Deutsche Literatur Der Bonobo und die Sterne

Raoul Schrott will in seinem "Erste Erde Epos" die Evolution des Kosmos und des Menschen in Poesie verwandeln.

Von Josef H. Reichholf

Der Vergleich von Raoul Schrotts Epos "Erste Erde" mit der Bibel drängt sich auf: Die Genesis, erweitert unserem Stand des Wissens gemäß, ergründet bis zu den Ursprüngen des Kosmos, fortgeschrieben bis zur Rückwirkung des Menschen auf die Schöpfung. Durch den Menschen entsteht gegenwärtig aus der ersten eine zweite, neue Erde.

Sieben Bücher sind in dem nahezu 850 Seiten dicken Epos vereint. Der Anhang, ebenfalls von Buchstärke, bildet ein achtes. Die einzelnen Texte dieses Epos brauchen die Auslegung. Auch darin gleicht es der Bibel. Und doch ist es ganz anders. Es ist zwar ein Werk über die kosmische und biologische Evolution, aber es forscht nicht nach einem Schöpfer oder der Schöpfung, sondern sucht das Werden zu verstehen. Nicht als Sachbuch, vielmehr als literarische Darstellung der längstmöglichen Geschichte. Die Fakten enthält dann Buch Acht, mit genauen Angaben, wo sie im Text des Epos enthalten sind. Dort entziehen sie sich selbst Kennern von Kosmogonie und Evolution beim Lesen mitunter, weil sie in den Reflexionen und Schilderungen persönlicher Erlebnisse zu verschwinden drohen.

Schreibt hier ein Kosmologe, der sich geschickt hinter literarischen Formen verbirgt?

Das ähnelt durchaus der erlebten Wirklichkeit, in der wir das (Da)Sein mühelos erkennen und als gegeben hinnehmen, das Werden jedoch, die unvermeidbaren Veränderungen, das Weiterlaufen der Zeit in der einen und nur der einen Richtung nicht wahrhaben wollen. Wir ziehen die fest gefügte, nachvollziehbare Ordnung einer Schöpfung, in der ein Schöpfer mit Absicht gestaltet hat, was "ist", der Unsicherheit eines Seins vor, das in fortwährendem Werden und Vergehen begriffen ist. Die Sterne am Himmel heißen die "Steher", die Unvergänglichen, die Planeten aber die "Geher", die Umgehenden, seit in grauer Vorzeit Menschen erstmals den gestirnten Himmel bestaunten. Aus dem alten "video", ich sehe, wurde dem Wortstamm und dem Sinn gemäß das Wissen, teilt uns Raoul Schrott mit und nennt die Wissenschaft, die sich aus dem Sehen entwickelt hat, eine "Experimentaltheologie".

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich, wer dieser Raoul Schrott eigentlich ist, der sich nachgerade anmaßt, ein Epos unter dem Titel "Erste Erde" zu verfassen. Ein Literat? Ein Kosmologe, der sich geschickt hinter literarischen Ausdrucksweisen verbirgt? Ein Paläontologe? Es muss jemand sein, der sich an den versteinerten Zeugnissen der Entwicklung des Lebens von der frühesten Zeit bis zu den Artefakten vergangener Kulturen erfreut und in die entlegensten Gebiete der Erde gereist ist, um an Ort und Stelle zu sehen, welche Beweise des Werdens die alten Gesteine freigegeben haben. Oder ist er ein Umweltaktivist, der die Menschheit von ihrem höchst gefährlichen Weg ins (missratende) Erdzeitalter des Menschen, in das "Anthropozän" abzuhalten versucht?

Das Werden der Galaxien, Sterne und chemischen Elemente dauerte unvorstellbare Jahrmilliarden

Nichts von alldem und alles zugleich ist dieses Epos mit wissenschaftlichem Anhang. Es ist eine sehr schwierige Lektüre, da die Texte, abgesehen von Einleitung und Anhang, in konsequenter Kleinschreibung und nahezu ohne Interpunktion gesetzt sind. Und anders als die antiken Epen hat dieses Epos kein vertrautes Versmaß und folgt auch nicht der Diktion der Bibel. Es ist Sprachexperiment eines modernen Autors mit lyrischen Elementen, Strukturgedichten und langen Erzählstrecken. Daran kann man sich gewöhnen. Schwieriger ist es, dem Stoff zu folgen. Geschichten und Gedanken vermengen sich unablässig, vielfältig verschachtelt, stets mit großer Ausdruckskraft geschrieben, doch mitunter so weit vom angeschlagenen Thema entfernt, dass kurze Randtexte erläutern müssen, wo man sich gerade befindet.

Lesereise

Lesen ist eine eigen- und einzigartige, ganz und gar menschliche Fähigkeit. Sie verlangt, dass in der Vergangenheit niedergelegte Zeichen durch einen kognitiven Akt in die Gegenwart geholt und mit aktueller Bedeutung versehen werden. Nicht nur Texte, sondern auch Fährten können gelesen werden - Gesichter, Karten, Zeichnungen, Musiknoten, Fahrpläne und Formeln. Immer ist Lesen eine konstruktive Auslese, die aus Buchstaben und Zeichen Information gewinnt und Sinn wortwörtlich macht. Die Bilder dieser Beilage stammen aus einem Band des amerikanischen Fotografen Steve McCurry (Lesen. Eine Leidenschaft ohne Grenzen. Mit einem Vorwort von Paul Theroux. Prestel Verlag, München 2016. 144 Seiten, 29,95 Euro). Über Jahrzehnte hinweg hat McCurry überall auf der Welt lesende Menschen porträtiert - unser Bild oben entstand in der New York Public Library. Auf seinen Aufnahmen scheinen die in ihre Lektüre vertieften Menschen zugleich ganz bei sich und ganz außer sich zu sein. Denn ein Leser ist nie allein.

Bernd Graff

Es geht um enorme Zeitspannen, in denen viel oder auch recht wenig geschieht. Denn die kosmische Evolution, das Werden der Galaxien, der Sterne und der chemischen Elemente dauerte unvorstellbare Jahrmilliarden. Kaum besser vorstellbar sind die Jahrmillionen der organismischen Evolution. Doch verliert man sich beim Lesen nie in der Einsamkeit der riesigen Zeiten und fast leeren Räume. Denn die Abläufe sind hier mit Persönlichem, Individuellem gefüllt, wie dem Verlust der Frau, dem autistischen Sohn, mit Sexszenen, die in fast pornografischer Manier zum Wesen des Lebens vorzudringen versuchen. Es gibt Rückblicke auf Naziverbrechen und immer wieder Zwischentexte über scheinbar Abseitiges, etwa den österreichischen Naturforscher Johann Natterer, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts im kaiserlichen Auftrag jahrelang als Sammler fürs Wiener Naturhistorische Museum in Brasilien unterwegs war und im Urwald fast vergessen wurde. So füllt sich durch Abschweifungen hindurch erst allmählich das Mosaik, das Raoul Schrott offenkundig anstrebt: Er will dem Werden des Kosmos, der Erde und des Menschen ein episches, filmartiges Gesicht geben.

Der Autor ist komparatistischer Literaturwissenschaftler, aber aus seinem Interesse am Naturgeschehen geht die Binnenstruktur dieses Opus magnum hervor, das sich, wie einst von den Alchemisten angestrebt, aus scheinbar zusammenhanglosen Massen herauskristallisiert. Hier sind es die Massen wissenschaftlicher Befunde, die in ihrer Fülle niemand mehr überblicken, geschweige denn verstehen und nachvollziehen kann. Daher sind einzelne Sätze, mögen sie noch so brillant formuliert sein, nicht im wissenschaftlichen Sinne beim Wort zu nehmen: "es gibt keine eine definition von leben sowenig wie die eines gedichts. man erkennt es sobald man es sieht" oder "die welt begann ohne den menschen ~ sie wird auch ohne ihn enden".

Die Analogie zur Bibel und die Rivalität mit ihr rufen Formulierungen wie diese hervor: "ob bücher religion oder natur ~ alles wird vom prinzip beherrscht sich zu binden ~ selbst ein ich: ich damals. Ich mit dir. oder hier ~ jedes Mal bin ich ein anderer ... ". "ich glaube nicht nur nicht an gott ~ ich hoffe dass es keinen gibt: ich mag nicht dass das universum ihn erlaubt. die natur ist mir genug."

An tief schürfenden Sentenzen reich ist das Buch wahrlich, überreich streckenweise. Aber es gibt auch ergreifend reale Szenen, etwa das Betrachten von Menschenaffen in Zoologischen Gärten, das zur verzerrten Spiegelung des eigenen Menschseins oder des (Un)Menschlichen wird. Ein junger Bonobo-Schimpanse wird geschildert, der im Schutz seiner dominanten Mutter aufwuchs und als Jungerwachsener eine dominante Position in der Gruppe beanspruchte. Die Bonobo-Gesellschaft, allen voran die Frauen, denen er zu aufdringlich geworden war, überfiel und tötete ihn. Die Hoden wurden ihm abgebissen, der Bauch aufgerissen, dass die Eingeweide hervorquollen; er wurde wie in schlimmster Form von Kannibalismus zerfleischt. Den verstörenden Hintergrund fanden die Forscher heraus. Der Schimpanse, den sie Jesus genannt hatten, war das lebende Zeugnis eines heimlichen Seitensprungs seiner Mutter mit einem Bonobo-Mann aus einer anderen, rivalisierenden Gruppe - ein halb Fremder also, was seinen gewaltsamen Tod umso befremdlicher macht.

Ein passender Kommentar zu diesen und anderen Geschehnissen findet sich bereits Dutzende Seiten zuvor: "wozu noch poesie. ihre scheiternde anteilnahme an den dingen ihre ohnmächtige ausdruckswut. das reden in zungen der blick durch masken anderer um wechselnde vokale miteinander zu reimen ~ während aus der kehle der natur unübersetzbares rauschen dringt . . .". "der wind verweht das leben das nichts erfleht weil es sich um sich selber dreht unscheinbar. allgegenwärtig. und stet leben das uns überdauern wird". So steht es hier geschrieben und gibt Rätsel auf, was damit gemeint ist.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Welche Bilanz mag man nach der Lektüre ziehen? Aus naturwissenschaftlicher Sicht müsste sie mit Blick auf den Anhang trotz der anstrengenden Verschachtelung der Prozesse in ein literarisches Konstrukt positiv ausfallen. Zu bemängeln wäre allenfalls, dass Quellenangaben fehlen. Sie hätten ein neuntes Buch gefüllt. Aber wird dem Leser des Epos die Evolution hinreichend deutlich? Der Naturwissenschaftler wird bezweifeln, ob das Werden von Kosmos, lebendiger Natur und Mensch am Ende der sieben Bücher verstanden ist. Ein Einspruch lässt sich mit Bezug auf die Bibel formulieren: Weder versteht man am Ende der Thora "alles", noch erklären Altes und Neues Testament die gesamte Schöpfung und den Menschen. Am lehrreichsten ist die Bibel in ihren Einzelstücken.

Das Epos liest sich, als ob der Mensch das Ziel der kosmischen und biologischen Evolution wäre

Schwerer wiegt ein anderes Manko. Das Epos liest sich, als sei der Mensch das Ziel der kosmischen und biologischen Evolution. Doch die Evolution verlief nicht zielgerichtet. Die Entwicklung des Lebendigen folgte nicht der einen "Linie" von den ersten Anfängen über einfache, wurmartige Organismen und weitere Zwischenformen hin zu Säugetieren und einem ihrer Sprosse, den Primaten, aus dem die Stammeslinie der Menschen hervorgegangen ist. Die Säugetiere haben Vögel als Parallele, die sie in vielen Leistungen übertreffen; die Wirbeltiere an Land die Insekten, die Lebewesen mit der allergrößten Artenvielfalt, im Meer die Krebstiere - und so fort. Die Entstehung des Menschen war weder notwendig noch vorhersehbar. Evolution ist ein zukunftsoffener Prozess. Unsere Beliebigkeit als Produkt dieser Evolution versteckt sich wiederholt im Text, am deutlichsten vielleicht am Ende des siebten Buches, wo Raoul Schrott über das Kommen einer weiteren Eiszeit sinniert: "das geschiebe des eisstroms eisen und stahlbeton zermalmend. jedwedes bauwerk schleifend bis zum nackten fels darunter ~ während das meer zurückkehrt sich über die äonen firn und ferner gewordenen erde breitet . . . gleissend unter der kuppel eines anderen himmels. feines gestöber ~ metallen im gegenlicht zu hören nur das rauschen und heulen des winds: hart und fremd". Das Buch ist ein Experiment; als solches strapaziert und erhellt es.

Der Autor ist Zoologe und Evolutionsbiologe und war bis 2010 Sektionsleiter Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München.