Deutsche Literatur Parkplatz 33

Früher war das Herausschauen aus dem Fenster auf die Straße eine Domäne älterer Damen. Jetzt macht Klaus Johannes Thies den Fensterblick zum Generator kleine Prosa: "Parkplatz-Rhapsodien".

Von Maike Albath

Früher gehörten sie irgendwie zum Stadtbild, diese älteren Damen, die ganze Nachmittage lang auf dem Fensterbrett lehnten, hinausschauten, oft ausgestattet mit einem speziellen Kissen für die Unterarme. Sie wussten über alles Bescheid, was auf einer Straße passierte. Ist das Aus-dem-Fenster-Schauen nur Frauen ab einem bestimmten Alter vorbehalten oder vielleicht sowieso aus der Mode gekommen und wenig einträglich? Der Prosaminiaturist Klaus Johannes Thies, Jahrgang 1950, beweist mit seinem Band "Aus meinem Fenster" jetzt das Gegenteil. Sein passionierter Rausschauer ist erstens männlich und zweitens zeigt sich rasch, dass es mit den Ritualen des Alltags eine ganz eigene Bewandtnis hat.

Nach und nach entfalten sie gerade durch ihre Gleichförmigkeit eine große Faszination. Die zarten, beiläufigen Notate kommen wie absichtslose Tagebucheintragungen daher und sind mit Daten zwischen September 2005 und August 2010 versehen, ergänzt durch einen Prolog vom Januar 2018 und zwei Zugaben. Die minimalistische Aufmachung des Bandes erinnert an ein Schulheft. Den Auftakt bilden stumpfe, unspektakuläre Schwarz-Weiß-Fotos des Ortes, um den es geht, ganz am Schluss folgen weitere Bilder, das Inhaltsverzeichnis sieht aus wie eine Songliste, und jede Druckseite ist durch einen handschriftlichen Hinweis zur Reihenfolge versehen. Schauplatz des Ganzen ist nämlich ein Parkplatz, und das Ordnungssystem geht von "Parkplatz 1" bis "Parkplatz 33" und endet bei "noch ein Parkplatz". Dass wir sogar die Handschrift des Verfassers kennenlernen, betont den privaten, zufälligen Charakter des Unterfangens. Mit einer poetisch-pragmatischen Genrebezeichnung werden wir auch noch versorgt: Wir haben es hier mit "Parkplatz-Rhapsodien" zu tun.

Weil der Blick des Autors verweilt, wird das Alltägliche porös, facettenreich, fremd

Aber warum schaut der Mann überhaupt aus dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung in der Bremer Eduard-Grunow-Straße? Es scheint einfach eine naheliegende Beschäftigung für eine Person zu sein, die den ganzen Tag zu Hause am Schreibtisch verbringt und dann und wann ein bisschen Zerstreuung braucht. Die Küche bietet Abwechslung, außerdem gibt es da eine Kaffeemaschine, ohnehin der erste Programmpunkt am frühen Morgen, später kann man den Abwasch erledigen, etwas kochen und anderen Pflichten der Haushaltsführung nachgehen oder einfach so herumstreunen.

Von diesen tagtäglichen Exkursionen in die Küche und dem Blick auf den Parkplatz handeln die Prosatexte also. Deskriptive Passagen - fünfzehn Fahrzeuge finden auf der baumbestandenen Fläche Platz, außerdem drei Taxen und fünf Wagen einer Autoverleihfirma, dahinter stehen Werbetafeln und Glascontainer - mit Erinnerungsblitzen, Erlebnissplittern, Lektürehinweisen, Kommentaren der Reklametafeln, Überlegungen zu Dingen, die er in der Zeitung gelesen hat. Schon seit 1987 schaut der Betrachter auf diesen Platz, weshalb er sich mit ihm befreundet fühle. Auslastung, Stammgäste, Art des Parkens, er weiß einfach alles. Wie einst die älteren Damen.

Sein Haus, aus dem er 2018 auszieht, sei das "hässlichste von Bremen" heißt es einmal. Ähnlich unwirtlich ist aber auch der Parkplatz davor. Einer jener typischen Nichtorte, aus dem Thies aber etwas anderes macht. Weil sein Blick verweilt, wird das Alltägliche porös, facettenreich, fremd. Der Erzähler selbst erwähnt die Protokolle der Mini-Ereignisse, die Georges Perec 1974 in einem Café an der Place Saint-Sulpice festhielt. "Aus meinem Fenster" schillert zwischen Perec, Wilhelm Genazino und den Romanen in Pillenform von Giorgio Manganelli. Wer den Band zuschlägt, stellt sich unweigerlich eine Weile lang ans Fenster.

Klaus Johannes Thies: Aus meinem Fenster. Parkplatz-Rhapsodien. Edition Azur, Dresden 2018. 91 Seiten, 18,90 Euro.