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Deutsche Sprache:"Wir versuchen, die Veränderung der Bedeutung nachzuzeichnen"

Wie erfassen Sie solche Veränderungen?

In Göttingen haben wir eine eigene Arbeitsstelle, die einzelne Wortgeschichten beschreibt. Dort werden Wörter im Zusammenhang analysiert, das ist dann fast ein bisschen erzählend. Ein Wort wie "Zuwanderung" zum Beispiel: Wir fragen, wie es entstanden ist, wie es sich zu "Einwanderung" verhält, wann es häufiger wird oder durch ein anderes Wort ersetzt wird. So versuchen wir, die Veränderung der Bedeutung nachzuzeichnen. Bei fünf Millionen Wörtern ist das nur begrenzt machbar.

Wie gehen Sie mit Wörtern um, die aus der Sprache entfernt wurden, wie durch die Wörterbuch-Bereinigung nach der NS-Zeit?

Ja, da gibt es ein politisches Problem. Wir haben lange überlegt, als wir das Korpus für das 20. Jahrhundert zusammengestellt haben. Die Texte aus der Nazizeit sind jetzt drin. Das war keine einfache Entscheidung, aber sie sind einfach Teil der Entwicklung der deutschen Sprache. Man muss die Texte ja erforschen können. Manche sind mit einem Hinweis versehen, aber wir haben nicht die Absicht, den Leuten zu sagen, was sie tun und lassen sollen, sondern sie sollen sich so umfassend und verlässlich wie möglich informieren und selbst denken können.

Geraten Wörter auch einfach in Vergessenheit?

Ein solches Wort aus dem Grimm'schen Wörterbuch ist "dalest". Das ist vor sehr langer Zeit ausgestorben und kein Mensch weiß heute noch, was es bedeutet. Das Kuriose ist, dass Wilhelm Grimm den Eintrag selbst bearbeitet hat und sich dabei sehr unsicher war. Er wusste wohl selber nicht, was es bedeutet hat.

Kommt das häufig vor, dass ein Wort verschwindet?

Nur selten ganz. Es wird ja nicht verboten, sondern gerät außer Gebrauch. Es gibt auch Wörter wie "weiland". Das ist ja wirklich ein sehr altmodisches Wort, das "damals" bedeutet. Man denkt sich, Goethe könnte das vielleicht noch benutzt haben, aber selbst zu seiner Zeit war das bestimmt schon veraltet. Dabei sieht man in den neuen Textsammlungen etwa in der Zeit, dass das durchaus verwendet wird - immer dann, wenn man einem Satz altertümliches Flair geben will. Das schönste Beispiel, das ich vor einigen Jahren gefunden habe, ist "wie weiland Sarah Palin sagte", weil das auch schon wieder weiland ist (lacht).

Was ist mit aktuellen Wörtern, die nicht in den Zeitungen zu finden sind, sondern auf Schulhöfen benutzt werden?

Es ist schwierig, authentische Jugendsprache zu bekommen. Hat man Jugendliche mal am Mikrofon, dann reden sie natürlich nicht so, wie sie unter sich reden. Es gibt jährlich ein Lexikon der Jugendsprache, aber diese Wörter sind größtenteils erfunden. Jugendsprache ist in Deutschland nicht einheitlich, sondern eher eine alterstypische Umgangssprache. Und das zeigt sich zum Beispiel an obszönen Wörtern, aber auch an typischen Floskeln wie "Ey".

Es kann also sein, dass Modewörter nie erfasst werden, weil sie quasi unter Ihrem Radar fliegen?

Ja, absolut. Wir sind natürlich auf unsere Daten angewiesen. Eine große Lücke, die mich sehr bekümmert, ist die gesprochene Sprache. Unsere Hauptquellen sind schlichtweg die Zeitungen, weil sie gigantisches Material haben und digital zugänglich sind. Man muss sie nicht einscannen. Aber wie soll man an gesprochene Alltagssprache kommen? Wir haben da einige Korpora, aber die kann man nicht in ihrer gesprochenen Form direkt verwerten, sondern muss sie aufwendig transkribieren.

Gibt es noch Wörter, die Sie selbst überraschen?

Mein deutsches Lieblingswort seit einiger Zeit ist "Knastkluft". Weil kein Mensch weltweit einem das glaubt. Stellen sie sich mal vor, ein Japaner muss das aussprechen! Und: "Zinshuhn".

Was ist ein Zinshuhn?

Früher mussten ja die Bauern den Zehnten in Naturalien abliefern, soundso viele Scheffel Weizen, Klafter Holz oder auch Vieh, das wurde sehr hart eingetrieben. Allmählich hat man das auf Geld umgestellt, aber symbolisch musste wohl doch noch ein Lebewesen gezahlt werden, nämlich das Zinshuhn.

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