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Deutsche Nachkriegsliteratur:Krieg statt Kinderstube

Szene aus "Im Labyrinth des Schweigens" mit André Szymanski

Thomas Gnielka (André Szymanski) gerät in Rage, als Unbekannte einen Stein durch ein Fenster seiner Wohnung werfen.

(Foto: Universal)

Mit 15 Jahren war Thomas Gniellka Flakhelfer in Auschwitz. In seinem Romanfragment "Geschichte einer Klasse" erzählt der früh verstorbene Journalist von deutschen Kindersoldaten - und liefert das Buch zum Film "Das Labyrinth des Schweigens".

Von Insa Wilke

Die Sprachlosigkeit deutscher Väter der Kriegs- und vor allem der Nachkriegsgeneration ist mehr als ein literarischer Topos: Sie ist eine reale Erfahrung, mit der viele Familien bis heute umzugehen haben. Aber es gab auch die anderen Väter. Diejenigen, die mit dem Sprechen nicht mehr aufhören konnten. Der Journalist Thomas Gnielka, Jahrgang 1928, muss so einer gewesen sein. 1965 starb er mit nur 36 Jahren an Hautkrebs. Oder: An seinen Erlebnissen, so sah es seine Frau, die mit fünf Kindern zurückblieb.

Thomas Gnielkas Recherchen zu zwielichtigen Vorgängen in der Wiesbadener Wiedergutmachungsbehörde trugen maßgeblich dazu bei, dass 1963 der sogenannte Frankfurter Auschwitz-Prozess eröffnet werden konnte. Gnielka führte nicht nur Gespräche mit KZ-Überlebenden, unterstützte ihre Forderungen nach Entschädigung und spürte Leuten wie Richard Baer nach, dem untergetauchten letzten Lagerkommandanten von Auschwitz. Er übergab dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer 1959 auch eine Erschießungsliste, die die Namen der ausführenden SS-Leute verzeichnete und damit zur Grundlegung der Anklage beitrug.

Es war Hans Werner Richter, der Thomas Gnielka riet: "Schreib dir alles von der Seele!"

Giulio Ricciarelli erzählt diese Geschichte in seinem Film "Im Labyrinth des Schweigens", der derzeit in den deutschen Kinos läuft, mit Gert Voss in seiner letzten großen Rolle als Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Hinter dieser Helden-Geschichte vom ruhelosen Journalisten, der noch unter Morddrohungen nicht zulassen will, dass die deutsche Gesellschaft ihre Taten verdrängt, steht eine andere.

Thomas Gnielka war selbst in Auschwitz. Er war 1944 15 Jahre alt und sollte mit seinen Klassenkameraden als Flakhelfer die IG-Farben-Werke verteidigen. Das hieß manchmal auch: KZ-Insassen bei ihren Arbeiten beaufsichtigen. Thomas Gnielka erzählt davon in einem Roman-Fragment mit einer Offenheit, die heute vermutlich nicht mehr möglich wäre. Lager-Literatur kennt man aus Sicht der überlebenden Opfer; die zwar fiktionalisierte, aber eigentlich nicht fiktive Perspektive eines 15-jährigen Flakhelfers hingegen ist nach wie vor ziemlich einzigartig.

Gnielka war Volontär beim Spandauer Volksblatt, als ihm kein anderer als Hans Werner Richter, der gerade die Gruppe 47 gegründet hatte, riet: "Schreib dir alles von der Seele." Und Gnielka schrieb. Er schrieb die Geschichte seiner Klasse, der Obertertia des Kant-Gymnasiums in Berlin-Spandau, das für seine humanistische Erziehung bekannt war. Er schrieb vom letzten Tag in der Schule und wie peinlich berührt sein Alter Ego davon ist, dass der Lehrer Tucholskys Gedicht "Nie wieder Krieg!" rezitiert oder wie unanständig ihm die weinende Mutter seines Freundes erscheint. Er schrieb davon, wie der "kleine Mählis" vor Angst zittert, davon, wie seine Hauptfigur bei einem Angriff absichtlich danebenschießt und dann doch draufhält, als "diese Schweine" sie ohne Pardon "bepflastern". Gnielka erzählte, wie die Jungen den Gefangenen in Auschwitz Zigaretten liegen lassen, wie die sich um sie prügeln und ein Kamerad voll Abscheu sagt: "Das sind doch keine Menschen mehr."

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