Deutsche Literatur Ein Clown in düsterer Zeit

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017. 495 Seiten. 22,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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Bestsellerautor Daniel Kehlmann bewegt sich auf einem Sonderweg und hat die Geschichte des "Tyll" Eulenspiegel neu geschrieben: Ein großer Roman über den Dreißigjährigen Krieg, detailkundig, sprachmächtig und kunstfertig.

Von Christoph Bartmann

Der historische Till (oder Dil oder Dyl) Eulenspiegel soll um 1350 in Mölln begraben worden sein. Von den oft derben Streichen, Schwänken und Späßen des Vaganten Till erzählt erstmals die um 1510 in Straßburg veröffentlichte Sammlung "Ein kurtzweilig lesen von Dil Uilenspiegel", die dann ein Volksbuch wurde. Ihre Autorschaft ist bis heute nicht abschließend geklärt, die Figur hat sich seitdem weitgehend von ihrer Herkunft abgelöst. Man hat sie, je nach Interesse, in neue historische Kontexte gestellt, beispielhaft Charles de Coster, der 1867 den Till Eulenspiegel als flämischen Freiheitshelden und Widerstandskämpfer gegen die spanische Herrschaft neu erfand.

Daniel Kehlmann hat seinen "Tyll" nun in das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges verpflanzt. Ein neuer "Simplicissimus Teutsch" vielleicht? Von Grimmelshausens Epochenroman von 1668 war kürzlich in Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesungen ausführlich die Rede. Die Figur des schein-einfältigen Toren, Abenteurers und späterhin Einsiedlers, der sich als Joker in x Identitäten, Abenteuern und Stationen durch die Zeit schlägt, mag Kehlmann inspiriert haben.

Ein "Schelmenroman" ist sein "Tyll" trotzdem nicht geworden. Dazu fehlt seinem Eulenspiegel entschieden das Heitere, und mehr noch das Naive. Eher ist Kehlmanns Tyll eine Art Horrorclown in düsterer Zeit. Ein Überlebenskünstler, der auf wundersame Weise Pest, Krieg und Inquisition trotzt. Ein "Herr der Luft", der auf dem Seil dem staunenden Publikum eine Ahnung von Freiheit gibt. Ein übellauniger Narr, der seiner Herrschaft selten Freude macht. Niemand wird warm mit diesem Tyll, dessen größte Begabung zu sein scheint, seine Haut zu retten.

Kalt ist es in Deutschland in jenen Jahren. Die kleine Eiszeit hat Mitteleuropa ebenso im Griff wie die marodierenden Truppen verfeindeter Parteien. Die notleidende Bevölkerung sucht ihr Heil im Gebet, zu wem auch immer. "Zum Allmächtigen beteten wir und zur gütigen Jungfrau, wir beteten zur Herrin des Waldes und zu den kleinen Leuten der Mitternacht, zum heiligen Gerwin, zu Petrus, dem Torwächter, zum Evangelisten Johannes, und sicherheitshalber beteten wir auch zur Alten Mela, die in den rauen Nächten, wenn die Dämonen frei wandeln dürfen, vor ihrem Gefolge her durch die Himmel streift."

Der magische Realismus ist in dieser Welt der Heimsuchungen immer schon da; er muss nicht eigens hinzuerfunden werden. In der Holsteinischen Ebene stirbt kurz vor Ende des Krieges "der letzte Drache des Nordens. Er war siebzehntausend Jahre alt, und er war es müde, sich zu verstecken." Der Erzähler macht wenig Aufhebens um solche Wunder. Dem magischen Realisten ist nichts Übersinnliches fremd.

"Tyll" ist nicht nur kein Schelmenroman, sondern vielleicht nicht einmal ein Till-Eulenspiegel-Roman. Die titelgebende Figur führt in ihm beinahe eine Nebenexistenz. Sie bildet die Klammer, mit der die Stationen und Episoden der Erzählung vom großen Krieg zusammengehalten werden. Natürlich gibt Eulenspiegel die eine oder andere Probe seiner Kunst, ob als Seiltänzer oder als Messerwerfer. Anders als den historischen Till erlebt man ihn als Hofnarren im Dienst konkurrierender Herrscher. Mal trifft man ihn als Pionier bei der Belagerung von Brünn, mal als Ruheständler im Kloster Andechs an.

Mehr als um Tyll selbst geht es Kehlmann offenbar um ein historisches Panorama des Dreißigjährigen Krieges, ein Gesamtbild, für das er Tyll nicht zwingend gebraucht hätte. Es gibt Figuren in diesem Roman, die eindrücklicher sind als Eulenspiegel. Sein Vater etwa, der Müller Claus Eulenspiegel, ist ein veritabler Philosoph, ein Okkultist und Grübler, der nur das Pech hat, zwei durchreisenden Hexenjägern aufzufallen: dem englischen Jesuiten Tesimond, daheim auf der Fahndungsliste wegen seiner Beteiligung am "Gunpowder Plot" von 1605 gegen König Jakob I., und seinem Adlatus, dem jungen Athanasius Kircher, der sich später in Rom als Universalgelehrter oder vielleicht auch nur -schwindler einen Namen macht.

Zu den schillernden Figuren auf der Hauptbühne des Romans gehört auch Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, als "Winterkönig" Friedrich I. 1618/19 ein paar Monate lang König von Böhmen, ehe ihn der Kaiser vertreibt und er, mit Reichsacht belegt, sein restliches Leben im Exil verbringt. Und seine Gattin Elisabeth Stuart, Enkelin der Maria Stuart und Tochter Jakobs I., gegen den sich die katholische Pulververschwörung richtete. Wer einen farbigen, packenden Roman über den unglücklichen Winterkönig und seine unbeugsame Frau oder die letzte Schlacht von 1648 bei Zusmarshausen oder über die drakontologischen Forschungen der Herren Olearius und Fleming (der nebenbei ein deutscher Barockdichter war) in Holstein lesen will, der findet ihn hier. Detailkundig, sprachmächtig und kunstfertig ist dieser Roman, vielleicht Kehlmanns bestes Buch seit der "Vermessung der Welt".

Trotzdem wird auch dieser gelungene Roman die Kehlmann-Zweifler nicht ruhen lassen. Worauf will der Autor mit dieser pittoresken Geschichtsfiktion denn nun eigentlich hinaus? Müsste sich nicht irgendwo ein Türchen auftun in Problematiken der Gegenwart? Oder soll einem die dystopische Düsternis des von Krieg und Seuchen verheerten Reiches Gegenwartszeichen genug sein? Auf Aktualisierung hat Kehlmann es nicht angelegt, was kein Nachteil sein muss. Es scheint, als fasziniere ihn der sprachliche und kulturelle Fundus des Vergangenen mehr als seine möglichen Lektionen. Warum auch nicht einen Roman schreiben, der sich klug darauf beschränkt, eine vergangene Epoche so getreulich wie erfinderisch abzubilden?

Nichts anderes hat ja etwa zuletzt Hillary Mantel mit ihren berühmten Romanen über Thomas Cromwell getan. Dass Kehlmann mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und dem deutschen Gegenwartstheater nicht viel anfangen kann, hat er gelegentlich eingeräumt. In England, das fällt auch der englischen Gattin des Winterkönigs immer wieder schmerzlich ein, ist vieles besser: die Sprache melodischer, das Theater gekonnter, und die Sitten sind milder. Die Vorbilder, die für "Tyll" Pate gestanden haben mögen, wird man sicher nicht in der neueren Literatur finden. Eher ist wohl an jemanden wie Leo Perutz zu denken, über ihn hat Kehlmann in seinen Poetikvorlesungen ("Kommt Geister", 2015) gesprochen.

Dieser Roman zeigt seinen Autor unbeirrt und souverän auf seinem literarischen Sonderweg

Perutz, heute aus der Mode gekommen, zu Lebzeiten hoch geschätzt und viel gelesen, hat 1953 den Roman "Nachts unter der steinernen Brücke" veröffentlicht, einen Kranz von Episoden, die im Prag Rudolfs II. um 1600 angesiedelt sind. Der Rabbi Löw taucht darin auf, Kepler und Wallenstein, "Bettler, Narren, hohe Herren und fremde Abenteurer (...) ein Welttheater unvergesslicher Gestalten", so der Klappentext. Das Gleiche könnte man auch über Kehlmanns "Tyll" schreiben, ohne dass man ihn deshalb stilistisch in Perutz' Nähe bringen wollte.

Anders als Perutz hütet sich Kehlmann vor Blumigkeiten, thematisch und methodisch aber ist die Perutz-Parallele unverkennbar. Historische Romane als "Welttheater unvergesslicher Gestalten" stehen heute nicht hoch im Kurs. Demonstrationen auktorialen Könnens, etwa im kunstgerechten Umgang mit ja irgendwie "angeeigneten" historischen Stoffen, begegnet man derzeit eher mit Skepsis. Kehlmanns "Tyll" jedoch zeigt den Autor unbeirrt und souverän auf seinem literarischen Sonderweg. Mögen die anderen schreiben, was und wie sie wollen, er schreibt ein Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Daran, dass ihm die Mittel hierfür zu Gebote stehen, lässt er in "Tyll" keinen Zweifel.