Süddeutsche Zeitung

Deutsche Literatur:In der Unterwelt

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Der deutsche Autor J.R. Bechtle greift in seinem neuen Roman "1965 - Rue de Grenelle" einen politischen Skandal auf: die Entführung eines marokkanischen Oppositionspolitikers mitten in Paris. Und ein Deutscher ist Zeuge.

Von Joseph Hanimann

Fünf Tage Paris - so werben Reisegesellschaften und winken mit den großen Namen: Champs-Élysées, Montmartre, Café de Flore. Der junge Mann, der im Zug München-Paris den Schwarzwald hinter sich lässt und kurz nach Straßburg die ersten Gitanes- und Pernod-Plakate erblickt, schafft das alles ganz allein. Die zwei Wochen in Paris führen ihn überdies in die einschlägigen Jazzclubs, in ein Kapitel obskurer Zeitgeschichte, in eine unmögliche Liebesgeschichte und in den zwielichtigen Untergrund der Stadt. Das alles im Paris der Sechzigerjahre.

Ein Epochenthriller? Ein Geschichtskrimi? Ein dokumentarischer Liebesroman? Eine historische Fiktion? Der deutsche Autor J. R. Bechtle wurde 1943 in Belgien geboren, er wuchs im Rheinland auf, studierte Jura und lebt inzwischen als freier Autor in San Francisco. Er ist ein Enkel des Schriftstellers Rudolf Herzog und hat schon vor zwei Jahren mit seinem Romandebüt "Hotel van Gogh" gezeigt, wie er Geschichte in der Gegenwart weiterzuspinnen versteht.

Diesmal fährt sein Held - der junge Deutsche heißt Steffen - nach Paris für die Aufnahmeprüfung in der Elitehochschule für politische Studien, "Sciences Po". Sein Freund André, bei dem er wohnt, verhält sich aber ganz anders als sonst: viel beschäftigt, fahrig, geheimnistuerisch. Er empfängt in der Wohnung konspirative Besucher, für die er die Geheimgänge des Pariser Untergrunds kartografiert. Steffen rutscht in diese Machenschaften unweigerlich hinein und steht zufällig oft in der ersten Reihe.

Der zeithistorische Kern ist die Entführung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka

So auch gegenüber jener mysteriösen Sarah, die ständig zwischen Paris und Genf unterwegs ist und in die er sich bald verliebt. Sarah arbeitet als Produzentin für einen Dokumentarfilm des Regisseurs Georges Franju über Entkolonialisierung und hält Kontakt mit dem in Genf lebenden marokkanischen Oppositionspolitiker Mehdi Ben Barka. Hier liegt der zeithistorische Kern des Romans. Als Ben Barka am 29. Oktober 1965 nach Paris kommt, um sich mit den Filmleuten zu treffen, wird er auf offener Straße entführt und verschwindet spurlos. Auch dabei ist Steffen Zeuge.

Gelungen ist an diesem Roman die Rekonstruktion der Zeitstimmung: allerdings weniger die jenes Paris, in dem auf jedem Bartresen noch ein Behälter mit hartgesottenen Eiern und in der Ecke ein Flipperautomat stand, als die Zeitstimmung im Kopf des deutschen Parisbesuchers. Er sieht aus "wie einer aus dem Konzentrationslager", sagt der Student Steffen zu Sarah beim Auftritt des amerikanischen Trompeters Chet Baker im Jazzlokal. "Wie meinst du das?" - fragt sie entgeistert zurück, und die Geschichte zwischen den beiden ist vorerst beendet.

Erst in Paris erwacht das politische Bewusstsein des unbedarften jungen Deutschen

Dass der Vergleich nicht lustig ist, hat dem deutschen Studenten niemand beigebracht. Seine beruflich erfolgreichen Eltern haben ihm nie erzählt, was vor dem Erfolg war, Ausdrücke wie der, etwas sei "zum Vergasen langweilig", gehörten zu den selbstverständlichen Wendungen in der Alltagssprache seiner Jugend. Aus der bundesrepublikanischen Behütetheit gerät der junge Mann nicht nur in die Ereignisse des Pariser Untergrunds, es erwacht überhaupt erst sein politisches Bewusstsein. Immerhin gehört er nicht, wie viele in der vorangegangenen Generation, zu den passiven Beobachtern, die nur zuschauen und nie eingreifen.

Als Augenzeuge der Entführung rennt er dem davonrasenden Peugeot 403 hinterher und bezahlt seinen vergeblichen Rettungsversuch fast mit dem Leben. Damit beginnt die weniger überzeugende Seite des Romans. Der Weg über die Liebesgeschichte in die Verstrickungen von Pariser Künstlerzirkeln, Konspirationsmilieus und diverser Geheimdienste - vom marokkanischen bis zum israelischen - ist spannend, wenn auch passagenweise zu ausführlich, erzählt. Der Rückweg vom Dokumentarischen ins Symbolische wirkt hingegen bemüht.

Der undurchsichtige jüdische Drahtzieher Aaron, ein Auschwitz-Überlebender, scheucht den deutschen Eindringling, der ihm zu nahe kommt, zunächst brutal weg, reist ihm dann aber bis nach München nach, um ihm zu eröffnen, wie sehr er ihm durch seinen Versuch, bei der Ben-Barka-Entführung einzugreifen, neue Hoffnung gemacht und einen "uneigennützigen Beweis von Menschlichkeit" gegeben habe. Spannungskitzel und humanistische Emphase vertragen sich schlecht, auch im Hohlspiegel einer gelungenen historischen Rekonstruktion.

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SZ vom 01.03.2016
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