Deutsche Literatur Teufel, ist das eine Kälte

Im sowjetischen Gefangenenlager beschlagnahmt, 1957 noch einmal geschrieben: Heinrich Gerlachs Kriegsroman "Die verratene Armee" in der Erstfassung: "Durchbruch bei Stalingrad".

Von Ulrich Baron

Nicht einmal Siegfried Lenzens im Nachlass entdeckter, erst vor Kurzem publizierte Roman "Der Überläufer" hat so ein seltsames Schicksal wie der Roman Heinrich Gerlachs, der 1957 unter dem Titel "Die verratene Armee" erschien und nun als "Durchbruch bei Stalingrad" in einer ursprünglicheren Version vom Germanisten Carsten Gansel herausgegeben worden ist.

Sein Buch sei "1944/45, unter dem noch frischen Eindruck des Erlebten" in sowjetischer Gefangenschaft entstanden, 1949 beschlagnahmt und zwischen 1951 und 1955 "ein zweites Mal geschrieben" worden, verlautbarte der 1908 in Königsberg geborene Gerlach seinerzeit. Ab 1957 wurde es zum Bestseller, übersetzt, gelobt - und dann mehr oder weniger vergessen. Wer aber jemals nach verschollenen Werken gesucht hat, wird die Gefühle Gansels nachempfinden, als er am 14. Februar 2012 im Staatlichen Militärarchiv in Moskau die beschlagnahmte Urfassung vor sich liegen hatte.

Die Umstände ihrer Entstehung, Gerlachs Odyssee durch sowjetische Kriegsgefangenenlager, der Beschlagnahmung und seines Versuchs, dessen Inhalt zunächst mit Hilfe eines Hypnotiseurs und dann in einem jahrelangen Schreibprozess zu rekonstruieren, sind so abenteuerlich, dass das Nachwort des Herausgebers dadurch zu einem eigenen kleinen Roman angewachsen ist.

Schon als der kriegsgefangene Oberleutnant und Leiter der Abteilung Aufklärung des 14. Panzerregiments seine Urfassung schrieb, hatte freilich ein Konkurrent die Nase vorn. Der im sowjetischen Exil lebende Theodor Plievier hatte bereits 1943/44 in einer Exil-Zeitschrift seinen auf der Grundlage von Gesprächen mit kriegsgefangenen Deutschen verfassten Reportageroman "Stalingrad" veröffentlicht. Von 1945 an auch in vielen Buchausgaben, Rundfunksendungen und Übersetzungen verbreitet, gab Plieviers Werk Auskünfte über das Schicksal der 6. Armee, an deren Authentizität nicht zu zweifeln war. Mit "Moskau" (1952) und "Berlin" (1954) um Vor- und Nachgeschichte erweitert, war seine Trilogie hierzulande nicht nur die früheste, sondern auch die umfassendste literarische Darstellung des Krieges im Osten.

"Der Frost hatt den Schlamm der unendlichen Wege in Asphalt verwandelt"

Im Jahre 1957 war der alte Anarchist Plievier schon seit zwei Jahren tot, aber Heinrich Gerlach war ihm während seiner Gefangenschaft begegnet und hat "Stalingrad" seit 1943 zumindest in Auszügen gekannt. Und er scheint davon beeindruckt gewesen zu sein. "Wie Plievier" habe auch er die epische Form aufgebrochen und seinem Roman eine "eschatologische Perspektive" eingeschrieben, urteilt Gansel - in der Neufassung aber dann auch der "Diskurs der 1950er Jahre".

Eher am Rande teilt Gansel mit, dass er "nach Abschluss der Arbeiten zur Edition" habe feststellen müssen, dass der Historiker Jochen Hellbeck das beschlagnahmte Typoskript schon im Heft 1/2013 der Zeitschrift Contemporary European History beschrieben und interpretiert hatte. Während der Uwe-Johnson-Experte Gansel die Erinnerungsarbeit Heinrich Gerlachs auch als "Versuch einer psychischen Selbstheilung" auffasst, bei dem "Anpassung und Selbstzensur keine Rolle" spielten, konstatierte Hellbeck, zu dessen Forschungsschwerpunkten das autobiografische Schreiben unter Stalin gehört, einen starken Einfluss der sowjetischen Re-Edukation auf die Urfassung.

Der Mann, der seinen Stalingrad-Roman unter Hypnose rekonstruierte: Heinrich Gerlach in der "Frankfurter Illustrierten" vom 15.3.1958.

(Foto: Galiani Verlag Berlin)

Und er fragt, ob jene Hypnose-Geschichte, die, beginnend mit einer Bildreportage der Illustrierten Quick vom August 1951, immer wieder nacherzählt wurde, bislang nicht falsch erzählt worden sei. Ging es womöglich nicht allein um die Reaktivierung von Erinnerungen, sondern auch um deren Reinigung von Ideologie und Ideologieverdacht? Immerhin beschreibt Gansel, wie Gerlach Mitglied im "Bund Deutscher Offiziere" sowie Mitarbeiter der Zeitschrift Freies Deutschland wurde, die wie das "Nationalkomitee "Freies Deutschland" gefangene und aktive deutsche Soldaten zum Widerstand gegen das NS-Regime motivieren sollten. In den frühen Jahren der Bundesrepublik hätte dieser Hintergrund eine Veröffentlichung ebenso behindert, wie es bei dem "Überläufer"-Roman von Siegfried Lenz der Fall war.

Trotz solcher Kontroversen sind sich beide Romanfassungen bis in viele Formulierungen hinein erstaunlich ähnlich. Doch akzentuiert die Urfassung Schuld und Gewissenskonflikte schärfer als die spätere Version, die allein schon durch den Titel "Die verratene Armee" laut Gansel "das für die 1950er-Jahre Kennzeichnende soldatische Opfernarrativ zu installieren sucht". Doch bevor deutsche Truppen im Sommer 1942 anrückten, war Stalingrad eine blühende Industriestadt mit knapp 500 000 Einwohnern. Nach der Rückeroberung zählte man in den Ruinen 7655 überlebende Bewohner, schreibt Jochen Hellbeck in seinem Band "Die Stalingrad Protokolle", der 2012 bei S. Fischer erschien und eine Gegenperspektive nicht nur zu Heinrich Gerlachs Roman bietet.

Da Gerlach erst im November 1942 einsetzt, ist das zivile Leben bereits verschwunden. Nur eine "blasse Frau" mit einem kleinen Jungen ist in dem Haus geblieben, wo ein Divisionsstab Quartier macht. Während die Deutschen bei Bratkartoffeln und Kulturfilmen auf eine winterliche Kampfpause hoffen, hat man der Russin ihren Platz zugewiesen: "Ihre Schlafstatt war unter den Hufen des Pferdes, das man ihnen gelassen hatte."

Die Szene bleibt eine Marginalie in einem größeren Szenario, in dem aus Eroberern Opfer werden. Während die Ausgabe von 1957 mit einem Fluch von Gerlachs Alter Ego Oberleutnant Breuer - "Teufel, ist das eine Kälte" - beginnt, setzte die Urfassung auf leerer Bühne ein: "In die Steppe zwischen Wolga und Don hatte der Winter seine Spähtrupps vorausgesandt." Die Natur erscheint personalisiert und durch das Bild der "Spähtrupps" militarisiert. Im zweiten Satz folgt dem Vorstoß ein Rückzug: "Die ungewöhnliche Wärme der ersten Novembertage war um den 6. herum einem schneelosen Frost gewichen, der den Schlamm der endlosen Wege in Asphalt verwandelt hatte."

Das ist ein Bild, das einen frösteln lässt, aber im dritten Satz kippt das Erhabene und Menetekelhafte ins Landsermäßige: "Auf dieser erfreulichen Glätte sprang munter ein kleiner grauer Kraftwagen dahin." Dann springt auch die Perspektive und zwar in den Fahrerraum: "Der Fahrer, der aus winterlicher Vermummung mit zwei pfiffigen Augen und einer geröteten Stupsnase in die Welt blickte, ließ dem kleinen Gefährt alle Freiheiten."

Pfiffige Augen und Stupsnase täuschen nicht - der Gefreite Lakosch ist eine Art Schwejk für den Wehrmachtsgebrauch, der später zum Überläufer wird. In einer erinnerten Schlüsselszene war "der Kleine" Zeuge geworden, wie ein deutscher Offizier eine Meute fanatisierter Landser daran hindert, gefangene Juden zu lynchen, deren Dank er dann aber schroff zurückwies. Völkermord wird hier verhindert, weil ein deutscher Offizier keine Disziplinlosigkeit duldet.

Heinrich Gerlach: Durchbruch bei Stalingrad. Roman. Herausgegeben, mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Galiani Berlin Verlag, Köln 2016. 693 Seiten, 34 Euro.

(Foto: )

Gegen Ende, am 30. Januar 1943, dem zehnten Jahrestag der "Machtübernahme" gibt es eine Art Bilanz des Dritten Reichs und seiner Verbrechen, die auch die Popagandalügen zum Ostfeldzug zitiert: "Bestien . . . asiatische Horden . . . Kreuzzug gegen den Bolschewismus! . . . gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft . . . Kommissarerlaß . . . Bestialität gleichermaßen Rechnung tragen!"

Doch wie sich am Romanschluss der Hitlergruß in Wutschrei und Anklage der Besiegten auf dem Schlachtfeld verwandelt, so heißt es am Ende dieses Sündenregisters ironisch: "Wir danken unserem Führer". An allem war allein Adolf Hitler schuld, der in Stalingrad selbst seine eigenen Soldaten verraten hatte.

Nun muss der von Hellbeck unterstellte Einfluss der sowjetischen Re-Edukation ja nicht heißen, dass die Umerziehung geglückt wäre. Sowjetische Lagerleitungen hätten ihre Gefangenen, nicht nur verhört, sondern auch zum Schreiben von Zeitungen, Gedichten, ganzen Theaterstücken und Romanen über ihre Erfahrungen im Krieg gedrängt, liest man bei Hellbeck. Inmitten solcher Archivalien sei er auf das Manuskript Heinrich Gerlachs gestoßen.

Während Gansel es aus diesem Kontext herauslöst, erscheint Hellbecks Insistieren auf dem Kontext durchaus sinnvoll. Denn man kann Gerlachs zweimal geschriebenen Roman als ein doppeltes Palimpsest verstehen, dem sich neben den Erinnerungen und Reflexionen des Autors auch die widerstreitenden Ideologien der 1940er- und 1950er-Jahre sowie die Umstände seiner wiederholten Entstehung eingeschrieben haben.

Gerlach sei, berichtet Hellbeck, 1943 auf einen Tass-Artikel über die Moskauer Konferenz gestoßen, der vom Beschluss der Alliierten berichtet habe, Kriegsverbrecher unnachsichtig zu bestrafen. Aus Gerlachs Buch "Odyssee in Rot" über seine Kriegsgefangenschaft zitiert er eine Passage, die zeigt, dass dies ein Schock für den Autor war, weil er Kriegsverbrechen nicht nur vom Hörensagen kannte. Das sei ein weiterer Anstoß zum Schreiben gewesen - und verstärkt den Verdacht, dass sich das Gewissen erst melden konnte, nachdem sich Sieger in Verlierer und Kriegs- in potenzielle Strafgefangene verwandelt sahen. Zur Klärung der damit angerissenen Fragen aber müsste man das Moskauer Original zu Rate ziehen, das voller Streichungen, Überschreibungen, Korrekturen steckt - und voller großflächigen Überklebungen von Passagen, welche die vorliegende, auf Fotografien beruhende und um eine lesbare Romanfassung bemühte Ausgabe nicht erschließen konnte.

Carsten Gansels Edition, die mit zahlreichen Dokumenten, Fotografien und Protokollen Einblick in die Archivsituation gibt, öffnet den Zugang in ein spannendes und aufschlussreiches Kapitel deutscher Kriegs- und Literaturgeschichte. Was die Gesamtwürdigung von Heinrich Gerlachs Roman und dessen Aussagekraft als historische Quelle angeht, ist sie eher ein neuer Anfang als ein Abschluss.