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Deutscher Alltag:So war das damals

Vor 20 Jahren hat die DDR ihre fleischliche Existenz beendet. Es ist nicht schade um sie, aber man erinnert sich an jene sicheren Zeiten, als sich ein Bundeskanzler alle vier Jahre zum Helmut Kohl wählen ließ.

Kurt Kister

Wenn man älter wird, mag man keine Jubiläen mehr. Jubiläen beweisen einem genauso unbarmherzig wie der Spiegel im Bad und der Kleiderschrank, dass man älter geworden ist. Der Spiegel macht einem die Bedeutung des Wortes Embonpoint drastisch klar. Der Kleiderschrank wiederum würde zynisch lächeln, könnte er es denn, wenn man den etwas älteren Anzug hervorholt, dessen Sakko unzuknöpfbar geworden ist, wahrscheinlich, weil es im Schrank aus Kummer darüber, dass man es so lange nicht mehr angezogen hat, geschrumpft ist.

HELMUT KOHL

Ach ja, die alten Zeiten, an die man sich als Westdeutscher so erinnert: Helmut Kohl war immer Kanzler, die Bundeswehr war nicht am Hindukusch, sondern besoff sich in Nagold. Für das Abitur in Bayern brauchte man 13 Jahre, es entsprach einer Promotion in Niedersachsen und einer Habilitation in Bremen.

(Foto: AP)

Man versucht zwar, den phänotypischen Verfall durch zu junge Kleidung oder Körperübungen wenn nicht zu stoppen, so doch zu kaschieren. Chronos, der Gott der Zeit, lässt sich aber nicht durch lässige Lederjacken oder 50 Situps täuschen. Er ist unbarmherzig. Abitur? Vor 35 Jahren. Erste Liebe? Noch länger her. Erstes (und einziges) Cabrio, einhergehend mit der Erwartung, dass man glücklich, berühmt und reich würde? 20 Jahre. Nach fünf Jahren wieder verkauft wegen eines grünen Dienstwagen-Audikombis.

Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Und selbst mit der DDR ist es wie mit dem Cabrio. Vor auch schon wieder 20 Jahren hat sie ihre fleischliche Existenz beendet; unter den fürsorglichen Händen Helmut Kohls glitt sie in eine identitätsauflösende Zwangsheirat mit der Bundesrepublik. Manchmal taucht sie noch als Wiedergängerin auf, sei es in Gestalt von Sahra Wagenknecht oder auch in Form von Dämmerungsnebeln zwischen der Havel und dem Spreewald. In diesen Nebeln sieht man schemenhaft kleine Männer mit Sporthüten, die sich mantrisch murmelnd befragen, ob es nun Ochs oder Esel gewesen sei, der den Lauf des Sozialismus gestoppt habe.

Jedenfalls ist das mit 20 Jahren Zonentod auch erschreckend. Nicht etwa weil es um die DDR schade wäre, sondern weil man sich als Westdeutscher an jene sicheren Zeiten so gut erinnert. Die Bundeswehr war nicht am Hindukusch, sondern besoff sich in Nagold. Alle vier Jahre ließ sich ein Bundeskanzler zum Helmut Kohl wählen. Für das Abitur in Bayern brauchte man 13 Jahre, es entsprach einer Promotion in Niedersachsen und einer Habilitation in Bremen. Die CSU war noch nicht überflüssig, und die Grünen hatten noch Prinzipien. Ja, ja, so war das damals. An diesem Sonntag feiert man 20 Jahre Einheit, und der Bundespräsident Wulff wird eine Rede halten. Hätte man vor 22 Jahren, am 2. Oktober 1988, so etwas - 2010 zwanzig Jahre Einheit mit dem Bundespräsidenten Wulff - in die Zeitung geschrieben, hätten einen zu recht die Männer mit den weißen Kitteln geholt.

© SZ vom 2.10.2010/kar
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