Süddeutsche Zeitung

Deutsche Provinz:Zerrupft im Nest

Der Held in Andreas Mands Roman "Der zweite Garten" hat den Anschluss ans Leben verpasst und sucht dafür einen Schuldigen. Der ist leicht zu finden: Minden, die Stadt, in der er wohnt. Das ist Stoff für einen ziemlich komischen Roman.

Von Helmut Schödel

Minden ist eine Stadt mit 80 000 Einwohnern im Osten von Nordrhein-Westfalen, nicht weit von Osnabrück und nicht allzu weit von Aurich entfernt, wo frühere Romane von Andreas Mand spielen. Allen diesen Städten ist für Leute, die dort nicht gerne leben, eine Chance gemeinsam: der Bahnhof. "Ich mag nicht mehr in Minden leben", sagt schon auf der dritten Seite die Frau des Erzählers in Andreas Mands Roman "Der zweite Garten".

Aber alle Anzeichen deuten auf Bleiben. Sie ist Gymnasiallehrerin, Mutter zweier Söhne und unzufrieden. Sie hat in ihrem Leid schon eine gewisse Routine erreicht und schiebt vieles auf Minden. Ihr Mann, der Erzähler, ist Schriftsteller, Anfang 50, ohne messbaren Erfolg, der Frühstück macht, den Rasen mäht, die Hausaufgaben der Kinder betreut, putzt, Elternsprechtage besucht. Dieser dichtende Hausmann ist eine Spätfolge alternativer Lebensentwürfe, ein kritischer Mitläufer deutschen Alltags. Über die vergangenen Jahre sagt er: "Es war das Schwerste, in so einer Stadt zu leben und nicht zu verblöden." Klage eines in die Jahre gekommenen "Kleinstadthelden" - so der Titel eines früheren Mand-Romans -, der nach einem Schuldigen sucht. Da bietet sich natürlich Minden an.

"Ich bin ein schmaler grauer Mann geworden, mit unklaren Beschwerden"

"Sobald wie möglich ziehe ich aus dieser Stadt weg", wird später einer der Söhne sagen. Wohin genau die Reise gehen soll, erfährt man aber nicht. Es handelt sich mehr um eine vage Sehnsucht - nach Freiheit, Selbstbestimmtheit, Kerouac und Salinger. Schwer zu erklären, dass man in Minden noch nicht mitbekommen hat, dass es das überhaupt nicht mehr gibt.

Andreas Mands Buch beschreibt das Ende des alternativen Gedankens. Es ist diese herrschende Alternativlosigkeit, die auch die Kanzlerin gerne beschwört, derentwegen er in einer stabilen Kleinstadtgesellschaft mit den alten Ideen gegen die Wand fährt. Man wollte nicht mitmachen und sich nicht verkaufen, anders sein, aber dann kommen die Ferien und es darf wieder mal nichts kosten. Der schriftstellernde Hausmann erkennt zwar, dass er nie ein Händchen für Topfblumen bekommen wird, macht aber weiter. Er erinnert sich an Kerouac und will aufschreiben, was passiert. Aber es passiert nichts.

An Selbsterkenntnis fehlt es nicht: "Ich bin ein schmaler, grauer Mann geworden mit unklaren Beschwerden und bewege mich, wenn es stimmt, was ich heute fühle, auf ein umfassendes Scheitern zu." Und, natürlich: "es ist so klar, es fehlt die Liebe." Und Minden bleibt nur ein Wort. Man könnte sagen, dieser Schriftsteller sei ein sympathischer Loser, aber der Loser hat seine Reputation verloren. Der Schriftsteller schreibt zwar immer noch, wie Andreas Mand in seinem frühen Buch "Haut ab", Lehrer mit zwei "e", aber er streicht das Haus, pflegt den Garten, repariert den Zaun und richtet sich ein, obwohl er weg will. Bald werden die Kinder außer Haus sein, und "die Alten gucken zerrupft aus dem Nest". Das wäre dann das Ende. "Hier zu hocken und den Vögeln beim Scheißen zuzusehen" - das kann es eben nicht sein.

Aber wenn sich der Schriftsteller auch bis zur Selbstverleugnung anzupassen versucht, er passt nicht zu den "Regengesichtern" der Stadt. Das macht einsam: "Einsamkeit ist wie eine Hautkrankheit, die man nie ganz los wird." Und steht man erst einmal in der Ecke, wachsen die Selbstzweifel. Am eigenen Können , aber auch an den Entscheidungen, zum Beispiel für ein Leben mit seiner Frau: "War sie je so, wie ich dachte, dass sie war?"

"Der zweite Garten" ist ein in fortlaufende Prosa verwandeltes Tagebuch, ein Pandämonium der Banalitäten. Andreas Mand schreibt ausführlich und dabei überraschend spannend auf 366 Seiten auf, was wichtig ist in Minden, und erklärt damit, worum es hauptsächlich im Leben nicht gehen sollte. Er zeigt ein Leben in der Ebene, höhepunktlos. Das Banale wird zum Banalismus, zum System, das über alle andere Systeme triumphiert.

Andreas Mand, der 1959 in Duisburg geboren wurde, ist ein noch immer unterschätzter, wichtiger Chronist deutschen Alltags. Wie er schreibt, das ist der typische Mand-Stil. Wer den Banalismus begriffen hat, hütet sich vor großen Metaphern und stilistischen Volten. Es sind die Mühen der Ebene, die sich in seiner Art zu schreiben locker spiegeln. In seinem Roman "Das rote Schiff" seufzt ein Mann namens Paul: "Ich dachte über mein Leben nach. Leider fiel mir nichts ein." Dem Scheitern wohnte damals immer noch ein Stück Romantik inne.

"Der zweite Garten" ist klipp und klar ein offenes Wort zur Lage. Träumen gehört zur Vergangenheit. Wir sind in Minden angekommen. Nicht in Nordrhein-Westfalen, sondern dort, wo wir nie hinwollten. Zwar ist der Text nicht ironisch geschrieben, aber der gesamte Entwurf entbehrt zumindest nicht einer traurigen Komik. Eigentlich müsste Andreas Mand der Kultautor seiner Generation sein, aber ist nicht sie es, die inzwischen den Banalismus repräsentiert, und der Rest, der noch am Zaun repariert, kauft keine Bücher mehr? So ist er der potenzielle Kultautor einer verschwundenen Generation geworden, die sich - "Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche" - davongemacht hat.

Andreas Mand: Der zweite Garten. Roman. Maro Verlag, Augsburg 2015. 366 Seiten, 20 Euro.

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SZ vom 23.06.2016
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