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Deutscher Alltag:Das Leben, ein Kasten

Mit dem Fernsehen ist das so eine Sache. Entweder gerät man in amerikanische Serien, in denen nach Geschlecht und Rasse ausgesuchte Detektivteams Gewaltverbrechen aufklären. Oder man sieht sonderbaren Menschen beim Essen zu.

Mit dem Fernsehen ist das so eine Sache. Wenn man mal Zeit hat und dumpf genug im Schädel ist, um sich vielleicht für zwei Stunden vor den Kasten zu setzen, der kein Kasten mehr ist, sondern nur noch eine Art dreidimensionale Fläche, dann kommt nichts. Es kommt natürlich schon was, aber das, was kommt, hat schon der großartige Bruce Springsteen mit dem Satz "57 channels and nothin' on" besungen.

Virtuelles Nachrichtenstudio

Hat man Glück beim Zappen, läuft gerade das Heute-Journal mit der professionell verlässlichen und phänotypisch angenehmen Frau Slomka. Hat man weniger Glück, aber noch kein Pech, dann sind es die Tagesthemen.

(Foto: Cecil Arp)

Entweder gerät man in amerikanische Serien, in denen nach Geschlecht, Rasse und sexueller Orientierung sorgfältigst ausgesuchte Detektivteams Gewaltverbrechen aufklären. Oder man sieht sonderbaren Menschen, die angeblich prominent sind, beim Essen zu. Hat man Glück, läuft gerade das Heute-Journal mit der professionell verlässlichen und phänotypisch angenehmen Frau Slomka. Hat man weniger Glück, aber noch kein Pech, dann sind es die Tagesthemen, moderiert von einer Frau mit schwierigem Namen, die zwar Haare hat, aber eigentlich keine Frisur.

Manchmal möchte man wissen, was denn all die Menschen, die nicht zufällig, sondern mutwillig fernsehen, sich so anschauen, wenn der Abend lang ist. Natürlich wird das gemessen und im großen Reich der Elektroquallen, dem Internet, findet man jeden Tag solche TV-Ranglisten. In aller Regel werden die ersten zehn Plätze von Serien wie Dr. House, Die Simpsons oder Two and a half men belegt. Manchmal schafft es Peter Kloeppel mit den RTL-Nachrichten unter die häufig eingeschalteten Dinge. Das hängt einerseits damit zusammen, dass vor und nach Kloeppel populäre Scheußlichkeiten laufen, und andererseits Kloeppel so etwas ist wie eine männliche, wenn auch reifere Marietta Slomka für Nichtgebührenzuschauer.

Nun ist es völlig in Ordnung, dass ARD und ZDF, ganz zu schweigen von 3sat und Phoenix, in diesen Quotenlisten nicht oder kaum vorkommen. Und selbstverständlich darf jeder, der es will, in Kabelkanälen dicke Menschen beim Streiten beobachten oder über dysfunktionale Amerikaner in ihren virtuellen Familien lachen. Dennoch bleibt beim Schalten durch 57 Kanäle an so einem Abend auch der Eindruck zurück, die vielen ARD-Sender nebst dem ZDF bemühten sich eigentlich, in die Quotenlisten zu kommen, schafften es aber nicht, weil viel von ihrem Zeug zwar nicht besser ist als der rtl-Seriensums, dafür aber langweiliger.

Gewiss, das ist jetzt ungerecht, weil es nur ein Ausschnitt ist. Aber so ein Abend, an dem man fernzusehen versucht, ist auch ein Ausschnitt aus dem Leben. Springsteen übrigens schießt in seinem Song mit einer Magnum den Fernseher kaputt. Das ist eine radikale Lösung, die aber den Abend beleben würde. Mehr als das ZDF.