Deutscher Alltag Verdammt lang her

Am Ende des Jahres bleibt einem nicht viel anderes übrig als sentimental zu werden. Nützt aber alles nichts. Nächste Woche ist 2011.

Von Kurt Kister

Am Ende des Jahres bleibt einem nichts anderes übrig als sentimental zu werden. Wieder mal trifft einen die Erkenntnis, dass man in einem Alter angekommen ist, in dem die Zeit schnell, manchmal rasend schnell verfliegt. Naturwissenschaftler und andere Obskuranten wollen einem weismachen, eine Stunde sei für einen 8-Jährigen nicht länger als für eine 27-Jährige und ein Jahr dauere eben ein Jahr, egal ob man 17 oder 57 ist.

Früher saß der Sohn unterm Christbaum und freute sich Playmobil, jetzt hat er Haare unter den Achseln und wohnt bei Facebook. Und man selber wird immer älter.

(Foto: EPD)

Natürlich ist das Unsinn. Schon der alte Einstein, möglicherweise war es aber auch Perry Rhodan, hat bewiesen, dass man in einer S-Bahn, die mit Lichtgeschwindigkeit fährt, nicht älter wird. Sowieso weiß jeder Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs, dass jene, die Verspätungen ankündigen, in einer anderen Zeit leben als jene, die sie erdulden müssen. Zehn angekündigte Minuten Verspätung sind im wirklichen Leben mindestens zwanzig. Die Zeit also hat prinzipiell den Charakter von Gummibärenmasse - sie ist dehnbar und kann im Extremfall sogar die Richtung ändern.

Während der normale Mensch, der sich kosmetische Operationen nicht leisten kann, immer faltiger wird, sieht man immer wieder Damen, deren Gesicht ungefähr 1995 zu sein scheint, wohingegen andere wichtige Teile ihres Phänotyps eindeutig nach 2010, vielleicht sogar nach 2017 zu datieren wären. Diese Ungleichzeitigkeit des Zustandes einzelner Körperteile an einem Gesamtkörper wird wissenschaftlich auch das Ohoven-Phänomen genannt.

Zeit kann man nicht riechen oder schmecken, aber man kann sie sehen. Oder zumindest kann man an sichtbaren Veränderungen erkennen, dass Zeit vergangen ist. Es war scheinbar noch vorgestern, da saß unter dem Weihnachtsbaum ein Bub, der mit wirklich leuchtenden Augen ein Fähnlein Playmobil-Ritter auspackte. Dieser Bub hat jetzt Haare unter den Achseln und man ist nicht so ganz sicher, ob er noch zu Hause oder schon in Facebook wohnt. Die Playmobil-Ritter hat er noch, verpackt in Schachteln, und er will sie auch noch nicht weggeben. Aber sie sind selbst für ihn nur noch Erinnerung daran, wie es war, richtig Kind zu sein.

Während sich der Sohn darauf freut, älter zu werden - Mädchen, Moped, Ferien mit Freunden - , sitzt man selbst wieder unter dem Weihnachtsbaum und denkt daran, dass es schön wäre, nicht ganz so schnell älter zu werden. Man würde, ginge es denn, an diesem Abend gerne einen Pakt mit dem Mephisto aus Gummibärenmasse schließen: Stünde das Fortschreiten der Zeit die nächsten zwei Jahre still, gäbe man das Auto her, alle Playmobil-Ritter und natürlich die blöde Karriere am großen Schreibtisch. Nützt aber alles nichts. Nächste Woche ist 2011.