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Deutsche Geschichte:Anarchie des Anfangs

"Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955": Harald Jähner entwirft eine Mentalitätsgeschichte der Nachkriegsjahre.

Von Frank Bösch

Im Gedächtnis vieler Familien sind die Nachkriegsjahre weiterhin sehr präsent: das Überleben zwischen Ruinen, das Hamstern und die Schwarzmärkte, die Flucht aus dem Osten oder die verordnete Aufnahme von Vertriebenen in der eigenen Wohnung. Über den Nationalsozialismus ließ und lässt sich schwer sprechen. Über die schweren Jahre nach 1945 schon. Denn nun konnten sich die Deutschen als Opfer stilisieren, die geschickt überlebten und den Neuanfang in die Hand nahmen.

Harald Jähner, lange Feuilleton-Chef der Berliner Zeitung, hat ein bemerkenswertes Buch über den chaotischen Alltag nach 1945 geschrieben. Es sind nicht neue Quellenfunde oder eigene Recherchen, die es auszeichnen, da er an eine breite Forschungsliteratur anknüpfen kann. Vielmehr findet dies glänzend formulierte Werk immer wieder starke griffige Formulierungen, um die spannungsreiche Zeit in ihren Paradoxien zu fassen. Gerahmt mit eindrucksvollen Fotos schildert es die Nachkriegsjahre als eine aufregende Anarchie, bei der Leid und Aufbruchstimmung verbunden waren. In vielerlei Hinsicht erinnert es an die Kamerafahrten eines Dokumentarfilms: Einzelne Erlebnisse und Stimmen werden eingeblendet, dann folgt der Schwenk in die Szenerien einer aufgelösten Gesellschaft.

Der Titel "Wolfszeit" lässt an wilde Kämpfe und blutige Vergeltung denken. Tatsächlich ist das Erstaunliche, dass diese ausblieben. Wölfe waren die Nachkriegsdeutschen eher, weil sie in Rudeln durch Wälder streiften, um eine neue Heimat oder Nahrung zu finden. Was als Diebstahl galt, wurde neu definiert. Wer etwas ergatterte, musste fürchten, es wieder zu verlieren. Jähner malt farbenreich ein Bild des großen Wanderns von Millionen Versprengten. Die Furcht vor den freigelassenen Zwangsarbeitern und die Ablehnung der Vertriebenen schildert er in vielen Beispielen. Die Schimäre der Volksgemeinschaft platzte, als Pommern und Schlesier vor der Tür standen. Sie einzuquartieren, gelang nur unter staatlichem Zwang.

Familie im zerstörten München, 1940er Jahre

Eine Familie vor den Trümmern Münchens richtet den Blick in die Zukunft.

(Foto: Anheas/Timeline Images)

Ebenso eindrucksvoll stellt Jähner die prekäre Lage der überlebenden Juden dar. Ihr Schicksal ist gut erforscht. Sie lebten weiter in Lagern und mussten Klagen der Deutschen über ihre Vorzugsbehandlung ertragen. Besonders bedrückend ist die Ablehnung, auf die jüdische Rückkehrer aus dem Exil stießen.

Nicht minder deprimiert waren die großen Schriftsteller von einst, die aus der Emigration zurückkamen und nun zu Deutschlands Wandlung beitragen wollten. Thomas Mann stieß ebenso auf kalte Distanz wie Alfred Döblin, dessen französische Uniform als Affront galt. Und der Stern-Chefredakteur Henri Nannen verunglimpfte Hans Habe in geradezu nationalsozialistischer Manier. Harald Jähner umkreist immer wieder mit griffigen Formulierungen den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die lange Heimkehr zu Fuß habe die deutsche Niederlage in einen persönlichen Sieg verwandelt. Er spricht zudem von der "Gnade der erlebten Schrecken" und einem Überlebenstrieb, der die Schuldgefühle verdrängte. Der Schock der radikalen Ernüchterung habe so zum Gelingen der Demokratie beigetragen. Der Nationalsozialismus sei wie eine Droge gesehen worden, zu der man durch Hitler verführt worden sei. Nach deren Absetzung war der Rausch vorbei und die Sicht auf die Welt wieder normal.

Amerikanische GIs und Deutsche, ehemalige Nazis und Verfolgte, die sich eben noch in den Tod schickten, saßen nun beim Fußballspiel nebeneinander, als wäre nichts gewesen. Zugleich akzentuiert Jähner die wechselseitigen Entlastungsschreiben bei der Entnazifizierung, die "Persilscheine", als kleinen Triumph der Unbescholtenen. Gegenüber den Opportunisten konnten sie nun einen Moment der Macht genießen.

Den Neubau Deutschlands fasst Jähner als Teil dieser inneren Verwandlung. Die "Kriegsendmoränen" sieht er als Spiegel des inneren Zustandes der Deutschen. Gerade deshalb hätte man das Ordnen und Aufräumen der Trümmer immer wieder fotografiert. Die Leichtigkeit des Wohnens und besonders der Nierentisch waren in diesem Sinne Teil des Neuanfangs, der von der Last der Vergangenheit befreien sollte.

Viel Aufmerksamkeit widmet Jähner der ausgelassenen Sehnsucht nach Vergnügen. Er spricht von einer Tanzwut, die einem fröhlichen Leichenschmaus nach einer Beerdigung geglichen habe. In Zeiten öffentlicher Rauchverbote wirkt es noch eigentümlicher, wie amerikanische Zigaretten zur inoffiziellen Leitwährung werden konnten. Sie zu rauchen, glich dem Verbrennen von Geld. Gerade deshalb wurde es lustvoll zelebriert. Die Wirren des Schwarzmarktes sieht Jähner zudem pointiert als Schule der Kommunikation und radikalisierte Markterfahrung.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2019. 480 Seiten, 26 Euro.

Viel Raum erhalten die Frauen. Sie hätten ihre Sexualität neu ausgelebt. Ein langer Abschnitt ist Beate Uhse gewidmet. Deren mittlerweile gut erforschter Aufstieg, der mit Aufklärungsbroschüren begann und durch unverlangte Werbesendungen an Fahrt gewann, ist mehr als eindrucksvoll. Zugleich ist sie natürlich eine Ausnahmefrau in der männlichen und dann doch prüden Ära Adenauer. Ansonsten erinnern diese Abschnitte an das Setting im Film "Das Wunder von Bern": In die Welt der selbständigen Frauen traten gebrochene Heimkehrer, die als narzisstische Tyrannen die Familie schikanierten. Gescheiterte Ehen und Trennungen waren die Folge.

Der Titel des Buches verspricht einen Blick auf ganz Deutschland. Da es den politischen Rahmen ausspart und sich auf die Lebenslagen konzentriert, lassen sich Ost- und Westdeutschland leichter verbinden. Im Vordergrund steht jedoch der Westen. Die sowjetische Besatzungszone wird mit kurzen, weniger originellen Passagen hier und da gestreift, etwa zu Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee und der Landverteilung an Flüchtlinge. Entsprechend endet das Buch mit dem Wirtschaftswunder und dem Aufbruch in die Demokratie, nicht mit dem Aufbau des Sozialismus und neuen Verfolgungen.

Mit Blick auf den Osten hätte der Titel "Wolfszeit" sicher noch eine andere Bedeutung geben können, da nun viele einst Verfolgte neue Rudel bildeten, die zubissen. Ohnehin wird die Zeit nach der Währungsreform 1948 eher gestreift. So bleibt ausgespart, wie krisenhaft die junge Bundesrepublik 1949/50 begann, etwa mit steigender Arbeitslosigkeit.

Es ist zudem ein Buch über die zerbombten Städte im Westen, weniger über den ländlichen Raum. Dort gab es kaum Trümmer, Fest- und Kinosäle, in denen ausgelassen mit GIs getanzt wurde. Ebenso standen dort keine Nierentische und leichtes Mobiliar, sondern weiterhin schwere Schrankwände. Die gute Stube war in der Ära Adenauer noch lange kein Partyraum, sondern abgeschlossen.

Dennoch: Als Stimmungsbild der Nachkriegsgesellschaft ist dies ein grandios verfasstes Buch. Die starken Formulierungen und zugespitzten Beobachtungen unterscheiden es von anderen Büchern. Im Unterschied zu den Werken der Historiker verzichtet Jähner auf politische Rahmungen und statistische Einordnungen, glänzt dafür durch starke Begriffe. Um Jüngeren die chaotische Welt nach 1945 zu verdeutlichen, ist dies ein großartiges Lesebuch.

Frank Bösch ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

© SZ vom 20.02.2019
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