Deutsche Oper BerlinMann, Frau, eine Schablone

Lesezeit: 2 Min.

Chaya Czernowins vierte Oper "Heart Chamber" in Berlin uraufgeführt.

Von WOLFGANG SCHREIBER

SZ bei Google bevorzugen

"Pnima - Ins Innere" hieß die erste Oper von Chaya Czernowin, der in Haifa geborenen Komponistin, erschienen im Jahr 2000 bei der Münchner Musiktheater-Biennale. Da zeigten Czernowin und ihr Regisseur Claus Guth die Erinnerung eines kleinen Jungen und seines Großvaters, die in das Nachbeben des Holocaust verstrickt waren. Kein Text, nur Musik und Bild.

Die "Pnima"-Idee ragt in Czernowins vierte Oper "Heart Chamber" hinein, die jetzt an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wurde, ihre Farbenprozesse avantgardistischer Klangkunst, die ins Metaphysische reichen. Erforschen will Czernowin die "Herzkammer" der Liebe, die schwierige bis gestörte Anziehung von einer Frau und eines Mannes, die keinen Namen tragen, nur "Er" und "Sie" heißen.

Eine Oper? In der Inszenierung Claus Guths beginnt es wie eine Installation. Frau und Mann sitzen stumm, weit voneinander entfernt, auf zwei Stühlen im finsteren Bühnenraum, seitlich im Parkett agiert ein Kontrabassist (Uli Fussenegger) mit Pizzicato-Figuren leise oder aggressiv, minutenlang. Mann und Frau gehen regungslos nach vorn. In fragmentierten Filmsequenzen sieht man sie im Passantengetümmel laufen. Die Drehbühne rotiert und zeigt eine grob-moderne graue Bungalow-Architektur mit hoher Freitreppe, auf der Menschen auf und absteigen. Simuliertes Leben.

Der Regisseur Claus Guth und der Bühnenbildner Christian Schmidt versuchen, der dramaturgischen Idee und den Klangprozessen der Komponistin eine Art Handlung abzugewinnen. Guth bezeichnet sich sogar als "Mitschöpfer" einer Oper, die eine scheiternde Liebe untersuchen will.

Die Komponistin triumphiert, schafft sich aber auch Probleme

"Heart Chamber" scheint, was durchaus problematisch ist, zweigeteilt in Musik und Drama, Idee und Aktion: "Es ist", so skizziert die Komponistin die Handlung, "eine große Oper über die kleinsten physischen und psychischen Veränderungen, die zwei Fremde aufeinander zu und wieder voneinander wegbewegen auf ihrem Weg". Czernowin hat den Text und die Dramaturgie selbst entworfen, die Konstellation einer Art Paartherapie.

Und die im traditionellen Sopranfundus beheimatete Sopranistin Patrizia Ciofi meistert die vokalen Brechungen aller Flüster- und Gesangstöne souverän. Ihr Partner in dieser Liebe, die fahl im Ungefähren bleibt, ist der in darstellerischen Herausforderungen glänzende Dietrich Henschel. Beiden sind Doubles innerer Stimmen zugeordnet, Noa Frenkel und Terry Wey, die nur Klangfunktion in einer Versuchsanordnung erfüllen.

Die Stärke von "Heart Chamber" ist Chaya Czernowins märchenhaft raffinierte, präzise notierte Partitur, diktiert von einer empfindsamen musikalischen Fantasie, die sich die Verästelungen im Wachsen und Vergehen der Natur für ihr rauschendes Pandämonium der Klänge und Geräusche ausersehen hat. Sie kombiniert den von Johannes Kalitzke dirigierten Orchestersound mit einem im Raum postierten Vokalensemble und einem Quartett aus Percussion, E-Gitarre, Klavier und Saxophon, gemixt mit der Live-Elektronik des SWR-Experimentalstudios. Wer will und kann, denkt an Luigi Nonos Klangmystik, György Ligetis "Atmosphères"-Cluster oder Helmut Lachenmanns verstörende "Mädchen"-Oper. Die Komponistin triumphiert, auch in Ovationen, nach neunzig pausenlosen Minuten.

Aber mit dem Libretto und der Dramaturgie hat Czernowin, die an der Harvard University lehrt, auch ein Problem geschaffen. Da sie nur die innere Struktur, nicht die Psychologie der Liebesbeziehung zeigt, bleibt die "Geschichte" in dieser Herzkammer eine kühle Versuchsanordnung des Möglichen, die kaum einen Sog entwickeln kann. Das symbolhafte Bühnengeschehen sowie die wesenlosen Filmsequenzen verstärken nur das etwas altmodische Prinzip der Leere.

Nietzsche ergänzend will "alle Lust" neben der "Ewigkeit" drinnen Sinnlichkeit draußen. Das am Ende schablonenhaft wirkende Bühnengeschehen kann das Defizit im Seelischen erst recht nicht aufwerten - abgesehen davon, dass dem auch in den Textkürzeln waltenden traditionellen Geschlechter- und Paarverständnis nichts entgegengesetzt wird. "I love you" flüstert die Frau jäh am Schluss - sei es in Selbstvergewisserung, Demut, Verzweiflung oder Trauer.

© SZ vom 18.11.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: