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Deutsche Literatur:Unbelehrbar lebendig

Gerhard Henschel: Künstlerroman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2015. 576 Seiten, 25 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Von Buch zu Buch nähert sich Gerhard Henschel im groß angelegten Bildungsroman seines Helden Martin Schlosser der Gegenwart: Im "Künstlerroman" gelingt ihm etwas Unwahrscheinliches: er macht uns die Achtziger Jahre sympathisch.

Von Hilmar Klute

Eigentlich möchte man über die Achtzigerjahre exakt jenen Satz stülpen, den Hans Magnus Enzensberger den Siebzigern übergezogen hat: "Dass irgendwer ihrer mit Nachsicht gedächte, wäre zu viel verlangt." Aber dann rutscht man so selbstverständlich und vergnügt in Gerhard Henschels "Künstlerroman" wie dessen Held Martin Schlosser auf die Beifahrersitze, wenn er durch Deutschland trampt. Und plötzlich ist es wieder da, das, wie historische Feinschmecker es gerne nennen, "Aroma jener Jahre": das Phlegma, die nervige, aber natürlich notwendige Beziehungsanalyse; die profanen Bacchanale mit Hannen Alt und Obstschnaps und die ständigen Fluchten aus beschissenen Wohnungen in noch beschissenere.

Martin Schlosser kennen alle, die sich auf Gerhard Henschels groß angelegte Éducation sentimentale eingelassen haben. Mit dem "Kindheitsroman" begann er, die Geschichte seiner Generation zu kempowskisieren. Mit all dem Material, welches das Henschelsche Familienarchiv aufzubieten hatte - Briefe, Tagebücher, Fotoalben - spiegelte er in Martin den bizarren Widerspruch, in der selbstgefällig-behaglichen Kohl-Republik ein abenteuerliches Leben führen zu wollen. Martin Schlosser braucht eine Weile, bis er zur letzten Konsequenz kommt, dem Leben als Schriftsteller. Zuvor muss er von Berlin nach Aachen ziehen, wo seine ins promiskuitive Liebeserleben vernarrte Freundin Andrea wohnt. Ihretwegen schluckt er seine Eifersucht runter, wenn sie zur Auflösung ihrer "inneren Konflikte" mit ihrem Ex-Freund Tarik vögelt. Ihretwegen lässt er sich in Bioenergetikseminaren von verschwitzten Klemmis anschreien. Ihretwegen zieht er in eine Höllen-WG mit der asigen Ilona, die ihre Liebhaber anranzt und ihr Geschirr nicht spült. Das ist das eine.

Das andere ist Martins unbremsbarer Lese- und Selbstformungseifer. Er klatscht in die Hände, wenn Eckhard Henscheid mal wieder irgend einen Dödel im Zeit-Magazin an die Wand genagelt hat. Selbst seinen geliebten Professor Dietmar Kamper überlässt er dem verehrten Henscheid zum Fraß. Er staunt über den behaglichen Antisemitismus der zeitgenössischen Politiker, den er im Spiegel abgebildet findet. Und natürlich plagt er sich mit seinen Eltern herum, der resoluten Mutti, die tapfer gegen ihren Krebs kämpft und sich längst von ihrem stieseligen Mann getrennt hätte, wäre da nicht die Oma in Jever - ach, es ist ein Elend, aber man kann es sich auch darin bequem machen.

Seinen Meister hat Martin Schlosser nicht in Poona gefunden, sondern in Nartum. Dort veranstaltet Walter Kempowski seine Schreibseminare. Herrlich, wie Henschel Kempowskis fassungsloses Schweigen schildert, als dieser in seinem Haus einem Jugendlichen beim Breakdance zuschauen muss. Am Ende, flankiert von Trennungshysterie und Versöhnungssexemphase mit Andrea, wagt Martin den Sprung ins kalte Wasser, besser: den in die eiskalte Wohnung in Oldenburg als freier Schriftsteller, der, darin Arno Schmidt ähnlich, die Profanität des Alltags zu seiner literarischen Sache macht.

Man hat Henschel immer mit sorgenvoller Bewunderung zugesehen, wie er sich an seine Gegenwart heranschreibt. Kann das gut gehen? Läuft sich das tot? Nein, es wird immer lebendiger, je älter, je unbelehrbarer Martin Schlosser wird. Das Buch lebt auch von Zitaten, die Martin abschießt. Eines, das nicht im Buch, aber auf dem Grabstein von Herbert Marcuse steht, geht direkt an Gerhard Henschel: Weitermachen!

© SZ vom 13.10.2015
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