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Deutsche Geschichte:Anständig leben

Die Briefe des Romanisten Victor Klemperer ergänzen seine Tagebücher aus dem nationalsozialistischen Deutschland. In ihnen spiegelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts vom Wilhelminismus bis in die DDR.

Victor Klemperer - 50. Todestag

Victor Klemperer.

(Foto: dpa)

Im Juni 1946 fragte ein Historiker den Romanisten Victor Klemperer, warum er so streng über Geisteswissenschaftler in Hitlerdeutschland urteile. Im "Aufbau", der Zeitschrift des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, hatte Klemperer geschrieben: "Denn man konnte unter Hitler auf keinem geisteswissenschaftlichen Katheder bleiben ohne die Wahrheit zu verraten." Solch schroffe Strenge, schrieb nun Otto Vossler, der 1938 Ordinarius für neuere Geschichte in Leipzig geworden war, könne nur weiter Unheil, Unruhe, Unrecht, Hass erzeugen. Er empfahl Milde, gab aber zu, dass er während der "Tausend Jahre" in "einer ungleich glücklicheren Lage war" als Klemperer.

Dessen Antwort auf den "Vorwurf der Rachsucht, den Vorwurf der unwahren Behauptung" fiel lang und klar aus, wenn auch freundlich und verbindlich im Ton. Der ihm da geschrieben hatte, war der Sohn seines akademischen Lehrers, des Romanisten Karl Vossler, den Klemperer liebte "als den genialsten Philologen, dem ich im Leben begegnet bin" und "als den allersaubersten und tapfersten Mann und Menschen".

Was Klemperer im dritten Reich angetan wurde, hätte Otto Vossler von seinen Eltern wissen können. Das lesende Publikum erfuhr einiges davon aus dem inzwischen klassischen "Notizbuch eines Philologen", das unter dem Titel "LTI" (Lingua Tertii Imperii) 1947 erschien. Einer Freundin, die sich in letzter Minute nach England hatte retten können, schilderte Victor Klemperer nach der Befreiung, wie es ihm, dem Sohn eines Rabbiners, getauft und Protestant, und seiner tapferen Frau Eva, nach den ersten Schikanen, der Aufkündigung der Buchverträge, der Vertreibung aus der Universität, der Verstoßung aus dem öffentlichen wie dem bürgerlichen Leben, weiter ergangen war: "Wir sind jahrelang von der Gestapo verfolgt u. immer wieder - alle beide - schwer mißhandelt worden, wir lebten in Judenhäuser gepfercht, wir hatten immer wieder Hausdurchsuchungen mit Schlägen, Fußtritten etc.; ich tat Zwangsarbeit in Fabriken, wurde von der Straße weg verhaftet, lernte Einzelhaft kennen, usw. usw."

Klemperer starb desillusioniert, vom Erleben des Sozialismus zum Antikommunisten erzogen

Im Februar 1945 war die Vernichtung der noch etwa 70 überlebenden Sternträger in Dresden beschlossen. Man sei sich, schreibt Klemperer, immer vorgekommen "wie Odysseus bei Polyphem: ,Dich fress' ich zuletzt!', die Gestapo drängte bei jeder Hausdurchsuchung: ,Kauf dir doch endlich für 10 Pf. Gas, wir quälen dich ja doch zu Tode, nimm uns die Arbeit ab!". Als Dresden am 13. Februar 1945 bombardiert wurde, konnten Klemperer und seine Frau entkommen.

In seinem Tagebuch der zwölf Hitlerjahre - es wurde 1995 unter dem Titel "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" veröffentlicht - hat Victor Klemperer die Alltagsgeschichte der Entrechtung und Ermordung protokolliert. Im Vergleich zu den vielen tausend Seiten der Tagebücher - die aus der Weimarer Republik, aus der Nachkriegszeit wie der DDR sind ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen -, gemessen also an diesem Riesenwerk, wirkt die Briefausgabe "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen" sehr schmal. Das erste Schreiben stammt aus dem Jahr 1909 und ist an die Witwe des österreichischen Romanciers und Erzählers Karl Emil Franzos gerichtet. Der letzte Brief in dieser Ausgabe überwiegend unveröffentlichter Korrespondenz ist ein Gruß Marta Feuchtwangers aus Pacific Palisades, Genesungswünsche vom 27. Januar 1960. Am 11. Februar 1960 starb Klemperer, desillusioniert, von der Wirklichkeit des Sozialismus zum Antikommunisten erzogen, in Dresden.

"Ist das auch eine sachliche Rechtfertigung der Milde? Bleibt ein Mord weniger Mord, wenn mir das Blut nicht gerade ins Gesicht spitzt?"

Die Auswahl verspricht, erstmals die überlieferte Korrespondenz Klemperers zu erschließen. Editorische Bemerkungen und Erläuterungen fallen denkbar knapp aus. Damit lässt man den Leser, der mehr will, als ein Lebensbild nachzuvollziehen, unnötig allein. Eine leserfreundliche Ausgabe müsste mehr Informationen für jene enthalten, die mit der Geschichte der deutschen Romanistik oder der DDR-Kulturpolitik nur obenhin vertraut sind. Ein Hinweis hätte nicht geschadet, warum Klemperer 1923 im Werk von Ernst Robert Curtius "ein eitles Aestheten- und freches Pfaffentum" am Werk sah. Er wechselt später auch Briefe mit seinen großen Kollegen Erich Auerbach und Werner Krauss, einem Kenner des 18. Jahrhunderts wie Klemperer. Was verband, was trennte sie? Und was sagen Berichte in Ost oder West über die in der Hochzeit des Kalten Krieges gehaltenen Vorträge?

Nicht alles erschließt sich durch aufmerksames Lesen, und Klemperer schreibt stets so, dass man von der Wichtigkeit der Details überzeugt ist. Wenn man liest, dass ein angeblich antisemitisches Kapitel aus "LTI" gestrichen werden muss, weil Klemperers Kritik am Zionismus - ihm war "jüdischer Nationalismus noch verhaßter als jeder andere Nationalismus" - maßgeblichen Stellen missverständlich schien, dann erführe man gern etwas über die Geschichte der "LTI"-Ausgaben.

Trotz der Schwächens des editorischen Apparats fesseln diese Briefe, sie langweilen nicht, was in erster Linie an Klemperers Formulierungskunst liegt. Er hat lange zwischen Kulturjournalismus und akademischer Laufbahn geschwankt. Er verbindet die Lust am Erzählen, an Zuspitzungen, Pointen mit, es lässt sich wohl kaum anders sagen, großem sittlichen Ernst.

Deswegen entgegnet er Otto Vossler 1946: "Aber auf dem Katheder - das ist einfach nicht aus der Welt zu schaffen - auf dem Katheder hat das dritte Reich nicht einen gelassen, der auch nur im entferntesten zu sagen gewagt hätte, was zu sagen seine Pflicht gewesen wäre." Human differenzierend konzediert Klemperer "einzelne besonders tragisch gelagerte halbe oder ganze Ausnahmefälle". Zu recht aber empört ihn der argumentative Rückzug aufs Erleben. "Sie begründen psychologisch Ihre milde Stimmung damit, dass Sie in glücklicheren Verhältnissen als ich durch diese grässliche Zeit gekommen sind. Ist das auch eine sachliche Rechtfertigung der Milde? Bleibt ein Mord weniger Mord, wenn mir das Blut nicht gerade ins Gesicht spritzt?"

"Alle sind von Anfang an im Geheimen die schroffsten Gegner der Hitlerei gewesen."

Nein, im Fall der Milde, davon war Klemperer 1946 überzeugt, wäre über kurz oder lang "der alte Zustand von 1933" wieder erreicht. Beinahe täglich wird Klemperer um Persilscheine oder Zeugnisse für die Rehabilitierung gebeten: "und alle sind von Anfang an im Geheimen die schroffsten Gegner der Hitlerei gewesen und alle, buchstäblich alle haben sie jüdische Freunde gehabt". Dies Schauspiel sei so erbärmlich, versichert Klemperer, dass der verehrte Kollege Otto Vossler auch diesmal wieder in glücklicherer Lage sei.

Die Diskussion wird bald vom Kalten Krieg überlagert. Klemperer, der im November 1945 in die KPD eintrat, in der DDR viele Funktionen bekleidete, bemühte sich um Verständigung zwischen Ost und West. Scharfmacher aus beiden Richtungen machten ihm das Leben schwer. In den Tagebüchern lässt sich das genauer verfolgen. Die Briefe bieten Schlaglichter.

Bewegende, interessante Zeugnisse sind die Briefe an Klemperer, Briefe seiner Familie, seiner Kollegen, seiner Leser, einiger Freunde. Karl Vossler etwa charakterisiert scharf seine Universitätskollegen und liefert Beispiele aus der Sprache des dritten Reiches, "ehernes Blech". Julius Bab, ein Autor der Berliner Moderne, einst Dramaturg bei Max Reinhardt, schreibt aus den USA, warum er nicht nach Deutschland zurückkehren will.

Einmal, 1936, entlassen, ratlos, in Überlebensnöten inmitten der Volksgenossen schreibt Klemperer an seine Schwester: "So ein recht fester Glaube an eine wohlgeheizte Hölle - Mindesttemparatur 2000 Grad, das wäre doch eine herrliche Sache." Das Schrecklichste lag noch vor ihm. Warum und wie er danach als gegen alle Wahrscheinlichkeit Überlebender von Anstand, Menschlichkeit, Vernunft schrieb, steht in diesen Briefen.

Victor Klemperer: Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen. Herausgegeben von Walter Nowojski und Nele Holdack unter Mitarbeit von Christian Löser. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 640 Seiten, 28 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 17.06.2017

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