen, die im Mittelpunkt der großen Pop-Parade steht, die auf der Tonspur dieses Romans abläuft. Die RAF ist hier zunächst eine Schülerband in einem Vorort von Wiesbaden, und dann erst die Terroristenschar, die aus dem Fernsehen in die Träume der Teenager gerät.

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