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Deutsche Szene:Die Stimme

Bundespräsident / Habermas / Suhrkamp

Ulla Berkéwicz vom Suhrkamp-Verlag und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hören dem Philosophen Jürgen Habermas und seiner Lektorin zu.

(Foto: Bundesregierung / Jesco Denzel)

Jürgen Habermas stellt in den neuen Räumen des Suhrkamp-Verlages in Berlin sein aktuelles Opus magnum vor. Und im Publikum sitzt der Bundespräsident.

Im sechsten Stock des neuen Suhrkamp-Gebäudes am Rosa-Luxemburg-Platz laden die großen Fensterscheiben dazu ein, den Blick über Berlin schweifen zu lassen, den Fernsehturm, das Rote Rathaus, die Spitze der Sophienkirche. Vor dieser Kulisse hat der Verlag seinem ältesten Autor eine provisorische Bühne aufgeschlagen. Schon ehe er sie betritt, ist aus dem Off die charakteristische Stimme von Jürgen Habermas zu hören, irgendwo im Hintergrund scheint ein Mikrofon unbedingt kommunikativ handeln zu wollen.

Noch einmal hat Habermas ein Opus magnum geschrieben. Im Frühjahr ist er neunzig geworden. In tiefem Blau steht das Werk zweibändig im Schuber da, in der kommenden Woche wird es unter einem Titel, der an Johann Gottfried Herders "Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" erinnert, erscheinen: "Auch eine Geschichte der Philosophie". Mitarbeiter und Autoren des Suhrkamp-Verlages - Durs Grünbein, Rainald Goetz - sitzen im Publikum, einige Journalisten und als special guest der Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier ist, wenn es gilt, Kulturveranstaltung zu eröffnen, um Worte nicht verlegen. Hier aber bleibt er stumm, ehrt den Philosophen, der ihn freundlich in seine Begrüßungsworte aufnimmt, allein durch seine Anwesenheit, als Zuhörer. Und kaum hat die charakteristische Habermas-Stimme im Dialog mit der Lektorin des Opus magnum, Eva Gilmer, mit der Selbstexplikation begonnen, stehen die berühmten kantischen Fragen im Raum: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Und: Was ist der Mensch?

Sie spielen eine Schlüsselrolle in der Antwort des Philosophen auf die Frage, was ihn bewogen habe, noch einmal einen so gigantischen Rückblick auf die Geschichte der Philosophie zu werfen, von der sogenannten "Achsenzeit" um das 6. Jahrhundert v. Chr. bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert. Diese Fragen sind nicht erledigt, sie sind der Grund, warum der Philosophie noch etwas zu tun bleibt, warum sie nicht abtreten kann, um den empirischen Wissenschaften das Feld zu überlassen: "Es reicht nicht aus", sagt die Habermas-Stimme, "den Menschen als ein Naturwesen in der Welt zu verstehen, ohne zu fragen, was die wissenschaftlichen Fortschritte für uns und unser Weltverständnis wirklich bedeuten."

Das zweite Antriebsmoment entspringt der Formel "nachmetaphysisches Denken", in die Habermas die Philosophie nach Immanuel Kant und David Hume seit je zusammenfasst. Wie aber ist "nachmetaphysisch" mit dem Erbe der Religionen umzugehen? Das Opus magnum ist offenkundig aus dem Unbehagen an allzu triumphalen Säkularisierungsdiagnosen hervorgegangen. Es unterstellt die Genealogie des nachmetaphysischen Denkens der Frage nach der Rivalität von Glauben und Wissen seit den Ursprüngen der westlichen Philosophie. An den Bundespräsidenten gewendet, sagt die Habermas-Stimme, dass wir nicht in einer rein säkularen Zivilgesellschaft leben, sei offenkundig, nur der Staat und die Staatsgewalt seien säkular und müssten es sein.

Vom zwanglosen Zwang des besseren Arguments mag Habermas nicht lassen, das zeigt sich nicht nur, als er das Selbstbewusstsein der westlichen Philosophie im Dialog der Kulturen verteidigt. Es zeigt sich vor allem, als Eva Gilmer fragt: "Müssen wir Donald Trump einen Lügner nennen, damit unsere Lebensform nicht zusammenbricht?" Nicht eine Sekunde zögert die Habermas-Stimme, ehe sie antwortet: "Ja. Wenn eine ganze Partei eine offensichtliche Lüge in der politischen Öffentlichkeit einer großen Nation unterstützt, dann ist das philosophisch gesehen ein erster Schritt zur Zerstörung einer Lebensform, die darauf angewiesen ist, dass man den Äußerungen und Ansprüchen, die man mit diesen Äußerungen stellt, traut, und wenn man ihnen nicht traut, dass man sich auf Gründe einlässt, ob und warum der andere recht oder unrecht hat. Wenn diese Dimension zerstört wird, kann unsere Lebensform, so wie sie bisher war, nicht unbeschädigt fortbestehen."

© SZ vom 09.11.2019

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